Im Regensburger Turmtheater: Amor verlegt sich aufs Tele-Working

Von Peter Pavlas · 28. Oktober 2024 um 13:10

Die Dating-App-Komödie „Match me if you can“ erlebte ihre vielbeklatschte Premiere am Turmtheater. Das Stück von Nina Hartmann und Gregor Barcal nimmt in höchst witziger Weise das internetgestützte Paarungsverhalten von Zeitgenossen aufs Korn. Auch das Lokalkolorit kommt nicht zu kurz.

Amor, der freche Bengel, schoss einst seine Pfeile in dunklen Kellerdiscos ab oder in hellen Cafeterien, wo eben Menschen gerade einander nahe standen. Heutzutage hat er sich aufs Tele-Working verlegt. Vom Sofa aus bedienen sich Liebeshungrige oft bei Plattformen wie Tinder, um potentielle Partner per Wischen nach links oder rechts zu sortieren, um Herzerl zu vergeben und zu hoffen, dass ihnen Gleiches geschieht, sie also „gematcht“ werden. Der Weg zum „Bunga-Bunga“ ist steinig und gewunden, das wissen die Wanderer.

Brunftschrei als Klingelton

Martin und Lisa haben ihre Anbahnungsphase im virtuellen Raum hinter sich gebracht. Sie haben sich nun in einer ansonsten leeren Bar verabredet. Die ist sparsam möbliert, ein übergroßer goldener Rechts-Links-Pfeil ziert symbolträchtig die Wand (Ausstattung: Philipp Kiefer). Beide sind der Meinung, ihre jeweiligen Dates hätten sie mit den gängigen Ausreden versetzt, denn ihre Gegenüber haben so gar nichts von dem, was sie sich als Phantom online dargestellt haben. Plötzlich handelt es sich um echte Menschen mit ungeschminktem Aussehen, unverstellten Emotionen.

Lisa, wunderbar nuanciert gespielt von Barbara Trottmann (sie steht zum ersten Mal im Turmtheater auf der Bühne), ist herrisch und aufbrausend ob der erlittenen Schmach. Martin (als empathischer Typ nicht minder überzeugend: der aus vielen Ensembles bekannte Tobias Ostermeier) versucht, sie zu besänftigen. Von beiden erfährt das Publikum nebenher die Usancen beim Online-Dating. Das Handy ist das wichtigste Utensil auf dem Weg zum Glück. Gelegentlich erweist sich der Brunftschrei-Klingelton als sehr hinderlich.

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Dr. Google versagt allerdings bei einem medizinischen Notfall, die Sprachsteuerung ebenfalls. Allmählich nähern sich Martin und Lisa, die beiden so ungleichen Charaktere, einander an, schließlich funkt es zwischen den beiden. Aber wie soll es nun weitergehen nach so viel im Vorlauf verspielten Vertrauen? Erlaubt nun die neue Volkskrankheit des Lügens und bewussten Belogenwerdens einen Reset auf der Basis von Ehrlichkeit?

Nach der Pause wechselt die Perspektive radikal. Lisa wird mitfühlend, aber Martin gegenüber auch fordernd. Vieles scheint möglich. „Ich hab’ mir heute eine Nacht voll Sex mit dir vorgestellt, scharf mit alles!“ Da verschlägt es dem mittlerweile tapsigen Martin die Sprache – Raum für die beiden Darsteller, dem Affen Zucker zu geben. Szenenapplaus gibt es wiederholt, als sie sich bemühen, einander ihre intime Kenntnis von Filmklassikern zu beweisen. Sehr temporeich und körperbetont lässt Regisseur Markus Bartl Lisa und Martin agieren und die Dialoge auskosten. Ereignisse überschlagen sich in der realen Welt und durch Handy-Nachrichten. Manche Geständnisse erweisen sich im selben Atemzug auch als das Gegenteil des gerade Gesagten. Ein Feuerwerk der Vieldeutigkeit!

Was das anspielungsreiche Stück ebenso witzig wie glaubhaft macht, ist die Verwendung des Oberpfälzer Dialekts, die „niat“ stehen lässt neben Mode-Sprech-Vokabeln wie „der is so unique, wir waren so connected“. Nicht nur in vermeintlich „woken“ Stadtgesellschaften sind Menschen auf der Jagd nach Glück und Liebe, sondern überall. In dieser Komödie steckt jede Menge Tragik unter der Folie von Kritik an lächerlichem Verhalten. Zu den Verdiensten der Inszenierung gehört, dass nirgendwo ein moralischer Zeigefinger herumfuchtelt. So geht es heutzutage halt einmal zu. Es ist nur zu verständlich, dass in dieser vereinsamenden Umwelt Menschen mit allen verfügbaren Mitteln danach streben, Kontakte zu knüpfen und schließlich in sozialen Bezügen zu leben.