Die Schlachten beim Cave Gladium in Furth im Wald: Wo der Bogenschütze am Brustpanzer verglüht

Mit eingelegten Hellebarden und lautem „St. Georg“-Schlachtruf brechen wir um die Ecke der Wagenburg. Der hussitische Spieß erweist sich um Zentimeter zu kurz. Der Ritter in hell glänzender Rüstung nimmt meinen Brusttreffer und rollt in die Wiese. Die Schlachtreihe gegenüber bricht. „Jubel“ – hallt es über das Schlachtfeld in der Chambtalaue. Wir haben gesiegt.
Ich fädle jubelnd mit den Füßen in die liegende Hellebarde des abgeräumten Hussiten ein. Schlagartig bricht mit lautem Geschepper Gras durch mein Visier. Sieg und Niederlage liegen am Ende direkt nebeneinander. Der Hussit öffnet das Visier und grinst: „Geht’s?“.
So war das schon immer. Das Feldlager „Cave Gladium“ und seine Feldschlachten sind gelebte experimentelle Archäologie. So ein geschlossenes Visier ist einerseits ein guter Schutz gegen die Plöppelpfeile der 35 Pfund-Bögen und bei Hieben gegen den Kopf. Andererseits ist man ab und zu auch blind wie das sprichwörtliche Huhn und sieht die liegende Hellebarde nicht mehr. Das Korn, das man anschließend findet, ist sicher eines der wuchtigsten, das je gewachsen ist.
Zum Glück schützen fast 30 Kilo Plattenharnisch vor den Folgen des plumpen Aufpralls. Hussit und Kaiserlicher reichen sich bei 29 Grad im Schatten die Hand und ziehen sich gegenseitig hoch. Schließlich warten noch drei Durchgänge.
„Pass bloß auf...“
Meine Chefin droht mir immer, wenn ich beginne, für das Cave aufzurüsten: „Pass bloß auf, dass nix passiert!“ Deswegen ist es auch gut, dass sie nie erfahren wird, wie das war, als wir im dritten Durchgang den Hussiten in die Falle gegangen sind. Voller Tatendrang sind wir nachgerückt, als die erste Reihe in der Bresche zwischen den Wagen nachgab. Da sind wir rein. Links und rechts hinter den Wagen haben sie sich schon auf die Doofen gefreut, die da reinlaufen werden. Ich hab es gar nicht kommen sehen, Nur gehört. Es kam von links und rechts: Klonk, bonk, klonk, bunk, bonk... Nach dem fünften Volltreffer hab ich mich freiwillig hingelegt. Hussiten sind heimtückisch...
Zwangstränken bei 29 Grad
Nach jedem Durchgang ist bei 29 Grad Zwangstränken angesagt. Jeder muss mal. Und zwar mindestens einen Becher voll. Das ist auch notwendig. Nach der Schlacht tropft der Schweiß in Bächen aus den Ärmeln der Kampfjacke. Vom Eisen befreit sitzt der durchgeweichte Ritter im Lager seiner Gruppe „Myrddin“ und grübelt unter der fröhlich wehenden walisischen Flagge, ob er das tatsächlich nochmal macht.
Zwei Tage später steht er mit einem orangen Bändchen in der Schlachtreihe und darf von jedem geprügelt werden, der mit blau, weiß oder rot verbandelt ist. Als einziger Plattenritter unter lauter leichter Gewandeten ist wird er zum Lieblingsziel der Bogenschützen. Wenn die Hussiten schon keiner mag, dann mag die Bogenschützen gar keiner.
Das Bogenschützenbrutzeln
Man sieht sie nicht, man hört sie nicht und ihre Pfeile schlagen immer ein, bevor das Visier zu ist. Außerdem gibt es einen geheimen Trick, mit dem man auch noch zwischen die Beine trifft, obwohl dort eigentlich das Geschübe der Plattenrüstung vor ist. Inzwischen trägt der Ritter von heute an dieser empfindlichen Stelle zusätzlich einen Tiefschutz aus dem Handball. Besser. Viel besser. Heuer hab ich mich gerächt.
Wir treffen gerade auf die gegnerische Schlachtreihe, da fliegt von hinten ein Pfeil an meinem Kopf vorbei. Dort kniet ein Bogenschütze im Gras und klamüsert gerade den nächsten Pfeil aus dem Gras. Er hat uns umlaufen und schießt in den Rücken. Das Letzte, was er sieht, sind 130 Kilo komplett eingedoster Ritter, frontal, in vollem Galopp. Wie ein aufgescheuchtes Huhn schießt er hoch und genau in meine Arme. Dort verglüht er jammernd am brutheißen Brustharnisch – schschsch...
Kein Schweiß mehr da
Ich hab ihn ganz fest gehalten, damit er ja nicht umfällt. Heiße Rache für all die Treffer. – In acht Durchgängen haben sie mich sieben Mal aus der Reihe genommen. Sechs Mal waren es Pfeiltreffer. Hab ich eigentlich schon erwähnt, dass Bogenschützen keiner leiden kann?
Die dritte Feldschlacht entfällt heuer. Kein Schweiß mehr da und das Salz ist auch alle. Schließlich sind noch andere Schlachten zu schlagen. Vier Stunden Lageraufbau, vier Stunden Abbau. Damit die Stimmung nicht zu früh in den Keller fällt, ist es in der Gruppe strikt verboten, vor Sonntag, 16 Uhr, das böse Wort vom Abbau zu verwenden.
Sau-Brand und Wildgulasch
Nachdem uns letztes Jahr eine 50 Kilo-Wildsau in einem sensationellen Fettbrand über den Jordan gegangen war, hatten wir es heute ein wenig kleiner: Wildgulasch. Super Idee. Danke, Stefan!
Am Donnerstag nach dem Cave ist der Pferdehänger abgeladen. So manche Kiste bevölkert noch den Flur. Die Rüstung steht noch unpoliert im Gästezimmer. Der Alltag war schneller als die Nachwehen des Mittelalters.
„Ein bisserl bescheuert muss man schon sein für all das hier“, hat ein Freund gesagt, als ich mich aus der Rüstung gequält habe. Was soll ich sagen? Es ist irgendwie ein gutes Gefühl, nie erwachsen zu werden...



