Der viel zu lange vergessene Brandanschlag

Von Katharina Kellner · 19. Juni 2024 um 19:00

Rechtsextremen Terror gab es nicht nur in Hoyerswerda, Mölln, Solingen oder Rostock-Lichtenhagen. 1988 legte ein Neonazi Feuer und ermordete vier Menschen. Das Ovigo-Theater erinnert nun mit einem Stück an die Folgen.

Vier Ortsnamen stehen exemplarisch für den rechten Terror der 1990er Jahre in Deutschland: Hoyerswerda, Mölln, Solingen, Rostock-Lichtenhagen. Dabei fehlt ein Ort: Schwandorf. Hier ermordete am 17. Dezember 1988 ein Rechtsterrorist vier Menschen bei einem Brandanschlag. Danach dauerte es 21 Jahre, bis es ein öffentliches Gedenken gab. Erst 28 Jahre nach der Tat war die Stadt bereit, einen Gedenkstein aufzustellen. Dabei war der Schwandorfer Anschlag einer der schwersten rassistischen Terrorakte in Bayern.

An die weithin vergessenen Ereignisse erinnert nun das Oberpfälzer Ovigo-Theater. „Schwandorf 1988, ein Stück über Wut, Angst und Feuer“, ist als multimediale Szenen-Collage konzipiert. Mit einem Mix aus Schauspiel, Audio und Video will sich Ovigo den Nachwirkungen des Anschlags annähern. Das als Verein konzipierte Theater bringt neben bekannten Stoffen immer wieder selbst Recherchiertes mit zeitgeschichtlichem und regionalem Bezug auf Bühnen in der ganzen Oberpfalz.

Intendant Florian Wein erzählt im Gespräch, ihm selbst sei der Anschlag lange Zeit unbekannt gewesen. Als er auf den Gedenkstein am wieder errichteten Habermeier-Haus stieß, habe er recherchiert: „Dieses Ereignis hat sich direkt vor unserer Nasenspitze abgespielt, aber es ist wenig im Bewusstsein.“ Kern des Theaterstücks sei für ihn die Frage: Warum sperrten sich politisch Verantwortliche in Stadt und Region so lange gegen ein angemessenes Gedenken? Ovigo will den Bogen bis ins Heute spannen: „Das ist jetzt wieder wichtig wegen der Erfolge der AfD. Leute mit dieser Gesinnung trauen sich wieder mehr.“

Der Täter, ein stadtbekannter Neonazi, lief mit Springerstiefeln und Baseballschläger herum. Günther Kohl, Lehrer am Beruflichen Schulzentrum in Schwandorf, seit 2021 im Ruhestand, kannte ihn als Schüler. Kohl hat sich seit vielen Jahren dem Kampf gegen Rechtsextremismus verschrieben und berät heute den Bezirksjugendring Oberpfalz zu diesem Thema. Am Telefon sagt er über Josef Saller, dieser sei den Schwandorfer Skinheads zu radikal gewesen, doch er war in der deutschen Neonazi-Szene verankert. Er habe in Schwandorf einen Ableger der rechtsextremen Partei Nationalistische Front gründen wollen: „Er soll die bestimmenden Leute dort gut gekannt haben.“ Zudem habe er Kontakte zum militant-neonazistischen Verein Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei und zur NPD gehabt.

Ein „verirrter Einzelgänger“

Und doch wurde der Anschlag lange als Tat eines verirrten Einzelgängers abgetan. Die Ermittler beleuchteten den politischen Hintergrund des Täters kaum. Der damalige CSU-Bürgermeister weigerte sich, am von Bürgern organisierten Gedenken teilzunehmen. Begründung: Saller habe keine Szene hinter sich. Es gebe in der Stadt keine Rechtsradikalen.

Günther Kohl sagt: „Der Saller wurde vor Gericht praktisch als dummer Junge dargestellt, der durch rechtsradikales Schriftgut irregeführt wurde. Das ist verharmlosend.“ Wenn Kohl bei Vorträgen außerhalb Bayerns vom Schwandorfer Brandanschlag berichtete, „haben mich alle angeschaut wie die Singerl, weil sie davon noch nie gehört haben. Das hat damit zu tun, dass das Gedenken vonseiten der Stadt unterbunden wurde. Man hat sich vonseiten des Stadtrats geweigert, irgendein Erinnerungszeichen am Ort dieses Anschlags anzubringen.“ Erst 2007 kam eine Plexiglasscheibe mit den Namen der Opfer an das Habermeier-Haus. 2016 wurde der Gedenkstein, den die Grünen-Landtagsabgeordnete Irene Maria Sturm schon 1998 hatte anfertigen lassen, endlich von der Stadt aufgestellt. Kohl betont: „Mittlerweile hat ein Umdenken stattgefunden. Seit 2009 finden jährliche Gedenkfeiern statt. Vorher wollte man nicht sehen, dass der Anschlag kein einfacher Mord war, sondern eine unglaubliche politische Dimension hatte.“

Den Wandel bekam Florian Wein zu spüren: Ovigo fragte bei der Stadt Schwandorf an, ob man das Stück im Felsenkeller aufführen könne. Sie bekommen ihn – sogar mietfrei.

Das Versagen der Politik

Wein interessiert sich vor allem für den Umgang mit dem Anschlag und will mit dem Stück den Blick auf die Opfer und ihre Angehörigen lenken: „Was gibt ihnen Mut?“ Er hat dazu mit einem Sohn von Leyla Kellecioglu gesprochen. Die Tochter der Familie Can verlor 1988 mit 19 Jahren ihre Eltern und ihren Bruder. Zudem soll das Stück die Schwandorfer Ereignisse im Spiegel der Zeitgeschichte zeigen. Einfließen sollen Audiomitschnitte, zum Beispiel aus Bundestagsdebatten oder Zitate von Politikern, die das politische Klima der Zeit verdeutlichen: So weigerte sich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl 1993, an der Trauerfeier für die fünf türkischen Todesopfer von Solingen teilzunehmen. Sein Sprecher sagte, man wolle nicht „in Beileidstourismus ausbrechen“.

Günther Kohl erzählt, er habe zum 25. Jahrestag 2013 als Sprecher des von ihm mitgegründeten Schwandorfer Bündnisses gegen Rechtsextremismus den damaligen Bundespräsidenten Gauck zur Gedenkfeier eingeladen. Das Bundespräsidialamt sagte ab. Kohl bat um ein schriftliches Grußwort von Gauck – er erhielt nie eine Antwort. Zu dieser Zeit hatten hochrangige Politiker Gedenkfeiern in Solingen und Mölln besucht, sagt Kohl. Doch Schwandorf, der erste neonazistische Brandanschlag auf türkischstämmige Menschen, rückte nie ins Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit.

Wein sagt, in Schwandorf habe man lange gehofft, den Anschlag unter den Teppich zu kehren. Die Stadt sollte nicht in einer Reihe stehen mit Hoyerswerda, Mölln, Solingen und Rostock. Doch die Schwandorfer, die sich für ein würdiges Gedenken einsetzten, hätten einen langen Atem bewiesen: „Es gibt Menschen, die sich gerade machen, auch gegen große Widerstände. Es war ein wichtiger Erfolg, dass es das Gedenken heute gibt. Das nötigt mir extrem viel Respekt ab.“

Das Stück ist am Jahrestag des Anschlags – 17. Dezember – und am 21. Dezember im Felsenkeller Schwandorf zu sehen.

Florian Wein, Intendant des Ovigo-Theaters, neben der Gedenktafel am Habermeier-Haus in Schwandorf Foto: Lisamarie Berger, Ovigo