Die kleinen Geschichten des Lebens: Das neue Buch von Barbara Krohn

Von Harald Raab · 29. Oktober 2024 um 14:00

„Ein Schaf umarmen“: Die Regensburger Schriftstellerin erzählt von der Fülle des Lebens in 16 kurzen Erzählungen – muit spielerischer Sprachsicherheit, voller Weisheit und mit einem Hauch Selbstironie.

Das Wesentliche für schriftstellerischen Erfolg heute scheint das Reiten auf tagesaktuellen Wellen zu sein. Mode und Markt bestimmen lärmende Aufmerksamkeit, die zum Wert an sich geworden ist – auch in der Literatur. Eine aus der immer kleiner werdenden Riege der Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich von der Sprache her definieren, der Gestaltungskraft von Worten und Bildern ihr Schaffen widmen, ist die Regensburger Autorin Barbara Krohn.

Es geht um Ich- und Welterkenntnis durch kreative Ausdrucksform. Es geht um Fantasie und nicht um die nackte Sensation des Neuen. Um flanieren, schauen und verstehend Anteil nehmen. Die Welt unseres unmittelbaren Erlebens in Familie, Arbeit und Nachbarschaft – ein buntes Kaleidoskop, Abenteuer für alle, Risiko und Wundertüte, Enttäuschung und die seltenen und deshalb um so kostbareren Momente des Glücks inklusive.

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Soeben ist im Regensburger Kern Verlag ein Band mit Erzählungen aus drei Jahrzehnten von Barbara Krohn erschienen, der Titel: „Ein Schaf umarmen“. Was sich da manifestiert, ist ein beachtliches Erzähltalent, der Einheit von Form und Inhalt mit spielerischer Sprachsicherheit verpflichtet. Dem bedrohten, heimatlosen Ich eine Heimat in der Literatur zu geben, ist der gesellschaftliche Auftrag, den sich die Schriftstellerin gestellt hat. Die Messlatte liegt hoch. Es geht um die Würde und Unversehrtheit des Menschen, darum, wenigstens in der Lust des Erzählens ein Stückchen Angenommensein zu spüren. Hier bleibt groß nicht das Große und klein nicht das Kleine, wie Bertolt Brecht sagt. Reales verdichtet sich literarisch zur Erkenntnis durch Reflexion.

Es sind die Geschichten des Alltags, die Barbara Krohn zu einem Lebens-Puzzle zusammenfügt, komponiert. Ihr Blick auf das Allzumenschliche in seiner Ödnis und Ausweglosigkeit ist abgefedert durch einen Hauch von Selbstironie ihrer Figuren. Sie ist Optimistin – trotz alledem. Auch in einer kafkaesken Situation.

Ihre surreale Schloss-Verwirrung erinnert Krohn in der wunderbaren Erzählung „Pazenza – ein Platz an der Sonne“. Als neapolitanische Neubürgerin muss sie sich durch das bürokratische Labyrinth des Palazzos einer städtischen Wasserversorgungsgesellschaft kämpfen, von Raum zu Raum, von Menschentraube zu Menschentraube vor den Schaltern, von einem gleichgültigen Angestellten zum anderen, Herren über das Schicksal der Antragsteller. Und immer wieder kommt dieselbe weit überhöhte Wasserrechnung. Nicht verzweifeln, Pazienza eben.

Eine Geschichte von der verzweifelt liebenswert-komischen Situation eines Paares berührt einen – in seiner naiven Hoffnung, man könnte die einmaligen Stunden der Liebe mit ihrem Zauber des Anfangs wiederholen. „Ein Schaf umarmen“ ist die titelgebende Erzählung benannt. Jasper und Gunilla, ein Paar, dem im Familientrott mit Kindern und Beruf die Erotik abhandengekommen ist, versucht eine Neuauflage. Ein Freund stellt den beiden seine Wohnung als Liebesnest zur Verfügung. Festliches Essen, Wein, Kerzenschein – doch Amor will sich nicht so recht einstellen. Was zu beweisen war: Alles hat seine Zeit. Erinnerungen an Stunden der Liebe bleiben als quälender Stachel zurück.

Ein Lesevergnügen – gemeinsam und allein

Zu meinen Lieblingserzählungen in dieser Sammlung kleiner Geschichten des Lebens zählt auch die von einer „Julinacht in Paris“. Die Begegnung mit einer alten Frau in einem Straßencafé vor den Folies-Bergère – vielleicht mit einer dieser langbeinigen Tänzerinnen längst vergangener Zeiten. Aber immer noch „funkelten Sterne einer vergangenen Liebe“ in ihren Augen. Sie sang jiddische Lieder voll Melancholie und Lebenskraft, erzählte, zeigte alte Briefe und Fotos. Sie hat überlebt, ihre große Liebe wurde im KZ ermordet. Die Atmosphäre eines gelebten, oft bedrohten, auch brutal beraubten Lebens. Treue für immer – Paris Mon Amour.

16 Erzählungen hat Barbara Krohn in ihrem neuen Erzählband versammelt. Es ist ein Streifzug durch viele Lebenssituationen und Zeiten aus der Perspektive des Verstehens – mal schmunzelnd, mal traurig, aber immer wissend um sein großes, einfaches, aber doch schwer zu machendes Geheimnis: Dieses Leben muss gelebt werden, so wie es ist. Dieses Buch ist ein Lesevergnügen – allein und gemeinsam.

Buchvorstellung am 7. November in Regensburg

Die Lesung: Barbara Krohn liest am 7. November, (19.30 Uhr) bei der Präsentation ihres neuen Buchs im Regensburger Restaurant Orphée (im Theatersaal im 1. Stock, Untere Bachgasse 8).

Das Buch: „Ein Schaf umarmen – Ausgewählte Erzählungen“ von Barbara Krohn ist im Regensburger Kern Verlag erschienen. Das Buch hat 244 Seiten und kostet 20 Euro.

„Ein Schaf umarmen“: Ausschnitt vom Cover des Buchs, das gerade im Kern Verlag erschienen ist.