Vor 75 Jahren bekam Neustadt einen neuen Kirchturm – Diese Geheimnisse birgt er

Nach dem Zweiten Weltkrieg war vom schmucken Neustädter Kirchturm nur noch eine Ruine übrig. Sie musste gesprengt werden. Doch schon kurz darauf wurde der Turm wieder aufgebaut – in völlig anderer Form. Was hatten Kerzen und Autobahnen damit zu tun?
Sanft scheint die Sonne durch die schmalen Fenster in den Neustädter Kirchturm. Als die Glocken zur vollen Stunde schlagen, vibriert es nur ganz leicht. Es wirkt, als könne den massiv gebauten, knapp 61 Meter hohen Turm so einfach nichts erschüttern.
Ebenso wenig, wie den Mut, den seine Erbauer selbst im Angesicht der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges hatten. Seit 75 Jahren prägt der Turm der Stadtpfarrkirche St. Laurentius nun das Neustädter Stadtbild – und zeugt noch immer von einer bewegten Geschichte voller Zerstörung und Neuanfängen. Neustadt an der Donau, in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg: Noch immer sind die Schrecken allgegenwärtig. Trauer um gefallene Angehörige, zahllose Ruinen in der weitgehend zerstörten Innenstadt.
Barocker Kirchturm zerstört
Die Stadtpfarrkirche St. Laurentius liegt in Schutt und Asche. Die Luftangriffe am 26. und 27. April 1945 haben das Gotteshaus schwer beschädigt. Ein halbes Jahr später stürzen plötzlich die Nord- und die Westseite der Turmruine ein. Schnell ist klar: Das einstige Wahrzeichen, das markanteste Bauwerk der Innenstadt ist nicht zu retten. Der Elektriker Max Götz erhält eine schwere Aufgabe. Er soll den Kirchturm sprengen. So schildert es der ehemalige Neustädter Stadtarchivar Anton Metzger in seiner Chronik.
Was mögen die Neustädter gedacht haben, als sie die letzten Reste ihres Kirchturms in sich zusammenfallen sahen? Heute kann das niemand mehr nachvollziehen. Vielleicht war es eine Mischung aus Trauer – aber auch aus der unerschütterlichen Hoffnung auf einen Neubeginn. Denn bereits vorher, im September 1945, stellte der damalige Stadtpfarrer Josef Zintl einen Antrag auf Schadensersatz für die zerstörten kirchlichen Gebäude. Nur ein Jahr später begann laut Chronik der Wiederaufbau, im Jahr 1949 erfolgte die Fertigstellung und 1951 die Einweihung.
Wenn der heutige Stadtpfarrer Thomas Stummer die Aufzeichnungen von damals durchblättert, ist er beeindruckt. „Neustadt gibt es seit über 750 Jahren. Die Stadt hat viele schwere Zeiten erlebt. Doch eine Kirche gab es immer“, sagt er. Der Kirchturm war und ist also ein Hoffnungszeichen – egal wie hart die Zeiten sind. Das spiegelt sich sogar in der Bauweise des Turms wider. Seine ungewöhnliche Spitze soll an eine Kerze erinnern. Pfarrer Stummer gefällt dieses Symbol: „Der Bau des neuen Turms war ein Hoffnungszeichen. Und das Licht einer Kerze steht schließlich für Hoffnung und Frieden.“
Bleibt nur eine Frage: Warum wurde der Turm vor 75 Jahren in komplett anderer Form wieder aufgebaut? Der alte Kirchturm war schließlich barock. Der „neue“ Turm hingegen ist eher modern und gotisch. Stummer hat eine Vermutung: „Die Leute hatten damals nicht viel Zeit und Geld. Sie mussten das Material nehmen, das sie zur Verfügung hatten.“ Ein Blick auf die Wände im Inneren des Kirchturms bestätigt das: Klassische Ziegelsteine wechseln sich mit großen Steinblöcken ab.
„Die Leute hatten damals nicht viel Zeit und Geld. Sie mussten das Material nehmen, das sie zur Verfügung hatten.“
Thomas Stummer, Stadtpfarrer von Neustadt
Dabei kam dem damaligen Stadtpfarrer Josef Fichtl ein glücklicher Zufall zu Hilfe, weiß der ehemalige Neustädter Stadtarchivar, Anton Metzger: „Er bekam im Jahr 1948 kostenlos Quadersteine aus dem Steinbruch bei Marching“, berichtet er. Die waren im Dritten Reich für den Bau einer Autobahnbrücke gedacht. „Aber das Projekt wurde dann gestoppt und so bekam sie nach dem Krieg der Pfarrer“, erzählt Metzger.
Dank dieses Zufalls dürften sich die Neustädter damals auch schnell mit dem komplett neuen Anblick des Turms angefreundet haben, vermutet Metzger. „Ich glaube, ihnen war am wichtigsten, dass die Kirche wieder steht.“ Dass gewissermaßen Zeitdruck und Materialmangel für das heutige Erscheinungsbild des Neustädter Kirchturms gesorgt haben, glaubt auch der jetzige Stadtarchivar Matthias Pöppel.
Näher am Original?
Von größeren Diskussionen über das Aussehen des Turms sei aber nichts bekannt. Vielleicht hat auch ein weiterer Grund dazu beigetragen: Denn eigentlich ist die Neustädter Stadtpfarrkirche im Prinzip gotisch – der frühere Turm war allerdings barock. „Jetzt ist der Turm auch eher neugotisch. Mit dem Neubau wurde die Kirche wieder stärker in einen früheren Zustand versetzt“, sagt Pöppel. Auf einer Stadtansicht von 1701 ist sogar zu sehen, dass die Kirche damals einen Spitzturm hatte.
Erst im Jahr 1773 bekam er dann die barocke Kuppel. „Der Turm wurde ohnehin öfter umgebaut und hat viele historische Moden mitgemacht“, findet auch Stadtpfarrer Stummer. Doch heute ist der Turm mit seiner grauen Optik und seiner neugotischen Spitze nicht mehr wegzudenken. Vor einigen Jahren wurde er gründlich instand gesetzt. Trotzdem nagt der Zahn der Zeit an ihm: „Beim Glockenstuhl kommt das Material ans Ende seiner Lebensdauer“, sagt Stummer. Darum soll er demnächst ausgetauscht werden, damit die Glocken weiterhin zuverlässig ihren Dienst tun.




