Beim „Salve Abusina“ Eining erwacht das Alte Rom zum Leben

Wie das Leben in der Provinz Rätien – in der sich auch das heutige Niederbayern befand – aussah, konnte man bei den Römertagen Eining erahnen. Wir haben mit den historischen Gruppen gesprochen, um herauszufinden, was die Menschen antreibt.
Gaius Flavius kann auf ein erfülltes Leben zurückschauen. Er ist 45 Jahre alt und seine Dienstzeit neigt sich dem Ende zu. Bald wird er das Kettenhemd gegen eine Bauerntunika eintauschen, das Kastell Abusina – das später einmal Eining heißen wird – verlassen und endlich die Mutter seiner Kinder heiraten (als Soldat durfte er das offiziell nicht). Als Veteran der Legion wird er seinen Lebensabend als geachteter Mann in stabilen wirtschaftlichen Verhältnissen verbringen. Legionäre erhielten als Abfindung Geld oder Land.
Gajus Flavius heißt eigentlich Bernhard und wohnt in Ingolstadt. Er gehört zur „Legio III Italia Pia Fidelis“, zur dritten italischen Legion. Das ist eine historische Römergruppe aus dem Raum Ingolstadt/Eichstätt. Auf den Römertagen Salve Abusina in Eining haben die Mitglieder Gäste mit historischem Lagerleben, Drillübungen und Vorführungen von Waffen, Ausrüstung und Uniformen unterhalten.
Unterhaltung und Bildung
Von Freitag bis Sonntag wurde hier die Zeit vor rund 2000 Jahren lebendig. Legionäre exerzierten, Gladiatoren fochten, es gab Reitervorführungen, Fabeln für Kinder, historische Vorträge für Interessierte und eine römische Modenschau. Händler boten allerlei Waren feil, von Öllampen über Lederschuhe von „Magister Sutor“ bis zu historischen Ringen, Fibeln oder Armreifen.
Die Männer und Frauen der Eininger Feuerwehr sorgten in Tuniken für „Bibendum“ – Spezi, Wasser, Dunkelbier. An anderen Ständen konnte man sich mit „Cibus“ versorgen, Essen, vom belegten Dinkelfladen über Wildschweinbratwürste bis zu Dattelstangen.
Wem der Sinn nach original römischer Kost stand, der konnte womöglich im historischen Lager einen Bissen ergattern. Bei den Gladiatoren lässt man uns „Puls“ kosten. Das ist ein Getreidebrei aus Dinkel oder Emmer, vergleichbar mit heutiger Polenta.
Was die historischen Gruppen betreiben, ist auch ein Stück weit „Experimental-Archäologie“, erklärt Uli Wagner, der Lanista (Ausbilder) der Gladiatorenschule „Ludus Treverorum“. Also der Versuch, der Geschichte durch Nachmachen und Ausprobieren auf die Schliche zu kommen.
Anders, als vielleicht auf manchem Mittelaltermarkt, wo die Grenzen zwischen historischem Schauspiel und Fantasy teils fließend sind, hat ein Großteil der Händler und Darsteller in Eining einen hohen Anspruch an Authentizität. Unser Legionär Bernhard beispielsweise weist stolz darauf hin, dass sein Ledergürtel weinrot ist und die Metallverzierungen verzinnt sind. So sei es bei seiner Legion laut archäologischen Funden wirklich gewesen, sagt er.
Nicht wenige haben Archäologie oder andere einschlägige Fächer studiert, beispielsweise Markus Neidhard, der römischen Schmuck verkauft. Er hat Frühgeschichte studiert und irgendwann angefangen, „Sachen, die mich in Museen fasziniert haben, nachzugießen“.
Irgendwann habe er das Hobby zum Beruf gemacht. Kürzlich hat er sogar eine Götterfigur und Instrumente für den Dreh des Films „Gladiator 2“ – den Nachfolger des Action-Hits mit Russel Crowe aus dem Jahr 2000 – geliefert, erzählt Neidhard.
Alex und Clara aus Berlin hatten ebenfalls über ein Archäologie-Studium nachgedacht, die Idee aber aus Gründen der Brotlosigkeit wieder verworfen, erzählen sie. Als Gladiatorinnen „Cassandra“ und „Ambiora“ haben sie sich einer Truppe angeschlossen. „Wir sind alle Geschichts-Enthusiasten, haben es nicht durchgezogen und leben unsere Leidenschaft in anderen Bereichen aus – mit mehr Gewalt“, scherzt Clara. Das Salve Abusina schätzen die Frauen, auch weil viele Besucher interessiert und gut informiert sind. Und ja, weibliche Gladiatoren habe es wirklich gegeben, weiß Alex. Die hätten, obwohl standesmäßig eher am unteren Ende der Gesellschaft angesiedelt, eine enorme Faszination auf die Menschen ausgeübt – etwa so, wie heute Pornodarstellerinnen.
Es gibt sogar eine Schule
Neben der Bildung ist beim Salve Abusina auch für Kinderspaß gesorgt. So dürfen die Kleinen beispielsweise den Schildwall der Legionäre mit Tennisbällen angreifen. Die Schola (Schule) vereint beides, Spaß und Bildung. Bei unserem Besuch zeigt dort Britta Hallmann-Preuß – eigentlich ist sie Leiterin des Stadtmuseums Bad Dürkheim – dem kleinen Erik, wie man früher auf Wachstafeln geschrieben hat. „Die Römer haben auf allem geschrieben, was ihnen in die Finger gekommen ist“, erklärt Hallmann-Preuß. Auf Tonscherben, Papyrus, Wachs. Aus der Provinz Britannien sei ein Brief überliefert, der mit Tinte auf einem Holzblättchen geschrieben wurde. In dem dankt ein Legionär seiner Mama für warme Socken und Unterhosen.
Eriks Vater Matthias ist Soldat in der Cohors Nona Batavorum, einer sogenannten Auxiliareinheit, deren Angehörige nicht das römische Bürgerrecht hatten. Auch ein Matthias vor 2000 Jahren hätte seinen Sohn wohl in die Schule geschickt, sagt Hallmann-Preuß. Denn als Sohn eines Auxiliar-Soldaten hätte Erik das Bürgerrecht erhalten und in der Legion dienen dürfen. Er hätte dort wie Bernhards Gaius Flavius zum Tesserarius, zum Schreiber und Wachleiter, aufsteigen können. Wer weiß, irgendwann hätte ein Erik vielleicht auch auf ein Leben wie das von Gaius Flavius zurückgeschaut.


