Hospizmobil des BRK Cham erfüllt todkranker Anita (59) ihren letzten Wunsch

Von Mittelbayerische Zeitung · 19. August 2024 um 11:00

Das ist eine Geschichte von wahrer Freundschaft, von Menschen, die ganz uneigennützig etwas für andere geben. Und einem letzten, ganz kleinen Wunsch, der riesengroß werden kann.

Anita hat Krebs. Sie lebt auf der Palliativstation am Krankenhaus in Bad Kötzting und weiß, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleiben wird. Eine Sehnsucht, die sich an ihrem Lebensende immer wieder auf ihr Herz legte: Die 59-Jährige, die ihren Nachnamen öffentlich nicht nennen möchte, wollte noch einmal ans Meer – an die Nord- oder die Ostsee – und ihre Füße ins Wasser halten.

Bedeutung erkannt

Das Team der Palliativstation erkannte, was ihr der Wunsch bedeutet, und nahm vergangene Woche mit Tobias Muhr Kontakt auf, der beim BRK Cham das Projekt Herzenswunsch-Hospizmobil verantwortet. Rot-Kreuz-Mitarbeiter bringen Menschen in besonders fordernden Lebenssituationen mit dem Fahrzeug an ihre Wunsch-Orte, um ihnen eine Freude zu bereiten.

Mit tatkräftiger Unterstützung zweier Partnerorganisationen stellte der Katastrophenschutzleiter für die schwerkranke Patientin aus Bad Kötzting binnen weniger Stunden eine letzte Reise ins Glück auf die Beine. „Wirklich schieben konnten und wollten wir das nicht mehr“, sagt er.

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Die Fahrt führte zwar nicht ans Meer – dafür war die Dame gesundheitlich zu mitgenommen –, aber sie brachte sie noch einmal ans Wasser. Mit einer großen Überraschung, einem Eis und emotionalen Momenten an der Seite ihrer langjährigen Freundin Kristina.

BRK-Rettungssanitäterinnen Mona Weiß und Lina Schmitz begleiteten die Patientin und ihre Freundin nach Oberösterreich. Das Ziel der Fahrt: der Mondsee im Salzkammergut. Der Ort war der gebürtigen Chamerin wieder eingefallen, als feststand, dass die lange Reise ans Meer zu viel für ihren Körper gewesen wäre. Sie war dort vor Jahren einmal gewesen und entschied sich spontan um. „Dann möchte ich dorthin – und noch einmal ein Eis essen“, sagte sie zu sich und Kristina, deren Nachname auf ihren Wunsch hin ebenfalls nicht erwähnt wird.

Kristina ist Physiotherapeutin und arbeitet im Physioteam Franz in Bad Kötzting. Sie hat Anita über fast 15 Jahre hinweg bis zum Schluss behandelt, ehe es in den vergangenen zwei Monaten nicht mehr möglich war. Daraus war mit der Zeit eine innige Verbindung entstanden. Beruf sei normalerweise Beruf, sagt die 37-Jährige. „Aber das hat sich so ergeben. Wir sind mal zum Essen gegangen – und so ist diese Freundschaft daraus geworden.“

Weiß (37) und Schmitz (22) holten die beiden Damen, die sich immer so viel gegeben haben, in Bad Kötzting ab. Nach einem Zwischenstopp in Bad Füssing ging es direkt zum Mondsee, wo zwei Mitarbeiter der örtlichen Wasserrettung, Hannes und Franz, und zwei Kolleginnen des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK), Sarah und Magdalena, die Chamer an einem abgelegenen Bootshaus trafen. Außerdem mit dabei: Herbert Mayerhofer, dessen Sohn Fabian als Bademeister im Alpenseebad Mondsee arbeitet. Tobias Muhr hatte die Unterstützung vor Ort organisiert.

Als Anita von den Aktiven der Wasserrettung Mondsee erfuhr, dass sie an diesem Tag nicht nur ans, sondern mit ihnen auch aufs Wasser darf, brach sie vor Freude in Tränen aus. Nachdem sie eine Schmerzinfusion bekommen hatte, lagerten die Helfer die 59-Jährige mit einem Rollstuhl auf ein Boot um und legten ab.

Gut eine Stunde lang brausten und glitten die Wasserretter mit der Patientin und ihren Begleitern bei traumhafter Aussicht auf die Berge über den türkisfarbenen See. „Das war wahnsinnig schön. Sowas erlebt man nur ein einziges Mal“, sagt Lina Schmitz.

Zurück an der Wasserrettungsstation, war der Patientin und dem Team eine kurze Verschnaufpause gegönnt, ehe auf die Oberpfälzerin die nächste Überraschung wartete.

Herbert Mayerhofer nahm die Gruppe mit an seinen Privatstrand. Zweieinhalb Stunden verbrachten die Chamer dort. „Es war ein sehr intimer Kreis mit sehr persönlichen Momenten“, sagt Mona Weiß in der Rückschau. Anita berichtete viel aus ihrem Leben und von ihrer Krebs-Erkrankung. „Und auch jeder von uns hat dort im Schatten ein paar emotionale Geschichten erzählt“, erinnert sich Weiß.

Auf dem Grundstück von Mayerhofer erfüllte sich anschließend der sehnliche Wunsch der Betroffenen. Mit vereinten Kräften und unter tatkräftiger Mithilfe des Österreichers brachten die Damen die Schwerstkranke über einen Steg ans Ufer. Dort hielt sie minutenlang – den Blick in die Ferne gerichtet – die Füße ins Wasser.

Danach ging es ins Café Übleis in der Marktgemeinde Mondsee, wo Hannes und Franz von der Wasserrettung sowie Sarah und Magdalena vom ÖRK wieder hinzustießen. „Die Verantwortlichen in der Konditorei haben wie alle anderen Beteiligten an diesem Tag, denen ich nur von Herzen danken kann für ihre Hilfsbereitschaft und unkomplizierte Art, alles für uns möglich gemacht“, betont Tobias Muhr.

So seien Plätze für die Teilnehmer der Unternehmung reserviert gewesen und alle seien auf einen großen Eisbecher eingeladen gewesen.

Emotionale Achterbahnfahrt

Nur Anita kämpfte in dieser Phase mit ihren Kräften. „Sie war fix und fertig. Ihr hat es unglaublich gefallen. Aber für sie war das eine emotionale Achterbahnfahrt und eine körperliche Tortur“, meint die Rettungssanitäterin.

Den BRK-Kolleginnen ist es ein Anliegen, Herbert Mayerhofer zu danken. „Ich habe schon lange keinen so sozialen Menschen mehr gesehen. Jemanden, der so selbstlos einfach mit hinlangt“, sagt Weiß. Er habe alles getan, um den Tag für Anita zu einem Erfolg werden lassen. Ähnlich beeindruckt reagierten die Rot-Kreuz-Mitarbeiterinnen auf Kristina, die Begleitperson ihrer Patientin. Die beiden hätten eine unglaublich intensive Verbindung, sagt Mona Weiß.

Der Tag für die 59-Jährige war herausfordernd und anstrengend, aber er hat ihr viel gegeben. „Sie ist glücklich ins Bett gegangen“, sagt Kristina.

Die 59-jährige Anita machte sich an der Seite ihrer Freundin Kristina (hinten) zusammen mit Lina Schmitz (li.) und Mona Weiß auf die Reise zum Mondsee in Österreich. Foto: BRK-Kreisverband Cham