Mahnmal gegen das Vergessen: In Regensburg wurden drei neue Stolpersteine verlegt

Der Arbeitskreis Stolpersteine hat in Regensburg drei neue Messingplatten ins Pflaster eingelassen. Sie erinnern an Menschen, die von Nationalsozialisten verfolgt und getötet wurden.
Ein Stein, ein Name, ein Mensch: Der Arbeitskreis Stolpersteine des evangelischen Bildungswerks Regensburg kümmert sich seit 17 Jahren darum, dass NS-Opfer in Regensburg nicht in Vergessenheit geraten. Mehr als 270 gravierte Messingplatten wurden bereits ins Regensburger Pflaster eingelassen – zehn mal zehn Zentimeter große Erinnerungen an verfolgte und getötete Menschen. Drei neue Gedenkorte gibt es seit gestern in der Stadt: am Georgenplatz, am Hunnenplatz und in der Tändlergasse.
Eine Kerze und zwei weiße Rosen liegen auf der glänzenden Messingplatte am Georgenplatz, auf der der Name Albin Relewicz eingraviert ist. Er war Zeuge Jehovas und hatte 1943 den Dienst an der Waffe verweigert. Der damals 36-Jährige wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, landete schließlich in der psychiatrischen Abteilung des Zuchthauses Straubing und kam 1944 in die Anstalt Karthaus-Prüll in Regensburg. Am 21. Januar 1945 starb Relewicz dort – angeblich an einer „geistigen Erkrankung, die mit einem allgemeinen körperlichen Verfall einherging“, so die offizielle Todesursache. Dabei hatte er immer beteuert, er sei nicht geisteskrank.
Zurück in der Gesellschaft
Bei der feierlichen Verlegung des Gedenksteins gestern im Beisein von Vertretern der Stadt, der Zeugen Jehovas, der Jüdischen Gemeinde, mehrerer Schulklassen und weiterer Gäste erinnerte Susanne Feichtmayer-Arnold, Sprecherin der Stolpersteininitiative, an das Schicksal von NS-Opfern. Mittels der Steine kämen Menschen, die viel leiden mussten, wieder zurück in die Gesellschaft, so Feichtmayer-Arnold. Bürgermeisterin Astrid Freudenstein lobte die Aktion als „Mahnmal gegen jede Art von Extremismus“.
Der Georgenplatz ist eng mit den Zeugen Jehovas und ihrem Widerstand gegen das NS-Regime verbunden. Daran erinnert e in der Vergangenheit auch eine Stele, die allerdings beschädigt wurde und ersetzt wird. Der Stolperstein für Albin Relewicz macht die Vorhut.
Nur ein paar Meter weiter, am Hunnenplatz, wurde ein weiterer Stolperstein verlegt. Er erinnert an Johann Dratzl. Der 1885 geborene Regensburger war mit dem Gesetz in Konflikt gekommen und wurde im Dritten Reich als „nicht mehr arbeitsfähig“ selektiert. Mit mehr als hundert anderen Häftlingen wurde er 1942 in der NS-Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz vergast. „Die Häftlings-Euthanasie ist vielen gar nicht bekannt“, so Feichtmayer-Arnold.
Nach Theresienstadt deportiert
Auch Abraham Naß, dem der dritte, gestern verlegte Stolperstein gewidmet ist, wurde von den Nationalsozialisten ermordet. 1870 in Galizien geboren, hatte Naß 1896 die Regensburgerin Rosa Jacob geheiratet. Das Paar hatte ein Herrenkonfektionsgeschäft in der Tändlergasse. In der Reichspogromnacht im November 1938 wurde der Geschäftsmann verschleppt und misshandelt. Seine herzkranke Frau starb infolge des Pogroms. 1941 musste Naß ins jüdische Altenheim in der Weißenburgerstraße umziehen, von dort wurde er ein Jahr später ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er im Februar 1943 starb. Nun hat sein Name in der Tändlergasse wieder einen festen Platz.
Die nächste Stolpersteinverlegung in Regensburg steht am 21. Oktober um 15.30 Uhr in der Obermünsterstraße 2 an. Dann wird mit Max Tröster erstmals einem homosexuellen NS-Opfer in Regensburg gedacht.
Ein Kunstprojekt
Idee: Sie geht auf den Kölner Künstler Gunter Demnig zurück. Die ins Trottoir eingelegten Messingplatten erinnern an deportierte Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgte, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Häftlinge und Eu-thanansie-Opfer. Umfang: Jeder Stolperstein wird von Hand gefertigt und graviert. Inzwischen wurden mehr als 100 000 Steine an rund 1260 Orten in Deutschland und in mehr als 28 weiteren Ländern verlegt. Paten finanzieren die 120 Euro teuren Steine.
Hintergrund: In der Regel wird der Erinnerungsstein am letzten, freiwillig gewählten Wohnort des Opfers verlegt. Er dokumentiert vor dem Hause, dass dort ein Mensch gelebt hat, der von Nationalsozialisten verfolgt oder ermordet wurde.


