Günter Kohl erklärt, wie Schulen rechte Parolen kontern können

Von Katharina Kellner · 12. August 2024 um 11:00

„Schüler sind so toll, wenn man sie lässt“, sagt der ehemalige Lehrer am Beruflichen Schulzentrum in Schwandorf. Er plädiert für eine Schulkultur, in der junge Menschen mitreden und mitgestalten dürfen.

Herr Kohl, die AfD, eine Partei, die an konstruktiven Lösungen nicht interessiert ist, hat mit ihren Videos auf Social Media großen Erfolg gerade bei jungen Menschen. Wie kommt das?

Günter Kohl: Das hat damit zu tun, dass die Zeiten grundsätzlich unsicher sind: Da meinen manche, wir brauchen einfache Lösungen. Und die versprechen vor allem rechtspopulistische Parteien. Zum Glück fallen nicht alle Jugendlichen und Erwachsenen darauf herein, sondern diejenigen, die nicht gelernt haben, mit Problemen umzugehen.

Woran liegt das?

Kohl: Schwarz-weiß-Denken verfängt bei denjenigen, die kein eigenes Selbst entwickeln. Das sind Menschen, die ganz stark von autoritären Strukturen bestimmt wurden, ob in der Familie, in der Schule oder in ihrer Peer-Gruppe.

Was kann man dagegen tun?

Kohl: In Kindergarten, Schule und in der Familie müssen wir jungen Menschen positiv entgegenkommen und ihnen helfen, ihre eigene Identität zu entwickeln. Wir brauchen eine Erziehung, die völlig gewaltfrei ist, die zugewandt ist. Wir brauchen eine Schule, in der Schüler nicht niedergemacht werden. Wer permanent Abwertung erfährt, lässt seinen Frust irgendwann an Schwächeren aus. Wenn wir jungen Leuten helfen, sich selbst zu entwickeln, geht das nur mit positiver Zuwendung, nicht mit Härte und Strenge. Sie müssen merken, dass sie gewollt sind, so wie sie sind. Letztlich sind wir Menschen alle Beziehungswesen und wenn die Beziehung positiv funktioniert, dann haben die das nicht nötig, andere abzuwerten und sich rechten Parteien anzuschließen.

Sie haben gute Erfahrungen mit Einzelgesprächen gemacht, wenn Schüler mit rechten Positionen aufgefallen sind.

Kohl: Ich habe mich oft mit Jugendlichen im Alter von 15 bis 18 unterhalten. Interessant war: Die waren völlig überrascht, dass ich das Gespräch gesucht habe und zwar auf Augenhöhe. Da bin ich in unglaublich gute Gespräche gekommen. Junge Leute haben mir erzählt, was für sie wichtig ist. Was mir 1:1 wiedergegeben wurde: Ihre Ordnungssehnsucht, ihre Ansicht, Deutschland müsse Härte und Stärke zeigen und dann wird alles gut.

Wie gehen Sie die Gespräche an?

Kohl: Erstmal ist das eine positive Einladung und nicht: Jetzt musst Du zum Direktor. Die haben mich akzeptiert und gemerkt, mich interessiert das Thema und ich mache das nicht, um Strafen zu verteilen. Manche sind von selbst zu mir gekommen. Einer hat mal gesagt: Sie sind der erste Erwachsene, der mir zuhört, den interessiert, was in mir vorgeht.

Wie komme ich in ein Gespräch mit jemanden, der total unmenschliche Thesen vertritt?

Kohl: Indem der andere merkt, dass ich mit ihm in eine ehrliche Beziehung treten will, dass ich nicht der Obermacker bin. Der spürt in dem Moment: Mich interessierst du als Person. Bisher hat kein einziger das Gespräch verweigert, im Gegenteil: Die sind immer wieder zu mir gekommen, weil sie gemerkt haben: Bei mir können sie sich so geben, wie Sie wirklich sind.

Manche konnten Sie zum Ausstieg aus der Szene bewegen.

Kohl: Ich hatte zum Beispiel einen Schüler, der einen völligen Schnitt gemacht hat. Die NPD wollte ihn für die Wahl aufstellen. Da ist er ausgestiegen und umgezogen, weil er so bedrängt wurde von denen. Der hat interessante Dinge gesagt wie: „Wir leben in einer Blase und steter Tropfen höhlt den Stein. Wenn man in dem Zirkel drin ist, kommt man nicht mehr raus. Man braucht permanent Widerspruch von außen.“ Er hat auch gesagt, es sei wichtig, dass Schule dieses Thema immer wieder benennt.

Sie haben aber auch erlebt, dass es bei manchen Schülern zu spät ist, umzukehren.

Kohl: Wir hatten zum Beispiel den späteren NPD-Vorsitzenden der Oberpfalz an der Schule. An den ist man nicht mehr rangekommen, der war zu verstrickt in die ganze Szene. Aber wir haben dafür gesorgt, dass der bei uns an der Schule nicht das Wort führt. Der hat draußen weitergemacht, aber bei uns war der ruhig. Es geht darum, die anderen Schüler zu schützen, dass so jemand nie die Oberhand gewinnt.

Wie macht man das?

Kohl: Äußert einer rechte Parolen vor einer Gruppe, muss man Haltung zeigen und klar signalisieren: Da kommst Du bei mir nicht weiter. Weil diese Leute autoritär strukturiert sind, reagieren sie stark auf sowas. Und es gilt, eine Schulkultur zu entwickeln, in der alle zusammenstehen und sagen: „Das wollen wir nicht.“ Das ist ein langer Prozess. Man muss implementieren an einer Schule: Für uns gelten bestimmte Werte. Wer die verletzt, hat bei uns keinen guten Stand.

Wie stößt man einen solchen Prozess an?

Kohl: Wir hatten im Jahr 2000 mit schulübergreifenden Projekten bei uns begonnen. Der Direktor hat das absolut befürwortet. Da waren wir sicher Vorreiter in Bayern und darüber hinaus. Wir haben so ziemlich alles ausprobiert, was man zu Rechtsradikalismus und Toleranz machen kann.

Wie bringt man das Thema regelmäßig in Erinnerung?

Kohl: Durch Veranstaltungen und indem man das Miteinander befördert. Viele Studien belegen, dass Schulen, an denen Schüler nicht abgewertet werden, weniger Probleme mit Gewalt haben. Also jene Schulen, die demokratische Prozesse anstoßen. Wenn wir Demokratieprobleme haben, müssen wir den Schülern beibringen, dass sie mitreden und mitgestalten dürfen. Dass sie bei Projekten selbstständig arbeiten und Ergebnisse zeigen dürfen. Dass sie für ihre Leistungen gelobt werden. Da geht’s darum, als Person ernst genommen zu werden und nicht um Noten.

Haben Sie ein Beispiel für ein solches Projekt?

Kohl: Ich bin Hobbymusiker. Ich dachte mir: Machen wir etwas mit Musik – was die Rechten können, das können wir auch, auf andere Art. Dann bin ich in die Klassen gegangen und habe gesagt: Ich schicke Euch in ein Tonstudio, wenn ihr eigene Lieder zum Thema schreibt. Das war dann der absolute Hammer – schließlich hatte ich zu wenig Geld, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass so viele mitmachen.

Wie haben Sie das gelöst?

Kohl: Mein Direktor und ich haben BMW um Zuschuss gebeten. Mithilfe deren großzügiger Zuwendung und zusätzlicher Unterstützung durch das Kreisjugendamt Schwandorf ist eine CD mit 17 Titeln entstanden, die bis aus Frankreich nachgefragt wurde. Und ein Open Air im Innenhof der Schule haben wir auch gemacht. Da haben fünf oder sechs auf der CD vertretene Bands gespielt, ein toller Erfolg.

So etwas hilft, die besagte Schulkultur zu entwickeln?

Kohl: Ja genau. Wir haben auch Kunstprojekte gemacht, Schüler haben Filme gedreht. Man muss sagen: Schüler sind so toll, wenn man sie lässt. Wenn ich daran denke, wie toll die Ideen eingebracht haben, kriege ich heute noch Gänsehaut.

Bleibt bei den verdichteten Lehrplänen Zeit für sowas?

Kohl: Ich bin dafür, die Lehrpläne zu durchforsten und sich mehr Zeit für wichtige Sachen wie Debattenkultur zu nehmen. Da lernen Schüler, verschiedene Meinungen zu akzeptieren oder zumindest anzuhören und kriegen mit, dass einfache Lösungen mit Schwarz-weiß-Denken nicht zu bekommen sind. Das kann man ihnen nicht theoretisch vermitteln und sagen: Jetzt machen wir schnell zehn Minuten Geschichts- oder Verfassungsunterricht. Wir alle leben doch von unseren Erfahrungen.

Zur Person: Günter Kohl

Vita: Bis 2021 war Günter Kohl Lehrer am Beruflichen Schulzentrum Oskar von Miller in Schwandorf. Dort erlebte er 1988, wie ein Rechtsterrorist durch einen Brandanschlag vier Menschen ermordete. Kohl verschrieb sich dem Kampf gegen Rechts.

Engagement: Günter Kohl gründete das Schwandorfer Bündnis gegen Rechtsextremismus mit. Von 2009 bis 2021 war er Regionalbeauftragter für Demokratie und Toleranz des Kultusministeriums und Ansprechpartner für Rechtsextremismus-Prävention für die Oberpfälzer Schulen.

Interview: Katharina Kellner

Günter Kohl hält Fortbildungen zum Thema Prävention von Rechtsextremismus und ist seit Jahren Fußball-Trainer. Foto: privat