Bis zu 150 Jobs sind bei Kelheim Fibres gefährdet – Betriebsrat und Politik äußern sich

Von Etienne Nückel · 23. Oktober 2024 um 19:00

Es ist ein Paukenschlag, allerdings mit Ansage: Am späten Dienstagnachmittag gab das Unternehmen Kelheim Fibres (KF) bekannt, dass es beim Amtsgericht Regensburg einen Insolvenzantrag gestellt hat. Das Gericht stimmte laut KF dem sogenannten Schutzschirmverfahren zu.

Die Kelheim Fibres äußerte sich bis Redaktionsschluss am Mittwoch nicht auf eine MZ-Anfrage.

• Wie kam es zu der Situation? Dass der Viskosefaser-Hersteller mit rund 500 Mitarbeitern in Schieflage geraten war, hatte sich bereits im Mai abgezeichnet. Damals hatte Kelheims Bürgermeister Christian Schweiger (CSU) mitgeteilt, dass der geplante Kauf des VfL-Geländes durch die Stadt ein „drohendes Insolvenzverfahren“ abwenden sollte. Der Erlös sollte Teil eines neuen Finanzierungspaketes werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Fibres-Geschäftsführer Craig Barker bereits einen Berater für die Restrukturierung an die Seite geholt. Das Unternehmen befand sich zudem auf Investorensuche.

Im Juli teilte die KF mit, eine Sanierungsvereinbarung sei mit den Finanzierern abgeschlossen und so die „letzte Voraussetzung für die Fortführung der Kelheim Fibres GmbH geschaffen“ worden. Die Stadt Kelheim hatte zu diesem Zeitpunkt über ein sogenanntes „S6-Gutachten mit Addendum“ unabhängiger Wirtschaftsprüfer einen gewissen Einblick in die Lage bei KF, sagte Bürgermeister Schweiger am Mittwoch auf MZ-Anfrage. Im Juli hatte Kelheims Geschäftsleiterin Miriam Seidl daraus den Schluss gezogen, dass die „Durchfinanzierung der kommenden zweieinhalb Jahre gesichert“ sei.

Vor allem wegen eines Preisverfalls in einem wichtigen Segment habe sich die wirtschaftliche Lage seither allerdings verschärft, teilte die KF am Dienstag mit. Laut Josef Rummel, dem Vorsitzenden des Betriebsrates, seien asiatische Viskose-Hersteller mit niedrigeren Preisen in die Märkte der KF hineingefahren.

Schock bei den Mitarbeitern sitzt tief

• Wie geht es mit den Mitarbeitern weiter? Wie Rummel mitteilt, wurden Mitarbeiter und Betriebsrat am Dienstagnachmittag über das Insolvenzverfahren informiert – „Der Schock sitzt bei den Mitarbeitern tief.“ Nach Rummels Informationen kann der Personalabbau bis zu 150 Stellen betreffen. Bereits im Juli hatte die KF mitgeteilt, dass die Mitarbeiterzahl reduziert werden soll. Jedoch nicht über Entlassungen, so die damalige Aussage.

„Um wen es geht, wissen wir nicht“, sagt Rummel über den anstehenden Stellenabbau. Das Insolvenzrecht ermögliche erhebliche Einschnitte bei Abfindungen und Kündigungen. Bei den Gehältern dürfte es zunächst keine Verluste geben, so Rummel weiter, da das Arbeitsamt Insolvenzgeld zahle. Aber der Überstundenstand sei Ende September eingefroren worden, man könne sie weder auszahlen lassen noch abbauen. Auch das Folge des Insolvenzantrages. Auch Bürgermeister Schweiger sorgt sich am meisten vor dem Verlust von Arbeitsplätzen und den damit einhergehenden sozialen Verwerfungen.

• Gibt es Parallelen zur Dolan-Insolvenz? Das Insolvenzverfahren der KF weckt Erinnerungen an das Dolan-Aus vor rund einem Jahr. Der Acrylfaser-Spezialist, dessen Werk sich auf dem gleichen Gelände wie das der KF befand, hatte ebenfalls ein Schutzschirmverfahren in Eigenverantwortung beantragt und nach einem Investor gesucht. Die Hoffnungen auf eine Sanierung waren groß. Im Juni 2023 zerschlugen sie sich: Das Unternehmen wurde abgewickelt, alle 100 Mitarbeiter gekündigt.

Das Risiko, dass die KF ein ähnliches Schicksal ereilen könnte, hält Rummel derzeit für vergleichsweise gering. Vor dem Dolan-Aus war er Vorsitzender des Gemeinschafts-Betriebsrates von Dolan und KF. „Die Chancen stehen besser als bei Dolan“, sagt er. Denn anders als Dolan verfüge die KF mit Fasern etwa für Tampons oder feuchtes Toilettenpapier über eine solide Grundlage: „Das Geschäft mit Hygienefasern läuft immer gleich – es reicht nur nicht.“ Dolan hingegen habe einen Konkurrenten in der Türkei gehabt, der den Markt wegen günstigerer Energiepreise erobern konnte. Anders als bei Dolan spiele die Energiekrise bei KF weniger eine Rolle. Ähnlich sieht das Andreas Blaser, Leiter des Bezirks Kelheim-Zwiesel bei der Gewerkschaft IGBCE. „Ich hoffe, dass etwas Zukunftssicheres herauskommt und nicht eine Abwicklung wie bei Dolan.“ Die KF sei wegen der Dolan-Schließung noch mit Strukturkosten belastet, das Insolvenzverfahren biete hier auch Chancen.

Firma soll auf Kerngeschäft schrumpfen

• Was muss nun geschehen? Nun gelte es, auf das Kerngeschäft zu schrumpfen, sagt Rummel. Eine Konzentration auf Spezialfasern in den Bereichen Hygiene, Spezialpapiere und Wipes und technische Produkte hatte die Geschäftsleitung bereits im Juli angekündigt. Außerdem brauche die KF einen Investor, sagt Rummel: „Die Kelheim Fibres muss verkauft werden.“ Die Suche war im Sommer zunächst zurückgestellt worden. Interessenten gibt es laut Rummel: „Der Markt ist da, das Produkt wird gebraucht.“ Allerdings müsse man wohl die Preise nach oben anpassen, darüber werde mit den Kunden verhandelt. Bis Januar muss die KF laut Rummel einen Insolvenzplan vorlegen, dann werde das Gericht über die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens entscheiden. Rummel geht davon aus, dass die Umstrukturierung etwa ein halbes Jahr dauern dürfte. Er ist vorsichtig optimistisch: Geld sei da, auch wegen der Grundstücksverkäufe – „Finanziell müssten wir es schaffen“. Nun gelte es, die Mitarbeiter zu motivieren, damit diese nicht abspringen, sagt Rummel.

• Was sagt die Politik? Sowohl Bürgermeister Schweiger als auch Landrat Martin Neumeyer (CSU) geben an, in kontinuierlichem Austausch mit der KF zu sein und die Firma im Rahmen der Möglichkeiten unterstützen zu wollen. Schweiger sichert dem taumelnden Unternehmen Unterstützung zu: „Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, was für die Stadt Kelheim vertretbar ist.“

Das Schutzschirmverfahren

Voraussetzungen: Das Schutzschirmverfahren ist laut Michael Verken von der Kanzlei Anchor, dem Sachwalter des Insolvenzverfahrens, eine Verfahrensart der Eigenverwaltung. Es zielt auf eine Sanierung des Unternehmens ab. Verken: „Die Verfahrensart kommt nur in Betracht, wenn die Schuldnerin nicht zahlungsunfähig, wohl aber drohend zahlungsunfähig und/oder überschuldet ist.“

Ablauf: Laut Verken führt Craig Barker unverändert die Geschäfte. Verken überwacht als Sachwalter den Schuldner. Mitglieder eines vorläufigen Gläubigerausschusses wurden zudem bestimmt.