Ausgenutzt von Werkstätten? Landkreis Regensburg streicht Altreifen-Abholung

Die schiere Masse an Altreifen, die im vergangenen Jahr zur Entsorgung auf Kosten des Regensburger Landratsamtes bereit lagen, macht stutzig. Landrätin Tanja Schweiger macht die Zahl vor allem misstrauisch: „Da müssen viele Bürger die Reifen daheim wechseln“, sagte Landrätin Tanja Schweiger in der jüngsten Umweltausschusssitzung des Kreistags mit einer gehörigen Portion Skepsis in der Stimme. Denn mit dem Reifenwechseln ist es ja nicht getan. Privatleute müssten die Pneus auch noch von der Felge bekommen, um sie abholen zu lassen.
Wo kommt dann aber die Menge von über 530 Tonnen Altreifen, die 2023 eingesammelt wurden, her? Bei einem durchschnittlichen Gewicht von acht Kilogramm pro Reifen geht das Landratsamt von rund 66 000 Reifen aus. Pro angemeldeter Mülltonne sind maximal sechs Reifen pro Abholung zulässig. Eine solche findet zweimal jährlich statt. Dass allein durch private Reifenwechsler dabei jährlich über 500 Tonnen Altreifen zusammenkommen, bezweifelt man im Sachgebiet Abfallwirtschaft. „Dadurch, dass keine Anmeldung zur Abholung erfolgen muss und die Abholtermine im Vorfeld öffentlich bekanntgegeben werden, lädt dies Bürger aus anderen Landkreisen dazu ein, ihre Altreifen ebenfalls im Landkreis Regensburg zu entsorgen“, teilte die Verwaltung ihre Mutmaßung den Ausschussmitgliedern mit.
Kontrolle im Landkreis Regensburg ist unmöglich
Außerdem sei nicht auszuschließen, dass Werkstätten eine kostenpflichtige Entsorgung umgehen, indem sie ihre Altreifen kurz vor der geplanten Abholung vor mehrere Grundstücke verteilen. Auf MZ-Nachfrage betont Veronika Feldmeier-Ernst, stellvertretende Sachgebietsleiterin Abfallwirtschaft, dass solche Fälle ihrer Abteilung zugetragen worden seien, es jedoch keinerlei Beweise, also auch keine Ermahnungen an Firmen oder verhängte Bußgelder gebe.
Auch Irmgard Sauerer (FW), die als Brennberger Bürgermeisterin einer Gemeinde am Rande des Landkreises vorsteht, kommt die Menge an Altreifen, die sich bei angekündigten Abholungen türmen, faul vor. „Dann liegen immer 30, 40 Reifen bei der Raiffeisenbank. Das ist auffällig“, berichtet das Mitglied des Umweltausschusses. Auch im Weiler Stadel, direkt an der Grenze zum Landkreis Cham, finden sich bei einem Parkplatz regelmäßig große Mengen an Reifen. Warum sollten Brennberger Bürger ihre alten Reifen extra an Sammelstellen bringen, wenn die Pneus doch auch direkt vor ihrer Haustüre mitgenommen werden? „Die Vermutung liegt nahe“, schlussfolgert Sauerer, „dass die Reifen von außerhalb kommen“.
Landkreis Regensburg zahlte knapp 230.000 Euro für die Altreifen-Entsorgung
Kontrollen seien aufgrund fehlender Anmeldung nicht möglich, informiert die Landkreisverwaltung. Müssten Altreifenabholungen aber gemeldet werden und die Entsorger nicht mehr ihre Routen abfahren, würden die Entsorgungskosten weiter steigen. Im vergangenen Jahr 2023 zahlte der Landkreis knapp 230 000 Euro für die Altreifen-Entsorgung. Um die Müllgebühren stabil zu halten und die Bürger nicht unnötig oder gar ungerecht zu belasten, sei es nötig, teure Zusatzleistungen zu streichen. Daher schlug Landrätin Schweiger in der Umweltausschusssitzung vor, den Vertrag über Altreifensammlungen zum nächstmöglichen Zeitpunkt – also Mitte 2026 – aufzukündigen.
„Da müssen wir bedenken, dass die wilde Entsorgung zunehmen wird“, erklärte Karl Söllner (SPD), befürwortete den Vorschlag aber grundsätzlich. Anderer Meinung war Rita Blümel (CSU): „Alles muss man bezahlen. Das ist noch so ein Zuckerl für unsere Bürger.“ Dass die Landkreisbewohner groß von der Entscheidung getroffen würden, bezweifelte Matthias Beer (CSU). Mit Blick auf mögliche gewerbliche Nutznießer der Gratis-Abholung für Privatleute sagte er: „Die Kfz-Werkstätten mögen sich ärgern. Aber die können sich nicht laut beschweren, weil sie dann ja zugeben würden, dass sie nicht richtig entsorgt haben.“
Landkreis Regensburg: Kein Alternativangebot
Dieser Meinung schloss sich der Umweltausschuss an und besiegelte lediglich mit Blümels Gegenstimme das Aus der Altreifen-Abholung ab Mitte 2026. Ein Alternativ-Angebot wird vom Landkreis zunächst nicht angeboten. Auf Dr. Gerd Kellys (Grüne) Anregung, Container für Altreifen auf Werkstoffhöfen aufzustellen, antwortete Schweiger: „Momentan haben wir keinen Platz. Wenn die Gelbe Tonne kommt, können wir uns das noch mal anschauen.“
Zufrieden zeigte sich auch die besonders betroffene Bürgermeisterin Irmgard Sauerer mit der Entscheidung. Natürlich sei es ein gutes Angebot gewesen, das in den Gebühren inbegriffen war. „Aber es kann nicht sein, dass die Allgemeinheit die Kosten für augenscheinlich gewerbliche Entsorgung trägt. Deswegen stehe ich hinter der Entscheidung.“