Besondere Ausstellung in der Spielbank Bad Kötzting mit wertvollem Müll und kontaminierten Politikern

Von Christina Hainzinger-Feigl · 27. Oktober 2024 um 11:00

Ihre Kunst ist nicht belehrend. Oder aktivistisch. Trotzdem will Tanja Martina Federl nachdenklich machen, „dabei aber auch gefallen“. Federls Kunst soll den Betrachter auf ästhetische Weise dazu bringen, sich mit „ihren“ Themen auseinanderzusetzen: zum einen dem (wahren) Wert (von Dingen, Tieren...), zum anderen der Vermüllung und Verunreinigung unserer Welt.

„Kontamination“ heißt das Fremdwort, das die Verunreinigung eines Objektes mit schädlichen Stoffen beschreibt. „kontaminiert!“ heißt auch die Ausstellung, die Tanja Martina Federl ab 31. Oktober in der Spielbank Bad Kötzting zeigt. Konzipiert hat die Künstlerin, die in Furth im Wald wohnt, diese Ausstellung bereits 2020. In einer virtuellen Vernissage – etwas anderes ließ die Pandemie nicht zu – zeigte sie drei Bilderreihen, die im Further Rathaus hingen (das Video mit Federls ausführlichen Erläuterungen findet sich noch immer auf youtube).

Die erste Bilderreihe zeigt Foto-Kollagen von Politikern, die „kontaminiert sind mit Machtrausch“ (Federl) – Trump, Putin, Kim Jong-un... „Es gibt zahlreiche Kontaminationen in den verschiedensten Bereichen. Die Welt in unserer Zeit ist so voll davon, dass ihr Zustand mit kaum einem anderen Wort treffender beschrieben werden könnte.“

Gewässer und Flugzeuge

Bilderreihe Nummer zwei zeigt Gewässerstrukturen, wobei die Bilder von Seen, Flüssen und Bächen mittels 3-D-Drucker erzeugt wurden. Bei dieser Bilderreihe geht es Federl um die Kontamination im Wasser allgemein – „mit Mikroplastik, Nitrat...“.

Bleiben noch die digitalen Grafiken von Stauseen, denen sich die Künstlerin in der dritten Bilderreihe widmet, weil „ein Stausee einen der größten Eingriffe des Menschen in die Natur darstellt“.

Neu in Bad Kötzting ist die vierte Bilderreihe – ebenfalls digitale Grafiken, die die Spuren der Starts und Landungen von Flugzeugen innerhalb von 24 Stunden nachzeichnen.

Und noch eine Premiere gibt es bei der Ausstellung in der Spielbank: Zum ersten Mal zeigt Tanja Martina Federl das Kunstwerk „wertvoll“. Dafür hat sie Berge von Styropor vom Wertstoffhof geholt, in einem selbst entwickelten Verfahren eingeschmolzen und zu 130 Platten verarbeitet. Jede Platte wurde mit einem individuellen Ornament aus Blattgold versehen – auch eine Art Reminiszenz an Federls Vater, der als Kirchenmaler und Vergolder arbeitete. Was aber eigentlich dahinter steckt: „Dieses Objekt verbindet zwei gegensätzliche Werkstoffe: Gold, der Inbegriff des Wertvollen, und Styropor, also Müll.“ Doch habe Gold im Alltag praktisch keinen Nutzen, Kunststoff (Styropor enthält Kunststoff) hingegen schon. „Auf Kunststoff können wir nicht verzichten. Es ist eigentlich ein wertvolles Material, wird aber nicht wertgeschätzt.“

Müll, Verunreinigung, Wertschätzung: Diese Themen ziehen sich wie ein roter Faden durch Federls Arbeit. Begonnen hat alles mit einem Urlaub in der Dominikanischen Republik, als die gebürtige Münchnerin am Strand nur Plastikmüll statt Muscheln fand. Das und ein Bericht über den „Great Pacific Garbage Patch“, den riesigen Plastikmüllstrudel im Pazifik, führten zu Federls gleichnamiger Arbeit: den gpgp-Fischen aus Plastiktüten, -deckeln, -bechern....

Arbeit mit der Gasmaske

Wie das Styropor für „wertvoll“ wird auch der Kunststoff für ihre Arbeiten bisweilen eingeschmolzen. Dafür hat Federl in ihrer Werkstatt Backofen und Herd stehen, sicherheitshalber arbeitet sie mit Gasmaske. Man wüsste nie, welche Zusatzstoffe die Hersteller verwendeten. Überhaupt ist sie sehr experimentierfreudig, liest sich in Themen ein und probiert vieles aus und ist auch technikaffin. Den 3-D-Drucker, mit dem sie auch arbeitet, hat sie etwa selbst gebaut. „Ich wollte keinen computergesteuerten, sondern einen, der sich von Hand bedienen lässt.“ Auch Kunstwerk „pet pig“ ist so entstanden – ein Schweinekopf in einem Kühlschrank. „Pet“ ist dabei zweideutig, steht für die Kunststoff-Art PET und für das englische Wort pet (Haustier). Und wieder spielt der Wert eine Rolle: „Die einen Haustiere werden vergöttert, die anderen gequält und gegessen.“

Die Vernissage zur Ausstellung „kontaminiert!“ ist am Donnerstag, 31. Oktober, um 19 Uhr in der Spielbank. Zur Einführung spricht die Kulturreferentin des Landkreises Cham, Dr. Bärbel Kleindorfer-Marx. Sigi Lee Nachreiner sorgt für die Musik. Die Ausstellung ist dann bis 7. Januar täglich von 12 bis 2 Uhr im Foyer der Spielbank zu sehen.

Zur Person

Tanja Martina Federl wurde 1963 in München geboren. Sie studierte Informatik und arbeitete 20 Jahre lang in einer Bank. 2010 machte sie sich als Künstlerin selbstständig, zunächst mit Fotokunst, etwa digitalen Foto-Kollagen. Später kamen skulpturale Arbeiten hinzu. 2016 zog Federl nach Furth im Wald – zum einen, weil dort ihre familiären Wurzeln sind, zum anderen, weil sie mehr Platz für ihre künstlerische Arbeit brauchte.

Die Fische des gpgp-Projekts von Tanja Martina Federl (benannt nach dem great pacific garbage patch, dem weltweit größten Plastikmüllstrudel) waren 2019 beim Streetlife Festival im Brunnen der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität installiert. In einem Brunnen werden sie auch in Bad Kötzting zu sehen sein – in dem vor der Spielbank, wo Federl von 31. Oktober bis 7. Januar die Ausstellung „kontaminiert!“ zeigt. Fotos: Tanja Martina Federl (2)/Christina Hainzinger-Feigl (3)
Kunstwerk „pet pig“ befindet sich in einem Kühlschrank.
Ebenfalls in der Spielbank zu sehen: digitale Grafiken von Flugzeug-Spuren mit jeweils einem Flughafen im Bild-Zentrum