Liste nicht lieferbarer Arzneien wird länger – Chamer Apotheker warnen vor Hamsterkäufen

Von Tanja Fenzl · 25. September 2024 um 11:00

Für Hypochonder ist die Gelbe Liste im Internet nichts. Dort werden unter anderem die aktuellen Lieferengpässe bei Medikamenten angezeigt. Chamer Apotheker bestätigen: Die Liste nicht lieferbarer Arzneien wird auch bei uns immer länger. Richtig schlimm ist das aber nur für einige wenige Patienten, sagen sie.

„Man vergisst immer, dass zwar Hunderte Medikamente nicht lieferbar sind, die meisten Arzneien aber schon“, sagt beispielsweise Apothekerin Maximiliane Engert von der Apotheke Rewitzer in Furth im Wald. Die Liste der nicht oder zeitweise nicht lieferbaren Medikamente sei so lang und breit gefächert, dass sie keine Medikamentengruppe herausstellen möchte. „Soweit, dass wir selbst Fiebersaft herstellen müssen, wie letztes Jahr, sind wir noch nicht wieder.“

Verschiedenste Arzneimittelgruppen knapp

Es handle sich nicht nur um vorübergehende Engpässe bei einzelnen Medikamenten wie in der Vergangenheit beispielsweise bei Fiebersaft für Kinder, Jodtabletten oder Schmerzmittel, sondern die Lieferschwierigkeiten beträfen nahezu alle Bereiche. Ja, auch Antibiotika gehören dazu, wie in den vergangenen Wochen bundesweit in den Schlagzeilen zu lesen war. „Aber generell kann man eigentlich nur ganz schwer sagen, was eigentlich nicht lieferbar ist, weil sich das jede Woche ändert.“ Was heute nicht zu bekommen sei, sei nächste Woche wieder lieferbar, und die Woche darauf vielleicht bereits wieder aus den Bestelllisten verschwunden.

Vor Hamsterkäufen warnt Engert allerdings: „Man soll keine Panik schüren, wenn ich sage, ein bestimmtes Medikament ist knapp. Denn dann wird es womöglich tatsächlich knapp, wenn die Leute es zu Hause horten.“ Ausnahmen seien aber durchaus sinnvoll: „Wenn ich drei Kinder zu Hause habe, sollte man schon vorsichtshalber Fiebersaft daheim haben.“ Fünf Flaschen machten aber wenig Sinn.

Patienten müssen Alternativen akzeptieren

Außerdem: „Für die meisten Arzneien haben wir ohnehin Alternativen“, beruhigt die Apothekerin. „Fast immer finden wir eine Lösung gemeinsam mit den Kunden und den Ärzten.“ Der Aufwand für die Apotheker sei einfach in den letzten Jahren immer größer geworden. „Wir müssen viel herumtelefonieren. Mit Kollegen, die vielleicht mit dem einen oder anderen Medikament aushelfen könnten, oder mit Ärzten, um gemeinsam ein geeignetes anderes Medikament zu finden.“ Klar sei aber auch: „Als Patient muss ich mich immer mehr darauf einstellen, dass die Packung vielleicht mal rot ist statt blau.“

Ursachen: Gestörte Lieferketten und Auslandsproduktion

Ähnlich sieht es Apotheker Alexander Pöschl von der Apotheke am Stadtpark und der Regental Apotheke in Cham. Seit mindestens zwei Jahren schon werde die Liste nicht lieferfähiger Medikamente länger und länger. Stundenlang seien die Mitarbeiter täglich mit der Warenbeschaffung beschäftigt, im Gespräch mit Ärzten und Kunden suchen auch sie nach Alternativen für diejenigen Medikamente, die gerade nicht verfügbar seien. „Die Kunden zeigen sich aber inzwischen sehr verständnisvoll, die kennen das mittlerweile.“ Arzneien seien inzwischen eben nicht mehr jederzeit erhältlich. Schuld seien gestörte Lieferketten und die Tatsache, dass die meisten Medikamente im Ausland produziert würden. „Hier ist die Politik gefordert.“

Lesen Sie dazu auch: Medikamenten-Engpass: Chamer Apotheker stellen jetzt auch noch Zäpfchen her

Das sagt auch Roland Gruber, Inhaber der Steinmarkt Apotheken in Cham. Leider sei es nicht so einfach, wie manche Politiker Glauben machen wollen, die Arzneimittelproduktion wieder zurück nach Deutschland zu holen. „Die Bürokratie ist hier groß, das dauert. Und dann greifen die Leute am Ende doch wieder zu den billigeren Medikamenten, und die deutschen Firmen gehen pleite.“ Gruber gibt sich deshalb keinen Illusionen hin: „Das wird uns so erhalten bleiben und nicht schlagartig besser werden.“

Tausende Medikamente nicht erhältlich

Auch er gibt für den Großteil der Patienten Entwarnung: „90 Prozent der Kunden betreffen die Lieferengpässe nicht, weil es sehr oft alternative Wirkstoffe gibt. Für einige wenige, die auf ganz bestimmte Medikamente angewiesen sind, ist die Situation natürlich dramatisch.“ Doch: Zusätzlich zu den offiziell nicht verfügbaren Arzneien kämen noch mehrere tausend Medikamente, die offiziell zwar noch gelistet würden, aber nicht im Handel erhältlich seien.

Hamsterkäufe bringen nicht viel und verschlimmern das Problem der Medikamentenknappheit, warnen die Apotheker davor, zu Hause allzu viele Arzneien zu horten. Foto: dpa/picture alliance/Marcella Merk