Füttern, Eier tauschen, Tiere retten: Die Tauben-Engel vom Hauptbahnhof Regensburg

Von Daniel Pfeifer · 4. Oktober 2024 um 10:00

Wohl kaum ein Bewohner Regensburgs wird so verächtlich behandelt wie die Stadttaube. Als „Ratten der Lüfte“ beschimpft, werden sie getreten, gejagt und vertrieben. Für mehr Liebe und weniger Hass setzen sich Anja Hoffmann und Mandy „Fay“ Hübner ein. Die beiden betreiben am Hauptbahnhof einen Taubenschlag.

Sonntagmittag am Regensburger Hauptbahnhof: Ein Kind rennt über den Bahnsteig einer Taube hinterher, versucht sie aufzuscheuchen oder bestenfalls wie einen Fußball zu kicken. Die Eltern schauen amüsiert zu.

So wie hier werden Tauben oft gejagt, vertrieben oder aus Spaß erschossen. Doch ein paar Regensburgerinnen wollen diesem Hass entgegentreten: Ehrenamtliche vom Verein Tierrechte-Aktiv betreiben seit zwei Jahren am Hauptbahnhof einen Taubenschlag, kümmern sich dort um die Tiere und suchen Mitstreiter. Zum Anlass des Welttierschutztags am Freitag haben wir die beiden besucht.

Zufluchtsort für 260 Tauben

Nur ein paar Quadratmeter groß ist der 2022 gebaute Sperrholz-Verschlag im Dachgebälk des Hauptbahnhofs. In Regalwänden sind Dutzende Nistplätze, vier Futterbottiche stehen zwischen verstreutem Heu, durch zwei längliche Spalte strömt Tageslicht. Es herrscht reger Flugverkehr an den Einflug-Öffnungen: rund 260 Tauben nutzen den Taubenschlag zum Fressen, Nisten und als Rückzugsort.

Jeden zweiten Tag erhalten die Tiere Besuch von Anja Hoffmann. Die 58-Jährige putzt, füttert und singt, wenn sie gute Laune hat, den Vögeln etwas vor. Ihre vielleicht wichtigste Aufgabe aber: Wenn Tauben Eier legen, tauscht sie sie gegen Gips-Attrappen aus – rund 600 Stück pro Jahr – und verfüttert die echten Eier an Krähen. Das mag brutal klingen, „aber es ist das allerbeste, was man machen kann gegen die wachsende Population“, erklärt Hoffmann. Vor allem wenn man die Alternative ansieht: In anderen Orten, wie seit Juni in Limburg, werden die Vögel einfach erschlagen.

Erfolg gegen Vogel-Massen

Während Corona reifte in Fay Hübner der Wunsch heran, etwas für Regensburgs Tauben zu tun. Als sie auf gut Glück beim Bahnhofs-Management anfragte, rannte sie offene Türen ein. „Die waren sofort Feuer und Flamme“, erzählt Hübner. Die Leitung erklärte sich sogar bereit, die rund 80 Kilo Futter pro Woche zu zahlen und erkundige sich regelmäßig nach dem Wohlbefinden der Tiere. Für sie ist es eine Win-Win-Situation: Den Tauben geht es besser und die Reinigungskräfte haben im Bahnhofsareal kaum mehr Hinterlassenschaften zu säubern.

Und tatsächlich: War der Vorplatz früher voller Tauben, die verzweifelt Nahrung suchten und Fast Food-Brösel und Zigarettenkippen fanden, hat sich die Lage in nur zwei Jahren völlig verändert. Wöchentlich ist Hübner auf auf den Bahnsteigen unterwegs und sucht Nester von Tauben, die noch nicht den Weg in den Schlag gefunden haben. Auch hier tauscht sie Eier aus – wie auch am Straubinger Bahnhof oder in Kelheim, wo die 41-Jährige städtische Taubenbeauftragte ist. Am liebsten würde sie noch mehr tun: „Der Taubenschlag am Bahnhof kann ein Vorbild sein, dass die Stadt endlich mal in die Puschen kommt“, sagt die Tierschützerin. Auch die Universität richtete vor über 12 Jahren einen Taubenschlag ein, dessen Erfolg bayernweit Aufmerksamkeit erregte. Die Altstadt und die Oberpfalzbrücke seien ideale Standorte für einen städtischen Probe-Taubenschlag, sagt Fay Hübner – eine bessere Lösung als Metall-Spikes auf Gesimsen oder Netze an Fassaden. „Dieses Vergrämen löst das Problem nicht, es wird nur zum Problem des Nachbarn.“

Schlussendlich seien wir es ja selbst, die die Tauben in ihre heutige Lage gebracht hätten, sagt Anja Hoffmann. Einst als Haustiere, Fleischquelle oder Briefboten gehalten, vermehrten sie sich nur so explosiv, weil Menschen sie darauf gezüchtet haben. „Es sind zauberhafte Tiere: Tauben-Pärchen bleiben ein Leben lang zusammen. Ich wünschte, man würde sich mehr mit diesen treuen Tieren auseinandersetzen“, rät Hoffmann allen Regensburgern, „und nicht nur nachplappern, was Generationen von Dummköpfen erzählt haben. Ratten der Lüfte – wenn ich das schon höre.“

Ein Reporter unter Tauben

Oh, wenn Blicke töten könnten... Empört plustert sich Susl auf, schlägt mit ihren Flügeln nach mir und beißt mir in die Hand. Ich kann es ihr nicht verübeln, klaue ich ihr doch gerade die Eier. Um mich wirklich einzuschüchtern, ist Susl aber leider zu flauschig, ihre Flügelschläge zu sanft und ihre Bisse viel zu harmlos. Sie kriegt noch etwas frisches Heu, dann kann sie in Ruhe weiter ihre Gipseier „ausbrüten“.

Ein paar Stunden darf ich bei Anja Hoffmann im Taubenschlag mithelfen. Es ist kuschelig warm und anders als befürchtet riecht es – obwohl natürlich überall Taubenkot ist – nur nach Holz und Heu. Mit Spachteln kratzen wir die trockenen Hinterlassenschaften grob von Balken und kehren sie mit Stroh und Federn zusammen.

Komme ich Tauben zu nahe, schlagen sie empört nach mir – irgendwie niedlich. Überall gurrt es, leise hört man Taubenfüße auf dem Dach tapsen. Nachdem wir zwei frisch gelegte Eier durch Gips-Attrappen ausgetauscht haben, gibt es Futter. In Minuten füllt sich das Vordach mit hungrigen Vögeln.

Am Ende hat mir keine Taube auf den Kopf gekackt, ich bin auch nicht krank geworden – so viel zu den Vorurteilen. Stattdessen nehme ich von dem Tag mit: Respekt für diese sanften Tiere. Sogar für Susl... diese kleine Diva.

Mandy „Fay“ Hübner (rechts) durchsucht den Bahnhof regelmäßig mit einer Leiter nach Nestern und Eiern.
MZ-Autor Daniel Pfeifer (links) und Taube Susl – eine eher einseitige Freundschaft.
Die Einflug-Öffnungen des Taubenschlags stammen aus den 50ern.
„Der Taubenschlag am Bahnhof kann ein Vorbild sein, dass die Stadt endlich mal in die Puschen kommt.“ - Mandy „Fay“ Hübner, Tierschützerin