Die große Flucht der Literatur

Wie gut dieses Trio aus Autor, Buchhändlerin und Buchhändler an diesem so lehrreichen Abend auf der kleinen Lesebühne am Kassiansplatz harmoniert, wird spätestens nach eineinviertel Stunden deutlich: Lalena Hoffschildt hat da schon zwei oder drei längere Passagen vorgetragen, da möchte der völlig freihändig und souverän agierende Ulrich Dombrowsky seinem Gegenüber eine weitere Frage stellen. Bricht aber plötzlich ab. Für einen kurzen Moment hat er „den Faden verloren“.
Doch Uwe Wittstock, Jahrgang 1955 und im Hauptberuf Literaturkritiker, der für so renommierte Blätter wie die FAZ, die Welt und den Focus gearbeitet hat und auch für den S. Fischer-Verlag als Lektor tätig war, er ist so tief drinnen in seinem Thema, dass da gar kein Drandenken ist, an einen etwaigen Riss des Gesprächsfadens.
Karikaturist als Fälscher
Denn Wittstock weiß ganz genau, welche Richtung das Gespräch noch nehmen soll, in der Schlussviertelstunde. Und erzählt ungerührt weiter. Und nennt die Eigenschaften, die die Zentralfigur in seiner 350 Seiten starken, in ihrer präzisen Dokumentation fast filmisch anmutenden Untersuchung „Marseille 1940“ (erschienen bei C.H. Beck, 26 Euro) dazu prädestinierten, ein guter Boss zu sein.
Denn dem Journalisten Varian Fry – der im Ruf stand, eher ein „eckiger“ Charakter zu sein – gelang es in der Hafenmetropole an der Cote d’Azur mit Hilfe seines Rettungsnetzwerks rund 2000 Menschen das Leben zu retten. Gerade als Organisator – heute, nachdem sein Wirken lange vergessen war, werden in Frankreich Schulen nach ihm benannt und im Herzen Berlins trägt eine Straße seinen Namen – war er ein Genie. Weil er auch unter den prekären Bedingungen des Krieges – Frankreich war im Sommer 1940 unter dem Ansturm von Hitlers Wehrmacht in die Knie gegangen und aufgeteilt worden, in eine von den Nazis beherrschte „Besetzte Zone“ und eine von Marschall Pétain dominierte „Unbesetzte Zone“ (das nach seiner Hauptstadt Vichy benannte Regime) im Süden – agierte, wie ein guter Personalentwickler.
Zuflucht als Falle
Am Strand hatte er den aus Wien stammenden Karikaturisten Bil Spira kennengelernt und sofort erkannt: Wer so präzise Menschen zu porträtieren vermag, der kann auch Pässe und Visa fälschen! Uwe Wittstock hat zahllose Monographien und Erinnerungsbände gelesen und zweieinhalb Jahre in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt an Quellenmaterial gearbeitet, sodass er nunmehr seiner Leserschaft (und hier bei Dombrowsky die in großer Zahl anwesende Zuhörerschaft) ein Jahr erzählen kann, das wohl die größte Fluchtwelle erlebte, die sich jemals in Europa ereignet hat.
Zwischen acht und zehn Millionen Menschen waren durch das, was die deutsche Propaganda siegestrunken zum „Blitzkrieg“ verklärt hatte, zum Massenaufbruch gezwungen. Darunter eben auch hunderte von Exilanten aus Österreich und Deutschland. Das vermeintliche Asyl beim Nachbarn, es hatte sich als Falle erwiesen. Jetzt wurden sie wie Lion Feuchtwanger in Internierungslager gesteckt, starben vor Erschöpfung wie Franz Hessel oder wurden wie Walter Benjamin in den Selbstmord getrieben.
„Die große Flucht der Literatur“, so der Untertitel, sie gelingt aber einzelnen auch. Uwe Wittstock zählt dazu so weltberühmte Figuren wie Heinrich Mann, Anna Seghers oder Franz Werfel und adelt sie zu Stellvertretern ihres Genres und einer ganzen Generation. Damit hat er eine unverzichtbare Lektüre geschaffen, einen Überblick, der nachgewachsenen Generationen etwas über die Dramen erzählt, die ihre Urgroßeltern ertragen mussten.