Grünes Kleinod mitten in Regensburger Wohngebiet zerstört – Wurden Bäume illegal gefällt?

Sucht man auf Google Maps das Fleckerl zwischen Kumpfmühler Straße, Am Mühlbach und Bocksbergerstraße, findet man noch eine grüne Oase mitten im Wohngebiet. Zahlreiche buschige Baumkronen ragen am Satellitenbild zwischen den Reihen- und Mehrparteienhäusern auf. In der Realität klafft dort jetzt ein Loch, braune Ödnis.
Sämtliche Bäume wurden am vergangenen Samstag gefällt, die Büsche und Sträucher herausgerissen, Erdreich abgetragen. Die Nachbarn sind auch in der Woche danach „total schockiert“, wie es eine Anliegerin ausdrückt. 20 Nachbarn kommen zusammen, um das Geschehen zu schildern.
„Hat sehr große Irritationen ausgelöst“
Frühmorgens sei schweres Gerät angerückt, gegen acht Uhr begannen die Fällarbeiten. Eines der Reihenhäuschen, das direkt an das gerodete Grundstück anschließt, gehört Katrin Arnold. Ihre Mutter bewohnt das Haus. Als der Radau losgeht, fragt Arnold nach, was hier vor sich geht. „Das hat bei allen sehr große Irritationen ausgelöst“, sagt sie. Bescheid gewusst habe niemand, es habe keinerlei Informationen gegeben.
Stämme kamen direkt in den Häcksler
Von den Arbeitern bekommen die Anwohner auf Nachfrage keine Auskunft, ob die Rodung genehmigt ist. Dort standen ja nur ein paar Thujen, sei ihnen auf abweisende, ruppige Art gesagt worden. Als Anlieger die Vorgänge dokumentieren wollen, sei ihnen das Fotografieren untersagt worden. „Das hat natürlich ein gewisses Misstrauen geweckt“, sagt Arnold. Eine Nachbarin spricht von einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“, in der die Bäume „umgenietet“ worden seien. Alle Bäume seien am vergangenen Samstag bis 18 Uhr gefällt und die dicken Stämme umgehend gehäckselt worden.
Die Anwohner ließen sich vom Fotografieren nicht abhalten, die Bilder dürften mittlerweile Beweismaterial sein. Laut Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra wurde vom Grundstückseigentümer kein Antrag auf das Fällen der Bäume gestellt. „Inwiefern diese Bäume der Baumschutzverordnung überhaupt unterlagen und damit ein Antrag gestellt werden hätte müssen, muss noch gesondert geprüft werden“, informiert von Roenne-Styra auf MZ-Anfrage.
Anwohner zählen große Bäume auf
Dass es nicht nur Thujen waren, die gefällt wurden, berichten die Anwohner mit Nachdruck: Eine 50 Meter hohe Fichte, eine große Birke, ein alter Walnussbaum, eine wilde Kirsche und viele weitere Bäume hätten auf dem Grundstück gestanden. „Eine Fällgenehmigung wird gemäß Baumschutzverordnung der Stadt Regensburg für jeden Baum benötigt, der in einem Meter Höhe einen Stammumfang von mehr als 100 Zentimeter hat“, teilt von Roenne-Styra mit. Nicht genehmigte Baumfällungen kommen laut der Stadtsprecherin selten vor. Dafür können Bußgelder bis zu 50 000 Euro verhängt werden.
Lautes Vogelgezwitscher im Sommer
Die Voraussetzungen der Verordnung träfen mit Sicherheit mindestens auf vier, fünf Bäume zu, ist sich die Nachbarschaft einig. Darüber hinaus haben einige über 100 Jahre alte Obstbäume auf dem Areal gestanden, erzählt Monika Albrecht, eine alteingesessene Anwohnerin. Sie habe als Kind auf dem Grundstück in den Bäumen gespielt. Albrecht ist 81 Jahre alt. Ein Biotop sei das mitten im Viertel gewesen. „Es war im Sommer richtig laut“, sagt Arnold. Buntspechte, Eichelhäher, Rotkehlchen, Zaunkönige, Stare und einige weitere Vogelarten, die nahe der Kumpfmühler Kreuzung eine Heimat gefunden hatten, kann ihre Mutter aufzählen. Albrecht sagt: „Das war schon ein Idyll.“ „Verbrannte Erde“, erwidert eine Nachbarin mit Blick auf den jetzigen Zustand.
Bauantrag wurde abgelehnt
2022 war für das Areal ein Bauantrag für ein Mehrparteienhaus mit über einem Dutzend Wohnungen eingereicht worden. In dessen Zug sei von der erforderlichen Rodung von 26 Bäumen die Rede gewesen. Der Antrag wurde abgelehnt. Gerhard Wingerter, dem in einem Nachbargebäude mehrere Wohnungen gehören, erläutert, dass das Vorhaben an der Feuerwehrzufahrt durch die enge Bocksbergerstraße gescheitert sei. Die Eigentümergemeinschaft sei nicht bereit gewesen, den Teil eines Vorgartens abzutreten. „Und das ist auch weiterhin nicht vorgesehen“, sagt er. Dass es mit großem Gerät eng wird vor Ort, sei auch am Rodungssamstag offensichtlich geworden: Eine der Maschinen fuhr ein Eck des Nachbarhauses ab, berichtet Wingerter.
„Jetzt schauen wir in den Dreck“
Direkte Nachbarn sorgen sich um die Statik ihrer Grundstücke. Erdreich, das angrenzende Mauern gestützt habe, soll abgetragen worden sein. Risse im Mauerwerk sind zu sehen. Mit Blick auf die nackte Erde und das herumliegende Häckselgut schüttelt Katrin Arnold den Kopf. „Wie schnell sowas passiert. Den Leuten ist es aber nicht egal.“ Ihre Mutter fügt mit Mut in der Stimme an: „Ich bin positiv überrascht, dass hier so ein Zusammenhalt ist. Wir sind jetzt eine Interessengemeinschaft.“ Und trotzdem überwiegt nach dem mutmaßlichen Baumfrevel die Bitternis: „Wir haben in eine grüne Wand geschaut“, sagt ein Nachbar. „Jetzt schauen wir in den Dreck.“
