Vier Straftäter auf der Flucht: Das sagt das Bezirksklinikum Straubing dazu

Von Isabel Metzger, Melanie Bäumel-Schachtner · 18. August 2024 um 19:21

Erneut ist eine Flucht aus einer Bezirksklinik gelungen. Gleich vier Straftäter entkommen am Samstagabend in Straubing. Es ist der zweite Fall innerhalb gut einer Woche in Niederbayern. Das wirft die Frage nach der Sicherheit in diesen Einrichtungen für psychisch Kranke auf.

+++UPDATE: Geflohene Straftäter aus Straubinger BKH: Festnahme der letzten beiden Flüchtigen in der Türkei +++

Der Fluchtversuch eines wegen Totschlags Verurteilten bei einem begleiteten Freigang ins Plattlinger Kino im Landkreis Deggendorf vor eineinhalb Wochen ist noch nicht einmal ansatzweise im Bezirksklinikum Mainkofen, in dem der Somalier untergebracht ist, aufgearbeitet, da schreckt schon der nächste Fall die Menschen auf – nicht nur in Niederbayern. Vier Straftätern gelingt es am Samstagabend im Bezirkskrankenhaus Straubing, einen Mitarbeiter gemeinsam zu überwältigen, ihn mit einem stumpfen Gegenstand zu bedrohen und im Gesicht zu verletzen. Unter Zwang öffnet er ihnen die Pforte.

Verletzter BKH-Mitarbeiter aus Klinik entlassen

Die Männer, zwei Deutsche, ein Kosovare und ein Bosnier im Alter von 27, 28 und 31 Jahren, können in Richtung des Straubinger Stadtteils Alburg entkommen. Seither fahndet die Polizei mit einem Großaufgebot nach den Geflohenen, die als gefährlich eingestuft werden. Wegen Diebstahls- und Betäubungsmitteldelikten sowie Körperverletzung im Drogenmilieu befinden sie sich in Straubing, sagt Prof. Joachim Nitschke, Ärztlicher Direktor und Leiter des Maßregelvollzugs des Bezirkskrankenhauses, auf Anfrage der Mediengruppe Bayern. „Unterbringung in einer Entziehungsanstalt“ – so laute der juristische Terminus für den Grund, dass die Männer Patienten in der Einrichtung sind. Der verletzte Mitarbeiter sei zur medizinischen Behandlung ins Krankenhaus St. Elisabeth in Straubing gebracht worden, das er am Sonntag bereits wieder verlassen konnte, sagt Nitschke. „Körperlich geht es ihm den Umständen entsprechend gut.“

Fahndungsfotos und weitere Infos zu den vier flüchtigen Straftätern finden Sie hier.

Einer flieht nicht zum ersten Mal

Hubschrauberlärm reißt die Alburger gegen 21.30 Uhr aus der Abendruhe. Unaufhörlich kreisen die Helikopter und konzentrieren sich besonders auf die Gegend um die Kirche. Schon wird in den sozialen Medien verbreitet, was geschehen sein soll. Bald darauf kommt die Warnmeldung der Polizei: keine Anhalter mitnehmen, sich verdächtigen Personen nicht nähern, sondern den Notruf 110 wählen. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich diese Nachricht. Kurz vor Mitternacht ist das Dorf bis auf ein paar Heimkehrer vom Gäubodenvolksfest zu Fuß oder mit dem Radl wie ausgestorben. Rollläden sind heruntergezogen; die Türen und Fenster sind fest geschlossen. Auf den Straßen ist nur noch Polizei zu sehen. Hundert Einsatzkräfte suchen nach den vier Männern. Schwerpunkt ist zunächst Niederbayern.

Am Sonntag geht die Jagd nach den Straftätern weiter. Mögliche Anlaufstellen werden kontrolliert. Weitere Details zu den Fahndungsmaßnahmen wollen die Beamten nicht preisgeben. Allerdings sei Gegenstand der Ermittlungen, ob die Männer möglicherweise Helfer hatten. Der Warnhinweis an die Bevölkerung, dass von den Geflohenen Gefahr ausgehen könne, bleibt bestehen, betont der Sprecher des Polizeipräsidiums Niederbayern, Günther Tomaschko. Als gefährlich eingestuft würden die Patienten „aufgrund der brutalen Geiselnahme“, erklärt Maßregelvollzugs-Leiter Nitschke. „Hierzu standen wir mit der Polizei im Austausch.“

Wie konnte es zur Flucht aus dem Bezirksklinikum Straubing kommen?

Wie konnte es zu der gemeinsamen Flucht überhaupt kommen? Die vier Männer hätten sich auf einer Station befunden, erläutert Prof. Nitschke. Auf dieser Station seien Patienten untergebracht, „bei denen wir einen Therapieabbruch empfehlen, sowie Patienten, die zur Krisenintervention z.B. nach Drogenrückfällen oder therapeutischer Neuorientierung“ dort seien. Bei drei Ausbrechern sei geplant gewesen, den Abbruch der Therapie anzuregen, erklärt Nitschke auf die Frage, ob bei den Geflohenen möglicherweise der Entzug gescheitert ist und sie deshalb in eine JVA verlegt werden sollen. „Ein Patient war zur Krisenintervention auf der Station. Ein Therapieabbruch war für ihn nicht vorgesehen“, erläutert Nitschke weiter. Beim Motiv für die Flucht geht er aktuell von „Gruppendynamik“ aus.

Ein Straftäter sei bereits seit November 2022 im Bezirkskrankenhaus, die weiteren seit Juli beziehungsweise November 2023. Beim vierten handele es sich dagegen nicht um die erste Flucht. Er sei erst wieder am 8. August in der Straubinger Einrichtung aufgenommen worden, erklärt Nitschke der Mediengruppe Bayern. Der Mann habe im Juni eine Lockerung seines Vollzugs missbraucht, „so dass er nicht zurückkehrte“. Erst dann sei er von der Polizei wieder aufgegriffen worden.

Die Insassen müssten sich im Bezirkskrankenhaus „nicht 24 Stunden in ihren Zimmern“ aufhalten, stellt der Ärztliche Direktor klar. „Sie haben ein Recht auf gesicherte Hofgänge sowie das Recht, sich im Stationsbereich aufzuhalten“. Auch dürften sie sich im gesicherten Garten bewegen.

Die Türen seien verschlossen. Um die Klinik bestehe ein sogenannter äußerer Sicherheitsring, erklärt Joachim Nitschke die Vorsorgemaßnahmen. Dieser werde durch mehrere Zäune, Alarmsysteme und eine Mauer ergänzt. Auch die Mitarbeiter seien alarmgesichert und geschult. So hätten Fluchtversuche in der Vergangenheit bereits in den Ansätzen unterbunden werden können. Es sei allenfalls zu „seltenen Lockerungsmissbräuchen im Suchtbereich“ gekommen, betont Nitschke. „In allen forensischen Kliniken Deutschlands kommt es zu diesen Ereignissen.“

Ministerin Scharf: Alles kommt auf den Prüfstand

Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf kündigt indes ein Durchgreifen an. „Die Vorfälle haben Konsequenzen“, erklärt sie in einer Pressemitteilung vom Sonntag. „Es kommt alles auf den Prüfstand“, kündigt die CSU-Politikerin an und stellt klar: „Vom Maßregelvollzug darf keine Gefahr für die Bevölkerung und die Mitarbeitenden in den forensischen Kliniken ausgehen.“ Sicherheitskonzepte in den Einrichtungen müssten bayernweit verschärft und verbessert werden. Geisellage-Szenarien und Schulungen für die Mitarbeiter in solchen Einrichtungen müssten weiterentwickelt werden. „Solche Ausbrüche dürfen nicht wieder passieren. Wir müssen auch prüfen, ob in bestimmten Fällen Therapieabbrüche und eine Überstellung in die Justizvollzugsanstalten schneller rechtssicher stattfinden können“, betont Scharf.

Auch die bayerische AfD fordert Konsequenzen. „Offenbar gelingt es den Behörden nicht, psychisch gestörte Kriminelle so unterzubringen, dass sie keine Gefahr für die Bevölkerung mehr darstellen“, sagt AfD-Fraktionsvorsitzende Katrin Ebner-Steiner. Es müsse geklärt werden, warum es gerade in Niederbayern immer wieder solche Sicherheitslücken gebe. Ebner-Steiner: „Werden Verbrecher hier zu oft für schuldunfähig erklärt und in der Psychiatrie anstatt im Gefängnis untergebracht? Wird eine ideologiegesteuerte Nachsicht mit Straftätern über den Schutz der Bevölkerung gestellt?“

Sollten die vier geflohenen Straftäter gefasst werden, wolle das Bezirkskrankenhaus sie nicht mehr bei sich aufnehmen, erklärt der Ärztliche Direktor. Sie sollten möglichst direkt in einer JVA untergebracht werden. „Dies ist jedoch eine juristische Entscheidung“, sagt Nitschke.