Was für ein Abend! Daniil Trifonov macht im Regensburger Audimax keine Kompromisse

Von Juan Martin Koch · 31. Oktober 2024 um 11:15

Einer der spektakulärsten Pianisten unserer Zeit gastierte bei Odeon Concerte. Jegliche Schwierigkeit transzendierte unter seinen aberwitzig geläufigen Fingern zur Essenz erfüllten Musizierens.

Audimax Regensburg. Der Zuschauerraum ist komplett abgedunkelt, als Daniil Trifonov, einer der spektakulärsten Pianisten unserer Zeit, am Mittwochabend die Bühne betritt. Maximal unspektakulär bringt er den Begrüßungsapplaus hinter sich und legt dann los, als ginge es in Peter Tschaikowskys cis-Moll-Klaviersonate um alles.

Erst nach seinem Tod veröffentlicht, kann das Werk seine frühe Entstehung (1865) nicht verleugnen. Mehr Anstrengung als Inspiration ist vor allem in den Außensätzen zu hören. Mit seinem massiven, oft intransparenten Klaviersatz steht der junge Komponist sich ein wenig selbst im Weg. Was Trifonov aber auf fesselnde Weise hörbar macht, ist der kompromisslose Ausdruckswille Tschaikowskys. Die Kontraste in Dynamik und Anschlagsenergie sind extrem und schrammen auf der einen Seite der Skala haarscharf am metallischen Klirren, auf der anderen Seite an der Unhörbarkeit entlang. Den einigermaßen plump triumphierenden Mittelteil des langsamen Satzes adelt Trifonov mit nobler Klangfülle, im Scherzo macht er deutlich, warum Tschaikowsky hier genügend Substanz fand, um es in seiner ersten Symphonie wiederzuverwenden.

Hingerissenes Publikum

Wer nach diesem Parforceritt oberflächliche Entspannung mit einer Handvoll Chopin-Walzern erwartet hatte, wurde angenehm enttäuscht: In einer ausgeklügelten Dramaturgie spannte der russische, in New York lebende Pianist die sechs Charakterstücke im Dreivierteltakt unter einen Spannungsbogen.

Über Trifonovs Technik braucht man in diesem Zusammenhang kein Wort zu verlieren. Jegliche Schwierigkeit transzendiert unter seinen aberwitzig geläufigen Fingern zur Essenz erfüllten Musizierens. Das jeder Beschreibung spottende Tempo im „Minutenwalzer“ war zwar zu viel des Guten; wie er diesen Irrsinn aus der High-Speed-Coda des zuvor gespielten Opus 64/3 förmlich herauskatapultierte, machte aber Sinn. Das emotionale Zentrum dieses Programmblocks bildete dann der a-Moll-Walzer op. 34/2, Inbegriff lyrisch-melancholischer Versonnenheit.

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Nach der Pause wartete die nächste Herausforderung auf das hingerissene Publikum: Samuel Barbers Klaviersonate es-Moll ist ein 20-minütiger Brocken, der höchste Aufmerksamkeit verlangt. Durchaus sperrig balanciert Barber hier am Rande einer mit Zwölftonelementen gewürzten Tonalität. Hier wurde nun endgültig klar, was Klavierspiel auf diesem Niveau vermag: Absolut trennscharf, in kristalliner Klarheit entfalteten sich die harmonisch und metrisch vertrackten Sätze. Dabei wirkte der zweite wie ein in die Moderne geträumtes Elfenscherzo Mendelssohns, die finale Fuge begann wie die kontrapunktische Improvisation eines Brad Mehldau: Trifonov gelang das Kunststück, dieses hochkomplexe Konstrukt zum Swingen zu bringen.

Neben seinen offenbar grenzenlosen manuellen Fähigkeiten gibt es einen weiteren Garanten für Trifonovs durch sämtliche Skalen- und Akkordgewitter hindurch transparentes Spiel: seine Pedalarbeit. Nichts verschwimmt, nichts verklumpt. Auch nicht in der Bearbeitung, die Trifonovs Landsmann und Pianistenkollege Mikhail Pletnev von Tschaikowskys „Dornröschen“-Suite vorgelegt hat. Neben dem weit ausgreifenden Prolog und den in diesem Zehn-Finger-Ballett köstlich auf den Punkt gebrachten Kabinettstückchen (Tanz der Pagen, Vision, Silberfee und andere) beeindruckte hier nun die von innen her leuchtende Sanglichkeit und Hingabe, die Trifonov im Andante und im Adagio entfaltete – seelenwärmende Ruhepunkte eines über weite Strecken atemlosen, faszinierenden Recitals.

So beiläufig, beinahe abwesend wirkend Daniil Trifonov danach die Ovationen entgegennahm, so selbstverständlich fegte er noch drei amerikanisch inspirierte Zugaben über die Tasten, darunter sein Blick auf „I Cover the Waterfront“, eine ikonische Improvisation des großen Art Tatum. Was für ein Abend.