Bald dreht sich die Discokugel zum allerletzten Mal – Abensberger Kult-Laden macht zu

Im Frühjahr geht eine Ära zu Ende. Die Disco Center in Abensberg macht dicht: Die Geltls sperren nächstes Jahr das zweite Wohnzimmer vieler Abensberger zu – und damit auch ein Stück weit ihr eigenes.
Wenn irgendwann im April oder Mai die Geltls das letzte Mal den Schlüssel in der Eingangstür umdrehen, sie zum letzten Mal die schwarze Treppe in „ihre“ Disco hochgehen, dann schließen sie damit auch ein Kapitel in ihrem Leben ab, das sie 42 Jahre lang durch so manche Tiefen und ganz viele Höhen führte.
Der Boden, all das Mobiliar, ja, selbst die Wände, die könnten viele Geschichten erzählen, von durchtanzten Nächten, heißen Flirts, schlimmem Liebeskummer oder neu gewonnenen Freunden. All das ist ein bisschen in die Jahre gekommen, versprüht dabei seinen eigenen Charme. In Zeiten von glattgebügelten Instagram-Interieurs ist das Center mit seinen vielen Ecken und Kanten so etwas wie ein Einhorn. Andere Discobetreiber haben längst schon das Handtuch geworfen. Was machen die Geltls also anders als andere? „Gar nichts. Wir hatten auch Höhen und Tiefen und mussten uns immer was einfallen lassen“, so Hans-Jürgen Geltl, „wir waren einfach hartnäckiger“. Denn ums große Geld sei es ihnen nie gegangen , „wir haben nie nur die Kohle scheffeln wollen, wie so manche ander Discobetreiber. Wir sind uns selber treugeblieben.“
„Es ist aber jetzt einfach an der Zeit“, sagt Petra Gelt. Ihr Mann dagegen hätte gern noch ein bisschen weitergemacht. Doch bei dem 71-Jährigen spielt die Gesundheit nicht mehr so mit. Irgendwann muss da einfach Schluss sein. Die Geltls sperren nächstes Jahr das zweite Wohnzimmer vieler Abensberger zu – und damit auch ein Stück weit ihr eigenes.
„Aus Jux und Dolllerei“
1972 übernahm Hans-Jürgen Geltl die Disco samt Cafébar im Erdgeschoss, in der er sich als Jugendlicher selbst mehr Stunden als er zählen kann, aufhielt – „durch Blödsinn“, wie er schmunzelnd sagt. „Der vorherige Betreiber wollte sie nicht mehr“. Aus reinem „ Jux und Dollerei“ hätten sie dann zu zweit, er und noch ein anderer, damals eingewilligt, zu übernehmen.
Seine Frau kannte er da auch schon. „Ich war ziemlich jung und dachte mir, ,naja, wenn er meint.‘ “ Bedient habe sie schon zuvor, und zwar gern. Damit hat sie dann im Center und in der Cafébar gleich weitergemacht.
Schon bald blieb es nicht mehr beim Teilzeitbedienen. Wie ihr Mann, der als Fernsehtechnikmeister in Regensburg arbeitete, hängte auch sie ihren Job in der Apotheke an den Nagel und widmete sich fortan dem Lokal. „Wir hatten ja nur einen Ruhetag damals“, erzählt sie.
Während sie also bediente, war der Geltl Hans, wie ihn viele nennen, der „Mann fürs Grobe“– was sich brachialer anhört, als es ist. Denn Schlägereien gab es in all den Zeiten nur wenige. Die Gäste kannten sich untereinander, passten aufeinander auf, machten die Geltls schon einmal darauf aufmerksam, wenn wo irgendwer ein krummes Ding abzog.
Aber dass Geltl ein Händchen für Technik hat, eben der „Mann fürs Grobe“ ist, kam dem Betrieb sehr zupass. Denn wenn in der Disco die Musik oder das Licht ausfällt, dann ist das normalerweise der Supergau. Geltl aber wusste sich stets zu helfen. Auch für die Livemusik, und die war und ist nicht selten hier zu Gast, hat er ein Faible. „Ich habe viel Material auch selbst“, sagt er. Die Bands, die kommen, wissen, dass Geltl eine gute Ausstattung hat: Kabel, Boxen, Licht und Tontechnik – alles da. Mündliche Absprachen reichen meist. Und Werbung muss Geltl nicht mehr machen. „Ich würde jeden Tag eine Band kriegen, wenn es sein muss.“ Für viele Bands ist das Center Stammlokal, die Luis Trinkers gingen hier ein und aus, auch für Dr. Vintage, Bottom of This, Santa Rausch und die Zubrenntiere oder Mystic Eyes war und ist das Center eine Heimstatt. Und auch der Jazzclub gastiert hier. Wo er künftig unterkommen soll – Geltl ist selbst auch Mitglied im Jazzclub – ist derzeit noch ungewiss.
Andere Bands, aus den Anfangszeiten gar, die hier auftraten, kannte man bis weit über die Grenzen Abensbergs hinaus, wie beispielsweise Mungo Jerry, von denen der Hit „In the summertime“ stammt oder Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich.
Gute Musik ist freilich das A und O einer Disco. Geltl setzt vor allem auf Rock. Aber in den vergangenen Jahren sei es immer schwieriger geworden, DJs zu bekommen. Dann „legt“ auch schon mal er selbst oder Tochter Ines auf. Die Plattensammlung von einst, die hat er auch noch. Auf dem DJ-Pult kommt die freilich nicht mehr zum Einsatz, die Musik kommt über den Laptop.
Wie eine Familie
Viele Parties haben seine Gäste hier gefeiert und die Geltls waren immer mitten drin, wie bei einer großen Familie. „Ich bin kein typischer Wirt“, sagt Geltl, „wir weinen und lachen zusammen.“ Da war auch schon mal Zeit, selbst zu tanzen, wie es Petra Geltl hier und da gerne tut. Einige Stammgäste halten dem Center seit Jahrzehnten die Treue. Bei „Forever Young“, wenn das Center bereits um 20 Uhr aufsperrt und Rockklassiker laufen, ist die Tanzfläche ab der ersten Minute voll. Dann tanzt Alt und Jung nebeneinander.
Auch diese Zeiten werden die Geltls vermissen, genauso wie „dass ich da herinnen sitze“, und der Geltl Hans zeigt auf die Cafébar im Erdgeschoss, deren Wände eine Bekannte mit indigenen Symbolen bemalt hat. „Die Leute, die man im normalen Arbeitsleben niemals kennengelernt hätte, werden mir abgehen“, fügt seine Frau hinzu.
Wie es weitergeht? Die Geltls wissen es nicht. Das Gebäude gehört der Brauerei Kuchlbauer. Es müsse vieles gemacht werden, um weiterhin als Disco laufen zu können. Diese Investitionen müsse man dann erst mal wieder einnehmen.
Ohnehin sei es schwer, im Stadtzentrum wieder eine Konzession für den Discobetrieb zu bekommen, ist Geltl überzeugt.
Tanzende Mäuse:
Vergangenheit: Hans-Jürgen Geltl hatte in einem anderen Interview erwähnt, dass er noch wüsste, wie es hier früher ausgesehen hätte. Als er Kind war, tanzten hier allenfalls die Mäuse: Da war dort, wo jetzt die Disco ist, Getreide gelagert.
Viele Namen: Das Center hieß Center 2000 und auch Disco City. Das 2000 fiel weg, weil es auf Bannern zu viel Platz gebraucht hätte.
Viele Bands: Auch in den kommenden Wochen spielen viele Bands. Livemusik gibt es an diesem Freitag ab 20 Uhr mit In.Faded. Die beiden Luis-Trinkers-Konzerte am nächsten Wochenende sind ausverkauft. Am 7. Dezember (20.30 Uhr) spielen Dr. Vintage, auch Santa Rausch und die Zubrenntiere sind zu Gast (30.11., 21 Uhr) und am 25. 12. heißt es wieder (ab 20 Uhr) Rock meets X-mas.


