Augen auf – die halbe Nacht lang

Von Marianne Sperb · 13. September 2024 um 16:00

Regensburger Galerien machen die Stadt am 21. September zum großen Kunstschaufenster.

Der Galerienabend gibt jeden Herbst den Startschuss in die neue Saison. Regensburgs Ausstellungsräume öffnen am 21. September bis in die Nacht und zeigen aktuelles Schaffen quer durch alle Genres von Malerei bis Grafik, Fotografie, Installation, Autorenschmuck und Bildhauerei.

16 Adressen listet das Booklet 2024, 13 waren es 2023. Neu an Bord ist etwa die Galerie Claus von Tatjana Crönlein, die Fotokunst zeigt, und der Kunstverein Graz, der nun in der Rote-Hahnen-Gasse wieder feste Räume hat, sagt Galeristin Isabelle Lesmeister, die das Event seit einigen Jahren koordiniert.

Generell ist die Galeriennacht offen für Bewerber, sofern sie eigene Räume, feste Öffnungszeiten und Wechselausstellungen bieten – und die Kollegen mit der Aufnahme im Kreis einverstanden sind. Aufs Wachsen ist die Gruppe aber nicht aus, sagt Lesmeister: „16 Ausstellungen sind an einem Abend eh’ kaum zu schaffen.“

Zentrales Ziel der Aktion: „Wir wollen Schwellenangst abbauen. Besucher wissen, an diesem Abend ist viel los, sie stehen nicht allein vor den Arbeiten, können unbefangen schauen, sich austauschen“, so Lesmeister. Um Verkauf geht es erst in zweiter Linie. Im Trubel, macht die Galeristin klar, ist es kaum möglich, sich konzentriert einzulassen auf Kunst und tiefer gehende Kaufgespräche zu führen. Aber: Der Abend gibt Impulse, stimuliert das Kaufinteresse. So wird die Veranstaltung zum Win-win-win-Projekt: Neben Kunstfreunden und Kunstanbietern profitieren auch Lokale und Hotels, die am Wochenende nicht zufällig gut bis sehr gut gebucht sind.

Dem Peak folgte die Krise

Der Kunstmarkt, ist queerbeet zu lesen, liegt flach am Boden. Nach dem Peak während der Pandemie, als die halbe Welt daheim saß, auf leere Wände schaute und Kunst kaufte, dämpften Krieg und Inflation die Lust aufs Geldausgeben. Lesmeister unterschreibt die verallgemeinernde Diagnose nicht ganz: „Der Kunstmarkt ist ein Auf und Ab“, von Fall zu Fall sei die Lage bei Kollegen sehr unterschiedlich.

Es lebe der Unterschied! Die Kunstadressen sind so verschieden wie die Künstler und ihre Arbeiten. Bei der Stadtkunst gehen Malerei und Literatur zusammen. Claudia Burgmayer-Papagno verwebt auf Landkarten-Fetzen arabischer Städte Gedichte von Poeten, die aus dem Orient fliehen mussten und sich für humanitäres Handeln einsetzen, mit Malerei. Das Kunst- und Gewerbehaus gibt in mehr als 100 Arbeiten einen äußerst vielschichtigen Überblick über das aktuelle Kunstschaffen in Ostbayern und ist erfahrungsgemäß ein Magnet.

In der Stadelgalerie im Andreasstadel nehmen zwei junge Künstlerinnen „People“ in den Fokus: Paula Schmidt in expressiver Ölmalerei, die Menschen in der Natur und im Privaten einfängt, Jasmin Lehmer in Schwarzweiß-Fotografien im urbanen Raum. Beim Neuen Kunstverein liefern sich Lisa Pahlke und Matthias Lehmann ein inspiriertes „Ping-Pong“. Beide befassen sich seit Jahren mit Papier, seiner Statik und den Möglichkeiten, es zu bemalen. Ein Doppel liefert auch die Galerie konstantin b., mit Petra Wilhelm und Liz Zitzelsberger. Natur, von Menschen ge- und verunstaltet, wirkt in Wilhelms Fotografien surreal und so trist wie ästhetisch. Zitzelsberger schafft aus Fotos, Zeichnungen und Zeitungsmaterial mysteriöse Landschaftsräume.

Bei Art Affair hängen farbgewaltige Werke von Benjamin Burkard unter gotischen Gewölberippen, unter dem Titel „Silberregen und Traufengold“. Burkard schichtet Farbe über Gold-, Silber und Kupferblätter und vertieft sich in große Themen wie Wertewandel, Geschichtliches und Utopie.

Der Kunstverein Graz feiert mit „Riot Girl“ feministische Kunst zwischen Punk und Pop: Fern Liberty Kallenbach Campell, Darja Linder und Lady B nehmen aktuell virulente Diskurse auf und greifen dabei zu unterschiedlichen Mitteln: getuffter Tapisserie, großformatiger Malerei und Grafik.

„Der Galerienabend ist ein Türöffner“, sagt Hannah Rembeck. In ihre Schmuckgalerie kommt da viel frisches Publikum, das sich herantastet an Creationen, die mit herkömmlichen Vorstellungen von Schmuck erst mal wenig zu tun haben. Unter dem Titel „Vom Fliegen und Flattern“ zeigt Jutta Klingebiel Objekte mit aufwendiger Emailmalerei, während sich Gésine Hackenberg keramische Sammlerstücke vorknöpft: Sie stanzt Löcher in kostbare Teller und formt Ketten aus dem gewonnenen Material.

Schwingende Holzblätter

Bei Isabelle Lesmeister sind zwei internationale Gäste vertreten: Ashwan, der aus Liverpool stammt und in Barcelona lebt, und Jeremy Holmes aus New York. Der US-Amerikaner ist Regensburg nachhaltig in Erinnerung geblieben durch eine raumgreifende Installation aus dünnen, von Hand gebogenen Holzblättern, die er 2014 im Donau-Einkaufszentrum zeigte und die die ganze Etage optisch ins Schwingen brachte. Ashwan arbeitet mit Sprühlack, Blattgold und Texten aus Hip-Hop-Songs, verbindet Street-Art mit klassischen Kunsttechniken.

An Holmes, sagt Lesmeister, könne man sehen, welche Entwicklung auf dem Kunstmarkt möglich ist. Arbeiten, vor zehn Jahren für 800 Euro zu haben, kosten heute das Siebenfache. „Aber als Geldanlage“, meint die Kunsthistorikerin, „sollte man Kunst nicht sehen. Wer kann, sollte in sein Leben investieren. Mit Kunst hat jeder Tag einen Mehrwert.“

Der Galerienabend

Termin: 16 Regensburger Galerien, Schmuckgalerien und Kunstvereine öffnen am 21. September (18 bis 23 Uhr). Einige Ausstellungen laufen schon länger, andere starten am Galerienabend. Der Eintritt ist frei.

Details: Weiterführende Informationen kann man nachlesen bei regensburger-galerien.de, außer dem liegen in der Stadt handliche Booklets auf.