Mit vier Nachtwächtern ging es durch die reichhaltige Geschichte in Roding

Von Jakob Moro · 4. November 2024 um 05:00

120 geschichtlich interessierte Bürger folgten der Einladung zur Premiere der Nachtwächter-Stadtführung in Roding (Landkreis Cham) an Halloween – dafür musste sogar der Treffpunkt verlegt werden.

Wenn die braven Menschen ruhten, drehte früher der Nachtwächter seine Runden durch die dunkle Stadt und sorgte für die Sicherheit der Menschen. Zur ersten Nachtwächter-Stadtführung am Donnerstagabend kamen 120 Teilnehmer, Junge und Alte, Rodinger und Nicht-Rodinger, auch viele Auswärtige, die von weiter her angereist waren, ebenso wie erst kurz vorher Zugezogene. Sie alle wollten einmal Roding näher kennenlernen, wie sie erklärten.

Erst wollte man sich beim Alten Rathaus treffen. Doch dann waren so viele Anmeldungen schon vorab eingetroffen, dass sich die Verantwortlichen entschlossen, die Veranstaltung in der Fronfeste zu beginnen. Dort startete die unterhaltsame und informative nächtliche Führung durch Roding zu sechs Stationen.

Zum Abschluss Glühwein am Lagerfeuer

Die Nachtwächter berichteten Historisches aus der Feder des gebürtigen Rodingers Peter Reidl. Ziel der vier Gruppen mit Tobias Reidl, Reinhard Kerscher, Josef Pusl und Georg Spagl als Nachtwächter war der Esper, wo es bei einem Lagerfeuer zum Abschluss Glühwein gab und Bürgermeisterin Alexandra Riedl den Teilnehmern und besonders den Interpreten des Abends dankte.

Waren ursprünglich erst ein, dann zwei, dann drei Nachtwächter vorgesehen gewesen, musste noch ein vierter gesucht werden, informierten die Verantwortlichen. Die Führung der Gruppe mit Tobias Reidl als Nachtwächter begann beim „Loch“.

Tobias Reidl sammelte seine Gruppe und rief: „Guglmann, auf geht’s“, und es ging zur ersten Station, den Durchgang durch das Alte Rathaus. Reidl weiter: „Ihr Lieben, herzlich willkommen zur ersten historischen Nachtwächterführung. Mein Guglmann und ich haben die Ehre, durch Roding zu führen. Eine Bitte hab’ ich an euch. Ein bisschen ruhig. Die Ratscherei kann der Nachtwächter nicht leiden. Und der Guglmann schon gar nicht. Es warten viele Überraschungen auf euch. Folgt mir bitte schweigend.“

Loch, Narrenhäusl, Pranger

Erster historischer Ort: Loch im Rathaus, Narrenhäusl und Pranger. Das Loch diente als Strafort für Kleinkriminelle und Tagediebe (nur Männer). Sie kamen maximal zwei Tage ins Loch, von der Unterwelt Ganserer genannt. Ins Narrenhäusel, wahrscheinlich irgendwo am Rathaus, kamen Betrunkene zur Ausnüchterung. An den Pranger, beim Rathaus zur Schau gestellt, kamen auch Frauen – und in die Schandgeige, erzählte Reidl.

Zweiter historischer Ort: Johannisbrunnen und Picheltor: An der Chamer Straße zwischen Elektro Pohl und der ehemaligen Metzgerei Michael Aumer stand das Bücheltor. Darunter verbirgt sich die Johanniskapelle, und diese überdeckt den letzten offenen Brunnen Rodings, an dem sich jahrhundertelang die Bewohner des Regenviertels, des Espers und des Mooses mit frischem Wasser versorgten. Es gab noch keine Wasserleitung sowie keine Klosetts mit Spülung. Das „Häusl“ war hinterm oder am Haus, bei den Metzgern, in den Wirtshäusern, oder auf der Miststatt. Die Metzger verbrauchten viel Wasser, und es flossen viel Blut und sonstige Schlachtabfälle in den Regen, erzählte der Nachtwächter.

Ab 1856 baute der Magistrat einen offenen Kanal vom Röhrlbrunnen (bei der Stadtapotheke) über die Bäckergasse zum Regen. Die Abfälle von fünf Schlachthäusern gelangten über diesen Graben in den Regen, wo Kanalratten und Raubfische der Beute harrten. Zum Johannisbrunnen gehörte ein gemauertes Becken für das abfließende Wasser, ein Treffpunkt für die „Waschweiber“, die dort ihre Wäsche wuschen. Das nun gebrauchte Wasser lief in den Regen.

In Roding hatte bald jedes dritte Haus einen Brunnen. Zum 1. Januar 1900 wurde nach dem Rücktritt von Georg Haas der Kaminkehrer Anton Trautner Bürgermeister und behielt das Amt bis zu seinem frühen Tod 1906. Er und einige seiner fortschrittlichen Mitstreiter im Rat wollten eine Wasserleitung haben. Von einer Kanalisation wurde noch gar nicht gesprochen, die kam erst mit dem Kasernenbau (1956-1959).

Nach Schwierigkeiten mit einigen Konservativen, die nicht auf ihren Brunnen verzichten wollten, fing man 1901 mit dem Bau an. Die Wasserleitung war 1903 fertig. Viele Brunnen wurden verfüllt. Der Johannisbrunnen galt als geweihter Ort und Pilgerstätte: Jährlich am Tag des Täufers, am 24. Juni, fand eine Prozession dorthin statt, ebenso am Prangertag und an Erntedank, nachweislich seit 1828. Der Malermeister Georg Dieß senior (1864-1926), Leiter der Schnitzerschule, hat 1903 in einem Stuckrahmen auf Blech ein Bild der Taufe Jesu im Jordan durch Johannis gemalt, und dieses wurde über der Quelle angebracht. Die Quelle ist sichtbar und von einem Gitter gesichert. Die Johanniskapelle wurde der Sage nach von einem dankbaren Bürger gebaut, der sich nach sechs Töchtern einen Sohn wünschte und endlich auch bekam. Das Picheltor lag an der Verlängerung der östlichen Stadtmauer und stand etwa zwischen Café Weiß und Metzgerei Michel Aumer.

Dritter historischer Ort: Siedersee, Esper und Bleiche: Der Siedersee am Esper ist ein Nebenarm des Regens. Der Dieß’n-Wack hatte dort Schwäne eingesetzt. Neben dem Siedersee gab es den Stritterweiher etwa auf der Höhe des Sportplatzes. Am Siederesee hatte eine gewisse Familie Deschermeier eine Seifensiederkonzession, das heißt, sie durfte ihre Seifenlauge im Siedersee waschen.

1926 wurde die Badeanstalt errichtet. Neben dem Siedersee, auf der Höhe des Eisstockhäusels, wurden 1959 im Zuge des Kirchenabbruchs die Gebeine von Hunderten Toten aus dem Karner in ein großes ausgehobenes Loch geschüttet und mit Abraum zugefüllt. Die Gebeine stammten aus dem alten Friedhof östlich der Pfarrkirche, der 1900 aufgelöst wurde. „Die Eisstöckler schießen sozusagen auf den Häuptern ihrer Vorfahren“, erzählte Reidl. Im Siedersee befindet sich ein ein Kreuz auf Marmorsockel, zum 100.Todestag von König Ludwig II. errichtet von den Rodinger Patrioten, geschmiedet von Weltumsegler Gangerl Clemens.

Blick auf Rodings Brauhäuser

Vierter historischer Ort: Weißes Brauhaus: Direkt am Regen, Brauhausgasse 10, steht das Weiße Brauhaus, so genannt seit 1575, wie es ein gotischer Türsturz verrät. Es war die Zeit des Herzogs Albrecht V., und dieser Landesherr hatte sich das Weißbiermonopol herausgenommen. Braunes Bier, in Roding, Regengasse 28, im braunen Brauhaus hergestellt, durften Brauer und Bürger selbst sieden. 1804 wurde das Brauhaus eine Genossenschaftsbrauerei und von sieben Mitgliedern betrieben. 1884 kam das Aus.

Nach dem Krieg ersteigerte der Bauunternehmer Johann Weindler die Gebäude als Lagerplatz. 1980 übernahm Viktoria Nicklas das Haus und sanierte es. Sechs bis sieben brauende Bürger waren meist am Weißen Brauhaus beteiligt. Sie konnten zweimal im Jahr Bier sieden. 25 bis 50 Taglöhner trugen das gesottene Gebräu in Butten zu den Bierkellern, bevor es in die Wirtshäuser kam, später waren Pferdewagen im Einsatz. Sämtliche Altstadtwirtshäuser hatten einen Bierkeller, die meisten gab es an der Falkensteiner Straße.

Fünfter historischer Ort: Sebastiani oder Pestkapelle: Die Kapelle gehört der Stadt. Das Läutrecht für das Gebäude haben seit Jahrhunderten die Schmids, die „Torschmieds“. Neben der Pestkapelle ist der Kramerladen des bekannten Siebenhandl.

Sechster historischer Ort und letzte Station: Eisenfronveste. In der Königsperger Straße 5 befindet sich die Fronveste, früher das Eisenamtshaus, eine Art Gefängnis. Das heißt, die Straftäter oder Delinquenten wurden bis zum Urteil in Eisen gelegt. Der Bau, jetzt Fronfeste, stammt aus dem 15. Jahrhundert. Mitte des 19. Jahrhunderts, mit der Abschaffung der Folter, wurde die Einrichtung nicht mehr gebraucht.

Das Weiße Brauhaus direkt am Regen aus dem Jahre 1575
Peter Reidl führte in gewohnter Manier Regie.
Die erste Station war das sogenannte Loch, auch Ganserer genannt, und wurde von Nachtwächter Tobias Reidl vorgestellt.
Der dritte Historische Ort: Siedersee, Esper und Bleiche