Vor Kurzem drohte die Insolvenz: So geht es bei Kelheim Fibres weiter

Von Beate Weigert · 24. Juli 2024 um 19:00

Die Unterschriften beim Notar sind unter den Kaufvertrag des VfL-Geländes gesetzt. Nächste Woche wird bezahlt. Kelheim Fibres und die Stadt Kelheim äußern sich auf Nachfrage zu Grundstücksgeschäft, Finanzierungskonzept und Umstrukturierung.

• Grundstücksgeschäft: Seit Montag (22. Juli) ist der Besitzerwechsel des VfL-Geländes – von Kelheim Fibres (KF) zu Stadt und Stadtbau GmbH – notariell besiegelt, heißt es aus dem Rathaus. Im nicht öffentlichen Teil der Stadtratssitzung wurde der Kaufvertrag von Kelheims Kommunalpolitikern ratifiziert. Anfang kommender Woche soll laut Kelheims Geschäftsleiterin Miriam Seidl die Zahlung über die Bühne gehen. „Dann ist der Kauf getätigt“, so Bürgermeister Christian Schweiger. Auch der dafür nötige Nachtragshaushalt werde vom Landratsamt genehmigt, hat Seidl am Mittwoch erfahren.

• Absicherung: Die zwei vergangenen Monate seien sehr intensiv gewesen, sagen Bürgermeister und Geschäftsleiterin. Um eine drohende Insolvenz des Kelheimer Faserexperten abzuwenden, war der Grundstücksdeal – wie Unternehmen und Stadt betonen – ein „bedeutender Baustein“ für das gesamte Finanzierungskonzept der Kelheim Fibres. Der Stadt sei es wichtig gewesen, einen Vertrag abzuschließen, der „größtmögliche Sicherheit“ biete. Ein sogenanntes „S6-Gutachten mit Addendum“ – erarbeitet von einem unabhängigen Wirtschaftsprüfer und unterzeichnet von allen Beteiligten, also auch von Gesellschaftern und Banken – bescheinige, „die mittelfristige positive Geschäftsprognose“ der KF, so Seidl. Konkret bedeute dies, dass die „Durchfinanzierung der kommenden zweieinhalb Jahre gesichert“ sei.

Seidl ergänzt: „Auch gesunde Unternehmen bekommen keine längere Zeitspanne attestiert.“ Was für die Stadt und die Stadtbau unterm Strich zählte, „dass die Grundstücke nicht mehr Insolvenzmasse werden können“. Die Stadt hatte zudem einen eigenen Wirtschaftsprüfer mit dem Check dieser wichtigen Unterlagen beauftragt.

• Lage von Kelheim Fibres: Vor knapp einer Woche, am 18. Juli, schloss die KF eine Sanierungsvereinbarung mit den Finanzierern ab, antwortet das Unternehmen auf unsere Nachfrage. Damit sei die „letzte Voraussetzung für die Fortführung der Kelheim Fibres GmbH geschaffen“. Geschäftsführer Craig Barker zeigte sich vor Mitarbeitern darüber erleichtert: „Die vergangenen Jahre waren für uns und viele andere Unternehmen sehr herausfordernd. Aber unsere biobasierten Viskosefasern sind ein Werkstoff der Zukunft und als Plastikersatz in zahlreichen Alltagsprodukten eine Antwort auf drängende Umweltprobleme unserer Gesellschaft. Unsere Finanzierer haben sich alle außerordentlich engagiert und erwarten jetzt zu Recht, dass wir die eingeleiteten operativen Sanierungsmaßnahmen konsequent voranbringen.“ Der KF sei es in der „angespannten Situation“ der vergangenen Monate gelungen, sich „das Vertrauen unserer Zulieferer und Kunden“ zu erhalten.

Mit Blick auf den unterzeichneten Kaufvertrag sieht man beim Faserhersteller den großen Einsatz von Stadt, Bürgermeister, Geschäftsleiterin und Stadtrat in den vergangenen Monaten. Mit dem Verkauf des nicht betriebsnotwendigen „VfL-Grundstücks“ habe ein „wesentlicher finanzieller Baustein im Finanzierungskonzept realisiert werden“ können. Nun könne das Team von Kelheim Fibres „seinen Fokus und seine Innovationskraft auf den Ausbau von nachhaltigen und umweltfreundlichen Lösungen für Anwendungen in den Bereichen Hygiene, Filtration und Verpackung legen“. Nach wie vor bleibe der Markt, in dem man sich bewegt, „herausfordernd“. Allein „vergleichsweise hohe Energiekosten und steigende Kosten für CO2-Emissionszertifikate müssen durch höhere Innovationskraft und Qualität kompensiert werden“. Diesen Herausforderungen „wird sich Kelheim Fibres stellen“.

• Investorenprozess: Auf unsere Nachfrage zur Investorensuche heißt es von der Fibres-Führung: „Der Investorenprozess wird zurückgestellt, weil der Fokus jetzt zunächst auf die operative Restrukturierung gelegt wird.“ Die Aufnahme des Prozesses zu einem späteren Zeitpunkt sei aber naheliegend. Sie werde „aber auf Investoren ausgerichtet sein, die auch ein langfristiges, strategisches Interesse an der KF haben“.

• Umstrukturierung: Das Produktportfolio von KF „wurde bereits deutlich gestrafft und auf solche Produkte fokussiert, die positive Ergebnisbeiträge erbringen“, antwortet das Unternehmen weiter. Der seit vielen Jahren eingeleitete Wandel „als Hersteller von Spezialitäten wird konsequent umgesetzt“. Konkret will KF seine „Textilfasern bis auf wenige Ausnahmen weiter reduzieren“ und sich „mehr auf Spezialfasern in den Bereichen Hygiene, Spezialpapiere & Wipes und Technische Produkte konzentrieren“. Zum zeitlichen Horizont der Umstrukturierung heißt es von KF: „Das Geschäftsjahr 2024 ist ein Jahr des Übergangs. Wir wollen ab 2025 wieder profitabel werden.“ Seit einigen Monaten steht der Geschäftsführung daher ein CRO (Chief Restructuring Officer) zur Seite. Frank Reinhardt hat diese Aufgabe übernommen. Seine Aufgabe ist es, die Geschäftsführung bei der Umsetzung des Restrukturierungsprozesses zu unterstützen.

• Mitarbeiter/Stellen: Die Fokussierung im Produktsortiment führt laut KF nicht zu einer Stilllegung einzelner Betriebsteile. Das wäre in einem Produktionsbetrieb für „Viskosefasern auch technisch gar nicht möglich“. In den kommenden Jahren werde es „insgesamt zu einer Reduzierung der Mitarbeiterzahl kommen, die jedoch nicht mit Entlassungen einhergehen wird“. Man wolle vielmehr die „übliche Fluktuation und auch die Möglichkeit von vorzeitigen Verrentungen“ nutzen. Neueinstellungen wird es auch künftig geben, „um einzelne Bereiche gezielt zu verstärken“. Generell sei man „auf das Know-how und Engagement“ der Mitarbeiter angewiesen, um die Restrukturierung erfolgreich umzusetzen. Mit dem Betriebsrat sei man abgestimmt. In Zeiten des Fachkräfte-Mangels sei ein „kurzfristig angelegtes Cost-Cutting im Personalbereich ohnehin nicht angezeigt“.

Das sind die nächsten Schritte bei der Stadt

Käufer: Stadt und Stadtbau GmbH sind die Käufer des Affeckinger VfL-Geländes. Die Stadtbau soll künftig der Parkplatz gehören. Er ist knapp 8000 Quadratmeter groß und soll an Kelheim Fibres zurückverpachtet werden. Die Stadt erwirbt den Rest, konkret 45.038 Quadratmeter.

Gewerbegebiet: Im Juni fiel bereits im Bauausschuss der Aufstellungsbeschluss für ein künftiges „Gewerbegebiet Affecking“. Das Verfahren dürfte an die eineinhalb bis zwei Jahre dauern, so der Bürgermeister. Im Herbst wolle man idealerweise den ersten Entwurf diskutieren und auslegen.

Vereine: „Zeitnah“ will die Stadt auch mit dem VfL Gespräche aufnehmen, um einen Pachtvertrag für die künftige Nutzung zu erarbeiten, so Bürgermeister Schweiger. Sobald das Gelände der Stadt gehöre, sei es auch in der Haftung, ergänzt Geschäftsleiterin Miriam Seidl.

Der Verkauf des Affeckinger VfL-Geländes ist für Kelheim Fibres ein „bedeutender Baustein“ im Finanzierungskonzept.