Ein Spiegelbild der Gesellschaft: Schule in Cham vor vielen Herausforderungen

Von Christoph Klöckner · 23. September 2024 um 19:00

„Wir mussten keine neuen Klassen bilden“ – für Andreas Lindinger und Johannes Reutner bedeutete das einen ruhigen Schulstart. Es hätte auch anders kommen können, meinen sie – und sicher hätten einige neue Kinder am 10. September, die das Chamer Schulamt nicht auf dem Schirm hatte, vor der Schultür gestanden. Etwa in Lohberg, wo 20 Kinder von Geflüchteten, die dort nun zuhause sind, plötzlich da waren. „Doch wir haben alle gut untergebracht!“, so Schulamtsdirektor Lindinger.

Diese Unvorhersehbarkeit ist heute ein Faktor, mit dem das Schulamt und die Schulen leben müssen. Daher haben er und sein Stellvertreter in der Amtsleitung es aufgegeben, schon vorher detaillierte, zahlengenaue Statistiken zu führen. Es sei kaum zu planen, zumal Neuzugänge, etwa Zuzüge mit Kindern aus europäischen Ländern oder eben Geflüchtete, auch während des Schuljahrs bei den Schulen anklopfen.

Einige Deutschklassen

Vier Deutschklassen in Cham für Migranten an der Grundschule und eine schulübergreifende Deutschklasse am Fraunhofer-Gymnasium, dazu weitere Deutschklassen in Furth und an der Johann-Brunner-Mittelschule Cham bilden heute einen Teil des „normalen“ Schulgeschehens im Landkreis ab. „Außerdem sind viele ausländische Kinder in den Regelklassen“, erläutert Lindinger.

Hier hofft man auf die Integrationskraft der Klassen, denn es gebe zwar „Deutsch-Plus“, also Zusatzunterricht für Kinder mit wenig oder ohne Deutschkenntnisse, doch seien das nur wenige Stunden. Und natürlich sei die Situation belastend für die Schulen und die Kinder.

Schwer planbar werde es auch, weil die Bereitschaft, den Wohnort innerhalb des Landkreises zu wechseln, zunehme, wie Lindinger und Reutner festgestellt haben. Somit werde von den Schulen wie vom Schulamt höchstmögliche Flexibilität gefordert. Und mancherorts auch von den Eltern, wie Lindinger betont – etwa, wenn statt Kombiklasse lieber eine Jahrgangsklasse mit 29 oder 30 Schülern gebildet werde.

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Dafür müssten die Eltern zustimmen, denn eigentlich sei eine Klasse mit 28 Kindern voll. Der Durchschnitt bei den Klassenstärken liege bei 22, „doch es gibt viele Klassen, die weit darüber liegen“.

Daneben kämpft Schule mit dem, was die Gesellschaft hervorbringt: „Die Probleme der Gesellschaft treffen auch die Schule.“ Das bedeute zum einen, dass vielerorts Schulbegleiter mit Kindern unterwegs seien, um Inklusion möglich zu machen. „Mehr als vier solcher Begleiter in einer Klasse ist grenzwertig“, so Lindinger. Doch auch ohne Schulbegleitung sei Schule anspruchsvoll und eben ein Abbild der Gesellschaft – das bedeute: „Der sozial-emotionale Förderbedarf ist oft hoch!“

Gleichzeitig wachse das Anspruchsdenken und sinke die Geduld vieler Eltern. Viele Lehrer seien an ihrer Belastungsgrenze angelangt, dennoch sei die Krankheitsquote sehr gering: „Die Lehrerinnen und Lehrer im Landkreis sind mit Herz dabei!“ Doch auf Sozialarbeit an Schulen, auch an Grundschulen, könne heute nicht mehr verzichtet werden.

Glücklicherweise hält hier die Zuweisung von Lehrerstunden für Grund- und Mittelschule, um die sich das Schulamt kümmern, mit den Herausforderung weitgehend Schritt. „Die Lehrerversorgung ist ausreichend“, sagt Lindinger. Er habe mit Schlimmerem gerechnet, doch dem Landkreis komme zugute, dass viele, die hier die noch weitgehend heile Welt der Schule selbst erlebt hätten, nach ihrer Lehrerausbildung zurück wollten. Wobei Lindinger wenig Hoffnung auf ein Ende des Lehrermangels hat: „Der wird weitzergehen!“

Studenten und Pensionisten

Neben den Lehrkräften seien Zusatzkräfte ganz unterschiedlicher Couleur an den Schulen beschäftigt – das reiche von Pensionisten, die Schwimmunterricht gäben, bis zu Lehramtsstudenten in verschiedenen Unterrichtsaufgaben je nach Studienweite. 39 solcher Studenten, die schon sehr weit im Studium sind, übernehmen etwa 256 Stunden als Mobile Reserve – 41, die ebenfalls schon weit im Studium fortgeschritten sind, übernehmen 490 Unterrichtsstunden – ohne jedoch Noten geben zu dürfen. Dankbar sei das Schulamt für den Einsatz von Pensionisten, die eine hohe Flexibilität hätten und zudem vor Ort eine höhere Akzeptanz genießen würden.

Das klinge nach viel, doch bei 10 000 Stunden wöchentlich relativiere sich das, so der Amtschef. Dennoch seien es wertvolle Ergänzungen, die das Amt flexibler mache: „Dafür sind wir sehr dankbar!“ Denn nicht nur die Herausforderungen wachsen, sondern auch die Schülerzahl – etwa um 2,5 Prozentpunkte bei der Grundschule und bei der Mittelschule auch um etwa 2,2 Prozent – „und das unerwartet.“

Neben den alltäglichen Anstrengungen, unerwartet auftauchende Kinder in Klassen unterzubringen, sehen Lindinger und Reutner durch den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung neue Herausforderungen auf das Amt zukommen. Schon jetzt berate man einige Kommunen zu dem Thema. „Das ist eine Mammutaufgabe“, sagt Andreas Lindinger.

Auch deshalb, weil mittlerweile alle um die selben Berufsgruppen kämpfen würden: um pädagogisch ausgebildete Fachkräfte. Das Chamer Schulamt wolle zumindest eine Offene Ganztagsbetreuung (OGTS) als Minimum an den Schulen installieren. „Der Bedarf an Betreuern und Betreuung ist hoch“, sagt der Schulamtsleiter, zumal es nur 20 Schließtage solcher Einrichtungen im Jahr geben soll und auch der Freitag zur Betreuungszeit gehört. Fraglich sei vielerorts auch, ob neue Räume geschaffen werden müssten oder nicht.

Zahlen und Fakten zu Chams Schulen

Schulen: Es gibt im Landkreis 36 Grundschulen und zehn Mittelschulen, die das Chamer Schulamt betreut. Rund 10 000 Unterrichtsstunden wöchentlich werden an beiden Schularten von 650 Lehrkräften geleistet. Dazu kommen weitere pädagogische Kräfte.

Schüler: Etwa 4700 Grundschüler und 2100 Mittelschüler sind an diesen Schulen unterwegs – die Schülerzahlen sind leicht steigend. Die Durchschnittsklassenstärke liegt bei 22 Kindern.

Größe: Die größte Kombischule aus Grund- und Mittelschule ist die Rodinger mit etwa 740 Kindern und Jugendlichen. Die größte Grundschule ist die in Cham mit etwa 340 Schülern. Bei den kleinsten, eigenständigen Grundschulen sind mehrere am Start – etwa Arrach, Schönthal oder auch Geigant.

Johannes Reutner und Andreas Lindinger vom Schulamt in Cham sind zufrieden mit dem Schulstart. Foto: ck