Die Liebe als Querschläger: „Tristan und Isolde“ kommt in Regensburg auf die Bühne

Von Marianne Sperb · 19. September 2024 um 19:00

Diese Oper ist ein Monster. Eine makellose Aufführung gibt es nicht, am Ende wären alle Beteiligten tot, so soll Richard Wagner über „Tristan und Isolde“ gesagt haben.

Tatsächlich hat das Werk, das zunächst als unspielbar galt, im Lauf der Aufführungsgeschichte mehrere Künstler verschlissen, zwei Dirigenten sind mitten im, womöglich am Werk gestorben. Die Kinder, die 2021 in Bayreuth die Inszenierung von Dennis Krauß erlebten, haben die Oper aber gut überstanden und hatten, liest man die Medienbeiträge, viel Spaß, etwa bei herrlich pinkem Flitterregen zum Liebesexzess.

Der Regisseur aus Berlin brachte den „Tristan“ 2021 für die Kleinen auf die Bühne, jetzt stemmt er für das Theater Regensburg die Langversion für die Großen. Vier Stunden netto wird die Aufführung dauern, also etwas weniger als die Extension-Variante unter Arturo Toscanini, mit 4:11 unübertroffen langsam dirigiert.

Regensburg setzt mit der Inszenierung ein Ausrufezeichen, an die 20 Musikkritiker sind zur Premiere gemeldet. „Wagner ist ein Wunsch des Publikums und auch von Generalmusikdirektor Stefan Veselka“, mit Blick auf die Entwicklung des Orchesters, sagt Chefdramaturg Ronny Scholz.

„Tristan“ kommt ohne Strich auf die Bühne, wie Scholz betont, ungekürzt. Das Publikum hört also sieben, acht Minuten mehr Musik als auf dem Grünen Hügel, wo 2024 die Inszenierung mit Camilla Nylund als Isolde bejubelt wurde. In Regensburg singen Corby Welch, Wagner-gestählter Heldentenor, und Kirstin Sharpin, im Feuilleton als „Offenbarung“ gefeiert, die Titelpartien.

Kolossale Anforderungen

Die Isolde hat bereits Erfahrung mit der Rolle, kann sich also die kolossale Anforderung – sie steigt ganz zu Anfang gleich mit doppeltem Forte ein – etwas einteilen. Trotzdem braucht die potente Sängerin mit dem warm-strahlenden Sopran, die bereits kurz bei der Theater-Gala zu Spielzeit-Auftakt zu erleben war, zwischen Akt I und Akt II eine Pause von 40 Minuten. Die Hörner können einen üblicherweise „Tristan“ nicht durchhalten, die Lippen spielen da nicht mehr mit; Gastmusiker lösen sie in der Aufführung ab.

Ursprünglich sollte der hocherfahrene Johannes Reitmeier in Regensburg inszenieren. Konzept, Bühnenbild und erste Probentermine standen schon, als der Regisseur im Juli ins Krankenhaus musste und den Auftrag absagte. Zwei Tage später, auf einem Freisitz am Bismarckplatz, umriss Dennis Krauß, 33, bereits seine Gedanken zu dem Werk, das er für Bayreuth gründlich durchdrungen hatte. In der Kurz-Version für Kinder konzentrierte er sich auf Fakten und Effekte, in Regensburg setzt er den Fokus auf metaphysische und psychologische Seiten, auf die Flucht von der Tag- in die Nacht-Welt, sagt er nun, wieder am Freisitz vorm Theater.

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Tristan, der pfeilgerade in seiner Männerwelt unterwegs ist und nichts kennt als Ehre, Treue, Pflicht, begegnet mit Isolde der Weiblichkeit, der Liebe, der Sehnsucht. „Das triggert ihn“, sagt Krauß, „das treibt ihn um.“ Wie immer, wenn Menschen sich fragen: Bin ich glücklich? beginnt alles zu wanken. Und Isolde wird, wie alle Frauen bei Wagner, „die Systemsprengerin“, sagt Ronny Scholz. Krauß formuliert es so: „Die Liebe ist der Querschläger, der Liebestrank das Explosivste in dem Werk.“

Zu Anfang hält Tristan seinen Grenzzaun noch hoch. „Ein Vermeider, der 45 Minuten lang dem Kontakt zu Isolde ausweicht“, sagt Krauß. „Dann, als die Begegnung unabwendbar wird, wird ihm klar: Der Krieg bringt mir nichts mehr.“ Tristan erkennt, wo er herkommt, er nimmt seine verschüttete Traurigkeit wahr, er will – der Ehrenkodex! – büßen und dringend sterben. „Dieses Abwenden ist auch das Hinwenden zur Nacht.“ Krauß erkennt da Wagners eigene Erfahrung als gescheiterter Revolutionär von 1848, der nicht mehr an das System glaubt.

Am Ende fliegt alles auseinander

„Tristan“, sagt der Regisseur, „erzählt die Geschichte zweier Menschen, die anfangen, wirklich miteinander zu reden. Sie gehen ja nicht gleich ins Bett, sondern durchleben Nähe und Abkehr. Das ist ein metaphysisches Drama, ein psychologisches Kammerspiel.“

Bühnenbildner Kristopher Kempf hat für die Oper einen Schiffsraum entworfen, der vom rostigen Bunker – der Krieg lässt grüßen – zum Seelenraum wird und – ein Spiegel der inneren Befreiung – auseinanderfliegt. Am Ende sind die Hauptpersonen tot – und das Publikum hoffentlich musiktrunken. Dennis Krauß jedenfalls, der zur Zeit acht oder auch zehn Stunden am Tag in der Musikwolke von Wagner schwebt, erlebt das durchaus als berauschend.

Erster Einblick bei der Matinee am Sonntag

Matinee: Das Team um Dennis Krauß, Stefan Veselka, Kristopher Kempf, Kristin Sharpin und Corby Welch gibt am Sonntag (22. September, 11 Uhr) im Neuhaussaal ersten Einblick in die Inszenierung von „Tristan und Isolde“, der Eintritt ist frei.

Premiere: Die Oper hat am 28. September (16 Uhr) Premiere im Theater am Bismarckplatz. Die Aufführung dauert fünf Stunden brutto, inklusive zwei Pausen – und Essensangebot. Nicht nur die Künstler, auch die Besucher müssen ja durchhalten.