Ein Hoch auf die Freundschaft: „Bondi Beach“ am Theater Regensburg

Von Marianne Sperb · 22. September 2024 um 12:30

Fünf Freunde versuchen, das Alter auszutricksen, und führen lustige Gespräche über letzte Dinge. Klasse Stück, klasse Inszenierung, klasse Schauspieler: Damit wäre über die Premiere im Antoniushaus schon das Wichtigste gesagt.

Die Zukunft liegt auf dem Friedhof. Im Fall Antoniushaus bedeutet das: nur 40, 50 Meter entfernt. Damit ist die Folie für „Bondi Beach“, dem Schauspiel zu Saisonauftakt am Theater Regensburg, schon so ziemlich umrissen.

Draußen wird am Samstag beim Weinfest mit zünftiger Musik das Leben gefeiert, drinnen auf der Bühne dämmert einer Clique: Das Ende ist unausweichlich und der Weg wird auf jedem Lebenskilometer steiniger. Saukomisch, scharfsichtig und abgeklärt werden die großen Fragen verhandelt, die allen auflauern. Schließlich: „Jeder wird älter, wenn er nicht früh stirbt“, sagt Autorin Rebekka Kricheldorf, die zur Premiere gekommen ist.

Fünf Freunde feiern ihre runden Geburtstage und überlegen: Was macht man mit dem Rest seines Lebens, der heute beginnt? Sie schwanken zwischen Carpe Diem und memento mori, radikalem Hausputz vor dem Tod und dem Wechselbad von Askese und Ekstase am Bondi Beach von Sydney. Um letzte Dinge geht es: wie wir sterben wollen, wie wir gesund altern können, ob Sex noch Sinn macht und ob genug Geld fürs Heim bleibt.

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Die Clique schlägt sich herum mit Optionen für die Beisetzung (pflegefreies Erdgrab oder Urne?) und für den nächsten Ausflug (in der Kneipe in Lederjacke Whiskey kippen oder auf der Wanderung in Goretex Wein schlürfen?). Sie listet auf, was noch zu tun ist, bevor einen der Bus überfährt (Proust lesen?) und überschlägt, welche Investition das Alter noch hergibt (Inline-Skates? Maxipackung Tampons?). „Wir sollten uns erfreuen statt grämen“, sagt Zoe. „Auch in unserem Alter kann es noch erste Male geben.“ Klar, sagt Tristan, eine Darmspiegelung.

Ein Bonmot jagt hier das andere. Die Worte klingen erst lustig, in der Sekunde danach gehaltvoll und das ausgesprochen kicherbereite Publikum der Premiere genießt hörbar jeden Satz wie einen Schluck guten Roten, der auf der Bühne in Strömen fließt. Rebekka Kricheldorf nutzt Komik als Waffe, schneidet die Sätze zu wie mit dem Skalpell, legt das Tragische im Komischen bloß – und umgekehrt. Sie blendet Melancholie nicht aus, lässt sie aber nicht gewinnen. Nur nicht wehleidig werden! „Ich wollte das Thema Alter nicht verkaspern“, sagt sie, „aber auch nicht bleischwer machen.“

Klasse Stück, klasse Inszenierung, klasse Schauspieler: Damit wäre im Grunde zu „Bondi Beach“ alles gesagt. Regisseur Malte Kreutzfeldt, der auch das Bühnenbild entworfen hat, platziert die Freunde in einem chicen Salon. Auf dem Designer-Zweisitzer redet, streitet und trinkt die Truppe, liegt sich in den Armen und balgt sich wie ein Wurf Welpen im Hundekörbchen.

Unter dem Parkett liegt der Strand

Für die sieben Szenen, die das Zwei-Stunden-Stück portionieren, erfindet Kreuztfeldt ein paar gute Kniffe, die das Ganze kurzweilig durchtakten, und er streut schöne Gags ein. Beim Ausfüllen der Patientenverfügung geht – Pfft! – einem Sitzballon die Luft aus, und bei einer Wutrede bewegen sich die Freunde so synchron wie ein Seehunde-Ballett vor dem Dompteur, köstlich.

Staunenswert, was Kreutzfeldt aus den mageren Möglichkeiten der Bühne im Exil Antoniushaus herausholt. Für die Reise nach Florida driftet der Parkettboden zur Seite und gibt den Sandstrand frei, von der Decke baumeln Palmwedel, der Saal wird zum Meer: eine perfekte Illusion. Für die Weinwanderung schickt er die Freunde durch die Zuschauerreihen; das wirkt etwas aufgesetzt, bringt einem den Stoff aber recht nah: Es lässt das zunehmend steifnackig nach hintenblickende Publikum das eigene Alter spüren. Wunderbar ausgewählte Songs wie „Seasons in the Sun“ schmiegen sich in die Gefühlslagen; die Lautstärke hätte man ruhig kräftiger aufdrehen dürfen.

Der Star ist das Ensemble. Ausnahmslos alle Fünf spielen so hemmungslos, so lebensecht und so vertraut, als würden sie wirklich seit Jahrzehnten Tisch und Couch, Träume und Enttäuschungen teilen. Gelungen: die Kostüme (Sandra Marina Paluch), die die Figuren nachzeichnen Der trübsinnige Tristan (Gerhard Hermann) im Schwarz der Existenzialisten. Die stets gut sortierte Zoe (Franziska Sörensen) mit Pagenkopf und in edlem Creme. Der jungenhafte Sunnyboy Dennis (Thomas Mehlhorn) in kurzen Hosen. Fiffy (Silke Heise), die nach dem Partylife von früher sucht, in Teenager-Klamotten. Der spirituelle Nico (kurzfristig für Michael Heuberger eingesprungen: Oliver Jaksch) im buddhistisch angehauchten Walla-Walla.

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Den Fünfen geht immer wieder mal einer abhanden: Tristan klettert über eine Leiter auf die Balustrade, ab zu Cazuela nach Heidelberg statt zu Sabine daheim. Nico sucht Abkehr von der Welt und schneit zu Flugzeugdröhnen durch die Foyer-Tür wieder herein. Am Ende finden alle zurück zur Clique.

„Es gibt unendlich viel Stoff über Liebe und Familie, aber wenig über Freundschaft“, sagt Rebekka Kricheldorf. Und tatsächlich ist „Bondi Beach“ weniger ein Stück übers Altwerden als ein Hoch auf die Freundschaft, die übrigens, wissenschaftlich belegt, Seele und Körper gesund hält. Bis ins hohe Alter.

Wie füllt man eine Patientenverfügung aus? Fünf Freunde überlegen. Foto: Tom Neumeier Leather
Fünf Freunde in Florida: Szene aus „Bondi Beach“. Foto: ‘Tom Neumeier Leather