Warum die S3 zwischen Neumarkt und Nürnberg sich so oft verspätet und ausfällt

Von Peter Romir · 16. September 2024 um 17:00

Erstmals legt die Bayerische Eisenbahngesellschaft konkrete Zahlen zur S-Bahnlinie zwischen Neumarkt und Nürnberg vor. Die bestätigen, was viele Pendler subjektiv empfunden haben: Es gibt enorme Probleme. Die Verantwortlichen beziehen auch zu den Hintergründen Stellung.

Für viele Fahrgäste begann der Ärger im Dezember 2023: Damals änderte die Bahn die bisher bestehende S-Bahn-Verbindung nach Nürnberg, indem sie die seit 2010 aktive S3 durch die S1 mit Endbahnhof Bamberg ersetzte.

In einem Selbstversuch notierten unsere Redakteure Katrin Böhm und Wolfgang Endlein im Frühjahr ihre Erfahrungen als Pendler zwischen Nürnberg und Neumarkt. Ihr Eindruck: Verspätungen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Auch mussten die Tester wiederholt in Postbauer-Heng aussteigen und dort 20 bis 40 Minuten auf den nächsten Zug warten – auf windigen Bahnsteigen. Dazu kam eine erhebliche Zahl von Komplett-Ausfällen.

Leser stimmten ab

Im April fragten wir auch unsere Leser, ob sie mit der neuen S-Bahn-Regelung zufrieden seien. Knapp hundert Menschen nahmen an der Online-Umfrage teil. Und das Ergebnis war eindeutig: 70 Prozent gaben an, „nicht zufrieden“ zu sein, weitere 25 Prozent sagten, das neue System habe Vor- und Nachteile. Zufrieden waren nur ganze drei Personen. Das waren zu diesem Zeitpunkt freilich alles nur Stichproben, die nicht unbedingt das gesamte Bild wiedergeben.

Doch nun liegen konkrete Zahlen der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) zu Ausfällen und Verspätungen auf der Linie vor. Und die bestätigten die subjektiven Eindrücke: Die Pünktlichkeit der S1 zwischen Neumarkt und Nürnberg betrug laut BEG im ersten Halbjahr dieses Jahres 89,6 Prozent. Das bedeutet: Jede zehnte S-Bahn kommt mehr als sechs Minuten zu spät und gilt damit offiziell als verspätet.

Der Hauptgrund dafür ist, dass sich die Strecke der S-Bahn deutlich verlängert hat: Für die alte S3 war am Hauptbahnhof Nürnberg Endstation. Die S1 fährt von dort noch weiter bis nach Bamberg. Statt 36 Kilometer ist die Strecke nun fast hundert Kilometer lang – und damit gibt es wesentlich mehr Möglichkeiten für Störungen durch Baustellen oder andere Züge.

Letzer Halt: Postbauer-Heng

Um die dadurch entstehenden Verspätungen auszugleichen, ließ die Bahn heuer manche Züge auf der Strecke nach Neumarkt bereits in Postbauer-Heng halten und wenden – damit sie die Zeit aufholen und zum ursprünglich geplanten Termin wieder in Oberferrieden sein konnte. Durch dieses Wendemanöver stieg die Zahl der Zug-Ausfälle deutlich an: Im gesamten Jahr 2023 fielen 99 Züge auf einem Teil der Strecke aus. Heuer gab es laut BEG bis zum 20. August bereits 281 solche Fälle. Damit erhöht sich die Ausfallquote von 0,3 Prozent auf 2,4 Prozent.

Streit um Vorfahrt

Bayernweit gesehen ist eine solche Ausfallquote allerdings kein Aufreger: Im kompletten Freistaat lag sie laut BEG bei 6,3 Prozent, in der Stadt München sogar bei 8,4 Prozent. Als Gründe dafür gibt die BEG die marode Infrastruktur an – für die ist allerdings der Bund zuständig. „Die S-Bahnen nutzen überwiegend das Schienennetz der DB InfraGO“, sagt BEG-Sprecher Gernot Baranyi-Schnedlitz. Auf diesen fahren auch Güter- und Fernzüge, was immer wieder zu Konflikten um die Vorfahrt führt, wie Marta Mituta von der Bundesnetzagentur in Bonn erklärt. Die Frage, welcher Zug zuerst fahren darf, hängt dabei von sehr vielen Faktoren ab, wie den folgenden Anschlüssen, aber auch von der Zeit, welche die jeweiligen Lokführer bereits am Steuer verbracht haben. Im Zweifelsfall gelte aber die Regel „Schnell vor langsam.“

Bahnsperrung 2026

Dass die aktuelle Situation keine Dauerlösung ist, ist auch den Planern im Bundesministerium für Digitales und Verkehr klar. Der Bundesverkehrswegeplan bezeichnet ein drittes Gleis auf der Strecke Neumarkt und Feucht deshalb als „vordringlichen Bedarf“ – konkrete Planungen für den auf knapp 600 Millionen Euro geschätzten Bau gibt es aber bisher nicht. Zuvor geht man ein anderes großes Projekt an: Vom 6. Februar bis 10. Juli 2026 werden die bestehenden Schienen zwischen Nürnberg und Regensburg saniert – und dafür komplett gesperrt. Die Pendler weden in dieser Zeit Ersatzbusse nutzen müssen.