Stellenabbau in der Führungsetage möglich: So läuft die Vitesco-Verschmelzung mit Schaeffler

Von Christian Eckl · 26. September 2024 um 05:00

Die beiden Unternehmen Schaeffler und Vitesco sind zuversichtlich, auch der Betriebsrat – der glaubt aber langfristig an Stellenreduzierungen. Gleichzeitig ist klar: In der derzeitigen Situation in der Autobranche setzt Schaeffler auf Wachstum und bereitet so die Zukunft für Vitesco. Nur manche Führungskräfte dürften sich sorgen.

Die Reise geht weiter für die Vitesco-Mitarbeiter. Nicht wenige von ihnen wechselten von Conti nach der Abspaltung der Antriebsschiene zu Vitesco. Jetzt steht die nächste große Sache bevor: Am 1. Oktober wird die Übernahme des Regensburger Unternehmens durch die Schaeffler-Gruppe offiziell vollzogen. Mitarbeiter aus unterschiedlichen Ebenen schildern, dass es durchaus auch zu einem gewissen Kulturschock kommt: So gebe es bei Vitesco mehr Führungskräfte, während Schaeffler in Sachen Hierarchie schlanker aufgestellt sei. Doch all dies ist nichts Besonderes, wenn ein großes Unternehmen sich anschickt, ein anderes zu schlucken.

Zumindest gibt sich der Betriebsrat von Vitesco zuversichtlich. „Direkte, negative Auswirkungen gab es bislang keine“, sagt Carsten Bruns, Betriebsratsvorsitzender bei Vitesco. „Ganz im Gegenteil – wir konnten bewirken, dass die Vitesco Technologies Mitarbeitenden vom ersten Tag an vollwertige Mitglieder der Schaeffler-Familie sind und bereits für 2024 anteilig am Konzernerfolg beteiligt werden.“

Doppelstrukturen abbauen

Das Unternehmen – oder besser gesagt die Unternehmen, denn Vitesco und Schaeffler beantworteten gleichlautende Anfragen an sie wortgleich – sind zuversichtlich, dass die Übernahme die richtige Weichenstellung ist: „Die strategische Logik des Zusammenschlusses beruht auf der Überzeugung, dass beide Unternehmen zusammen Mehrwert schaffen. Dabei geht es vor allem um Wachstum in den Zukunftsmärkten.“ Klar ist aber auch, dass es bei der Übernahme auch darum geht, wo man sich Doppelstrukturen sparen kann: „Daneben gibt es auch gewisse Überschneidungen beziehungsweise doppelt besetzte Funktionen, die nun sorgfältig analysiert werden.“

Dass bei solchen Übernahmen auch unterschiedliche Unternehmensstrukturen aufeinanderprallen könnten, liegt in der Natur der Sache. Doch dabei können auch Chancen erwachsen – immerhin ist Schaeffler ein ganz großer, die Unternehmerin Maria-Elisabeth Schaeffler hat das Herzogenauracher Unternehmen erfolgreich geführt und klug, aber auch ertragsträchtig expandiert. Auf beiden Seiten sind ausgesprochene Experten in ihren Feldern tätig. Das Know-how wird Schaeffler zu nutzen wissen. „Durch den Zusammenschluss zwischen Schaeffler und Vitesco Technologies entsteht eine neue Organisation, in der sich die Mitarbeitenden beider Unternehmen orientieren und als neue Teams zusammenfinden müssen“, heißt es auch aus den beiden Pressestellen. Ob es sogar Pläne für Investitionen am Standort Regensburg gibt ist aber noch offen: „Unser voller Fokus liegt auf der Vorbereitung des Zusammenschlusses am 1. Oktober“, heißt es dazu. Im Anschluss werde man weitere Planungen vornehmen. Betriebsratschef Bruns macht deutlich, was die Fusion aus Arbeitnehmersicht bedeutet: „Obwohl bei der Verschmelzung grundsätzlich nach dem Best-of-both-worlds-Prinzip vorgegangen wird, ist es klar, dass die Zentrale des alten und neuen Schaeffler-Konzerns in Herzogenaurach liegen wird.“ Den Vitesco-Mitarbeitern wurde aber zugesichert, „dass es bei der Verschmelzung beider Unternehmen am 1. Oktober für jede/jeden wieder einen Arbeitsplatz geben wird“.

Langfristige Einsparungen

Laut Bruns sei klar: „Das angekündigte Synergiepotential lässt erwarten, dass langfristig auch im Personalbereich eingespart werden wird.“ Allerdings hätten die Vitesco-Mitarbeiter etwa bei Umschulungen von Verbrenner- auf Elektroantriebe gezeigt, wie „anpassungsfähig sie sind. Mehr Sorgen macht mir die gegenwärtig schlechte Stimmung in der deutschen Automobilindustrie“, so Bruns. Er hoffe aber, „dass durch die Verschmelzung mit dem breiter aufgestellten Schaeffler-Konzern die Arbeitsplätze in Summe sicherer gegen Auftragsschwankungen in einzeln Gebieten werden“. Allerdings sagt Bruns auch: „Ich sehe die größte Herausforderung darin, dass die Beschäftigten durch die Verschmelzung zu einem großen Konzern das Gefühl von Schnelligkeit, Moderne und Agilität des kleineren, jungen Unternehmens Vitesco verlieren.“

Kommentar: Es geht um die Zukunft

Die Autobranche ist im Umbruch. Das merkt nicht nur der Standort Regensburg mit dem BMW-Werk, Conti und Vitesco. Auch die Region spürt das, denn es zuckt zuerst in der Lieferkette, wenn die Krise die Branche durchschüttelt. Sicher ist: An die Zukunft der Autoindustrie ist die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands eng geknüpft. Übernahmen sind für manchen schmerzhaft, der feststellt, dass sein Posten spiegelgleich im größeren Unternehmen vorhanden ist. Aber: In diesen Zeiten ist Wachstum als Strategie alternativlos.