Auch an Gedenkorten tauchen Schmähungen auf: Antisemitismus in der Oberpfalz wächst

Von Isolde Stöcker-Gietl · 2. Oktober 2024 um 10:00

Knapp 600 antisemitische Straftaten dokumentierte die Polizei 2023 in Bayern. In Ostbayern waren es knapp 100 Vorfälle. In Regensburg zeigte sich die zunehmende Diskriminierung jüdischer Mitbürger etwa in provokanten Symbolen. Auch das KZ Flossenbürg war betroffen.

Der Instagram-Kanal Regensburg4Palästine hat als Profilbild eine Wassermelone gewählt. Laut Rias, der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern steht die Frucht aufgrund ihrer Farben (rot, grün, schwarz) als Platzhalter für die Flagge Palästinas. Symbolisch aufgeladen sei die Wassermelone ein Zeichen für Widerstand. Und in weiterer Konsequenz für wachsenden Antisemitismus. Denn der Hass auf Israel wächst. Auch in Ostbayern. Innerhalb eines Jahres wurden 28 antisemitische Vorfälle in der Oberpfalz und 69 in Niederbayern gemeldet. Darunter immer wieder Schmierereien – etwa in Passau und Regensburg.

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Seit dem Hamas-Massaker vom 8. Oktober 2023 und dem folgenden bewaffneten Konflikt haben verbale und physische Gewalt gegen Juden zugenommen. Und zwar deutlich. Knapp 600 antisemitsche Strafttaten dokumentierte die Polizei im Freistaat im vergangenen Jahr, sagte Ludwig Spaenle, Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus bei der Vorstellung der jüngsten Zahlen am Montag in München. Allein zwischen Oktober und Dezember waren es über 300. Im ersten Halbjahr 2024 gab es bislang 205 antisemitische Vorfälle.

Schmiererei in der Altstadt

Unter den Orten der Provokationen tauchen Regensburg, Passau und Landshut auf. So sorgte vor wenigen Wochen eine beschmierte Hauswand in der Regensburger Altstadt für Entsetzen. An einem Geschäftshaus in der Gesandtenstraße stand in roten Lettern „From the River to the Sea – Palestine will be free“. Inzwischen wurde die Parole, die die Existenz Israels in Frage stellt, übermalt. An der Neupfarrkirche sprühten zudem Unbekannte „Free Gaza“. In der Oberpfalz kam es seit dem Hamas-Überfall auch zu neun Fällen von israelfeindlicher Mobilisierung, wie es im Rias-Bericht heißt. Bei einer Kundgebung am 10. November auf dem Regensburger Domplatz sei es zu diskriminierenden Aussagen gekommen. Auf Arabisch wurde die Parole „Mein Blut opfere ich für Al-Aqsa“ angestimmt. Die Zwischenrufe seien aber von der Versammlungsleitung unterbunden worden. Auch bei Demonstration im März und Mai seien derartige Rufe angestimmt worden. In Regensburg wurde zudem – ebenso wie in anderen Städten – ein israelfeindliches Camp abgehalten. Hier zeichneten Students4Palestine verantwortlich. Im Rias-Bericht heißt es: Wie auf den meisten isrealfeindlichen Veranstaltungen war auch hier der Genozid-Vorwurf allgegenwärtig.

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Auch NS-Gedenkorte und Mahnmale werden vermehrt zu Projektionsflächen für Israelhass. Zehn Vorfälle wurden dokumentiert. Unter anderem fanden sich in den Gästebüchern der KZ-Gedenkstätten Flossenbürg und Dachau antisemitische Kommentare.

Verunsicherung wächst

Die Leiterin von Rias-Bayern, Annette Seidel-Arpaci, zeigt sich besorgt. „Angesichts der von uns dokumentierten Vorfälle kann ich leider nachvollziehen, dass sich viele bayerische Jüdinnen und Juden wie auch Israelis in Bayern nicht mehr sicher fühlen. “

Ilse Danziger, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Regensburg und Sozialarbeiterin Dorina Kuzenko haben bereits 2021 ihre Sorgen in Worte gefasst. Jetzt heben sie im Rias-Bericht erneut hervor: „Erschreckend viele Antisemiten kriechen aus ihren Löchern. Antisemiten vom linken Rand, von rechtsextremer Seite, aus muslimischen Kreisen und aus der scheinheiligen bürgerlichen Mitte – die ehrbaren Antisemiten, wie sie Jean Améry so treffend bezeichnet hatte.“