Anlieger in Cham leiden: 11 000 Fahrzeuge täglich in der Rodinger Straße

Erst waren es die Anlieger von Stadl und Brunn. Nun hat das Problem die Seiten der Bundesstraße gewechselt: Auch die Anlieger der Rodinger Straße beschweren sich, weil die Belastung durch Lastwagen aus dem benachbarten Gewerbegebiet Cham-West über die Jahre derart zugenommen hat. Hinzu kommt der Berufs- und Stoßzeitenverkehr. 11 000 Fahrzeuge sind es im Schnitt pro Tag, sagt eine Verkehrszählung.
Bürgermeister Martin Stoiber sieht das Problem, und stößt bei der Suche nach Lösungen an immer andere Grenzen. Manfred Wiesmeier wohnt in der Rodinger Straße 58 und erzählt davon. Er wünscht sich mehr Unterstützung von Polizei und Stadt. Die Polizei habe auf Nachfrage behauptet, man habe in der Rodinger Straße geblitzt. „Davon haben wir als Anlieger aber nie was mitgekriegt“, so Wiesmeier.
Die Stadt habe dort beim Bau der Straße die Verkehrsinseln aneinandergereiht, um den Verkehr abzubremsen. „Das hat für uns keine Wirkung. Da wird im Gegenteil oft sportlich durchgefahren und das für eine Art Slalom genutzt. Daran beteiligt sind auch die Poser, die sich am Wochenende weiterhin im Bereich des ehemaligen EZOs treffen“, sagt der Anlieger.
Berufsverkehr und Lastzüge
Besonders belastend sei auch der Berufsverkehr am Morgen ab 5.30 Uhr und abends zwischen 16 und 17 Uhr. Die Rodinger Straße werde auch stark von Lastzügen genutzt, die direkt vom Gewerbegebiet Cham-West in die Stadt fahren. Außerdem gebe es viele Rodinger, die schon die Abfahrt Cham-West nutzen, um dann in Janahof einzukaufen.
Das Problem mit dem Straßenverkehr und die Ansicht, dass die Buchten sogar teilweise kontraproduktiv wirken, sind nicht neu. „Das war schon kurz nach dem Bau der Straße ein ständiger Dauerbrenner“, erinnert sich 2. Bürgermeister Walter Dendorfer, der gerne einmal den Radweg dort nutzt. Die Anlieger hoffen darauf, dass man den Verkehr irgendwie eindämmen könnte.
Die Aussichten dafür sind aber nicht gut. Denn ähnlich wie in den Nachbar-Ortsteilen Stadl und Brunn dürfen die Lastzüge aus dem Gewerbegebiet die Straße nutzen, weil sie für den Durchgangsverkehr gewidmet ist. Auch, wenn niemand versteht, warum sich ein Lkw-Fahrer eine Strecke aussucht, die zwei 90 Grad-Kurven beinhaltet, die keiner fahren kann, ohne die Gegenfahrbahn zu benutzen. Anschließend geht es im Slalom um die Buchten… Wer die Ortsstraße benutzt, spart sich aber die Maut auf der benachbarten Bundesstraße.
Bürgermeister Martin Stoiber sitzt zwischen den Stühlen. Eine Verkehrszählung hat 11 000 Fahrzeuge am Tag ergeben, die die Rodinger Straße im Durchschnitt benutzen. Der Bürgermeister hat Verständnis dafür, dass das als Belästigung empfunden wird. Er sieht sich aber in einer Zwickmühle.
Das beginnt ganz praktisch. Schon beim Spielplatz in Stadl zeigt sich, dass eine künstlich angelegte Bucht bei Gegenverkehr zum Anhalten und Abbremsen zwingt. Aber halt nur bei Gegenverkehr. Hinzu kommt, dass man sich ein Problem vom Hals schafft und sich dafür andere einkauft: Abbremsen und neu anfahren sorgen für mehr Lärm, Abgase und Reifenabrieb.
Und selbst die Verkehrsbelastung hat eine Kehrseite: Sie zeigt, so Stoiber, dass in Cham die Wirtschaft floriert, weil es sich meist um Stoßverkehr bei Schichtende handelt oder eben um Lkw, die zu Lieferungen eingesetzt werden. „Wenn es auf der Straße einmal ruhig wird, haben wir ein anderes Problem“, sagt Stoiber.
Warum fahren Lkws nicht auf der B 85?
Aber warum kann man den Lkw-Verkehr nicht auf die benachbarte Bundesstraße zwingen? Könnte man die Ortsstraßen noch unbequemer machen? „Schwierig“ sagt Stoiber. Grundsätzlich dürfen Durchgangsstraßen vom Schwerverkehr genutzt werden, wenn sie für diese Belastung ausgelegt sind. Denn die Stadt müsse für eine Mindestbreite der Fahrbahn sorgen, wenn der Platz dafür vorhanden sei. 5,55 Meter seien für einen Begegnungsverkehr für Lastzüge notwendig, steuert Tiefbauer Josef Ried bei. Mit 4,50 Metern sei man zwar zweispurig, aber bei einem Mindestmaß angelangt, das nur zulässig sei, wenn die Stadt nicht mehr Platz für die Straßenführung hat. Diese Tatsache trifft auf die Rodinger Straße aber nicht zu.
Bürgermeister Stoiber hat auch die Polizei angefragt. Deren Antwort: Es gibt keine besonderen Vorkommnisse oder Unfälle in der Rodinger Straße. Es sei auch mehrmals geblitzt worden vor dem Erreichen des Kreisverkehrs stadteinwärts. Auch hier seien die Ergebnisse nicht außerhalb der Norm. Stoiber weiß aber auch, dass Blitzer heutzutage keine lange Halbwertszeit haben. Sie sprechen sich in den sozialen Netzwerken schnell herum, und das Aufblenden im Gegenverkehr besorgt den Rest.
Der Fluch des Navis
Was also ist die Lösung für die Anlieger? Im Grunde sieht der Bürgermeister kaum Möglichkeiten. Ein Appell an die Firmen-Chefs im Gewerbegebiet Cham-West hält er für wenig wirkungsvoll, weil es neben den einheimischen Lastwagenfahrern auch zahlreiche ausländische Lkw-Lenker gibt, die über das Navy anfahren. „Die sprechen teilweise nicht einmal deutsch“, sagt Stoiber.
Die Anlieger würden sich schon darüber freuen, wenn einheimische Lastzüge die Schnellstraße benutzen würden, sagt Manfred Wiesmeier. Einen Anspruch darauf gibt es aber nicht. „Wir können nur an die Vernunft appellieren und auf mehr Rücksichtnahme hoffen“, sagt der Bürgermeister.
Die mobile Bucht in Stadl werde man nun noch bis nächstes Jahr testen und dann mit den Anliegern reden. Ob das Ergebnis aber einen Einfluss auf die Rodinger Straße haben werde, sei nicht absehbar.
„...dann zieh ich weg!“
Anlieger Wiesmeier erwägt inzwischen drastische Konsequenzen. „Man kann sich hier nicht einmal mehr zum Kaffeetrinken auf die Terrasse setzen“, sagt er. Vor etlichen Jahren sei bereits ein Golf auf dem Dach in seinem Vorgarten gelandet, nachdem dessen Fahrer mit dem Wagen erst den Zaun durchbrochen und dann zwei Tannen gefällt hatte.
„Wenn sich nichts ändert, verkaufe ich und zieh weg“, sagt Wiesmeier. „Das ist über die Jahre immer schlimmer geworden. Man hätte damals den Lärmschutzwall der Bundesstraße hinter die Rodinger Straße ziehen sollen.“ Da gibt ihm der Bürgermeister Recht. Allerdings scheide auch diese Idee für eine zeitnahe Lösung aus: Zu teuer, und erst machbar, wenn die Rodinger Straße erneuert werden müsste.

