Der Mann, der 1200 Juden rettete: Das extreme Leben von Oskar Schindler

Von Joachim Goetz · 18. Juni 2024 um 12:00

Der Unternehmer, eine höchst ambivalente Persönlichkeit, und seine Frau Emilie wurden durch Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ berühmt. Nach dem Krieg war Regensburg eine Station des Paars.

So aufregend wie Steven Spielbergs Kino-Hit „Schindlers Liste“ (1993) ist die Ausstellung „Oskar Schindler – Lebemann und Lebensretter“ im Sudetendeutschen Museum in München nicht. Was gut ist. Geschichten um den Holocaust, um den es in dieser Schau ja auch geht, begegnet man besser auf nüchterne Art. In München zeichnen Fotografien, Dokumente, Audio-Stationen und andere Exponate das auffällig extreme, geradezu sonderliche Leben von Oskar Schindler anschaulich und ohne großes Spektakel nach. Anlass ist der 50. Todestag am 9. Oktober 2024.

Wirklich bekannt wurde der Mann erst posthum mit Spielbergs Film. Dabei ist Schindler (1908-1974) etwas wohl Einzigartiges in der Nazizeit gelungen: Er rettete mit seiner Frau Emilie 1200 Juden vor dem sicheren Tod in den KZs. Wie er das machte, verblüfft. Denn es kam ihm genau das zu Hilfe, was ihn als Mensch mit schwachem Charakter erscheinen lässt, den er vielleicht auch hatte: seine Schlitzohrigkeit.

Gezeigt hat sich die Gewitztheit, die Schläue schon früh: Er fälschte Schulzeugnisse und musste die Schule verlassen. Er machte windige Geschäfte und ging locker mit Geld um. Er fuhr schnelle Autos, liebte Cognac und Frauen. Und er war auch seiner Ehefrau Emilie, die er 1928 in seinem Geburtsort Zwittau/Svitavy in Mähren heiratete, nicht treu. Schon bei seiner Hochzeit verhörte ihn die Polizei, weil ihn eine Ex-Geliebte des Heiratsschwindels bezichtigte.

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Oskar Schindler trat bald nach ihrer Gründung 1935 in die Sudetendeutsche Partei ein, Beiname: „die fünfte Kolonne Hitlers“. Er ließ sich als Spion anwerben, wurde 1938 enttarnt, eingesperrt, nach dem Anschluss des Sudetenlands freigelassen und in die NSDAP aufgenommen. Für den vorgetäuschten Überfall auf den Sender Gleiwitz, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs markierte, besorgte er polnische Uniformen.

Zu richtig viel Geld kam Schindler dann durch die Übernahme einer ehemals jüdischen Emaillewaren-Firma in Krakau, die vor allem auf dem polnischen Schwarzmarkt agierte. Etwa 14 Millionen Zloty, was 30 Millionen Euro entspricht, machte die Firma zwischen 1939 und 1944 Gewinn.

Da Juden billige Arbeitskräfte waren, beschäftigte der Unternehmer zuerst sieben in seiner Firma. Es wurden immer mehr. Deshalb bekam er auch hautnah die Deportationen, die Ghettoisierung und die Vernichtungsaktionen im Krakauer KZ mit, dessen Lagerkommandant ein sadistischer SS-Offizier war. Schindler, der bis dahin auf seinen maximalen persönlichen Profit geachtet hatte, änderte angesichts des Mordens seine Haltung. Er wollte die jüdischen Zwangsarbeiter seiner Firma retten.

Wie das ablief, zeigt die Ausstellung detailliert. Durch Bestechung konnte Schindler auf seinem inzwischen ausgelagerten Fabrikgelände ein eigenes Arbeitslager als Außenstelle des KZ Groß-Rosen errichten. Die dorthin verlegten jüdischen Zwangsarbeiter wurden auf jenen legendären Blättern festgehalten, die dann als „Schindlers Liste“ zu cineastischer Berühmtheit gelangten. Im Museum sind nun Reproduktionen in einer unprätentiösen Schatzkammer-Installation bei gedämpftem Licht zu sehen. Dort wartet auch das Highlight der Schau, das der Film, der sieben Oscars und drei Golden Globes holte, nicht so präsentieren konnte: eine originale zweiseitige Liste, die einen schaudern lässt.

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Schindler zog aus seiner Heldentat, die ihn selbst und seine Frau jahrelang in Lebensgefahr gebracht hatte, keinen Nutzen. Das Vermögen war für die Rettung der Juden aufgebraucht worden. Und im frühen Nachkriegsdeutschland, das ja für die kollektive Verdrängung der Nazi-Vergangenheit bekannt ist, erhielten die Schindlers keine Anerkennung und kein Geld. Der Staat Israel verlieh ihnen dann 1962 bzw. 1994 seine höchste Auszeichnung: den Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“. Eine Station des Paars nach Kriegsende war Regensburg: Die Schindlers flohen im Mai 1945 in die Donau-Stadt. Am Haus Watmarkt 5 erinnert eine Gedenktafel an die spät berühmt gewordenen Bewohner, die hier bis September 1946 lebten, bevor sie in die Alte Nürnberger Straße 25 umzogen. Ende 1949 wanderte das Paar nach Argentinien aus, wo es mit seiner Pelztier-Farm scheiterte.

Oskar Schindler, der allein zurückkehrte, lebte schließlich hauptsächlich von Zuwendungen seiner dankbaren „Schindler-Juden“. Er starb 1974 vergessen in Hildesheim und ist in Jerusalem begraben.

Oskar Schindler zeigte, dass Menschlichkeit auch unter widrigsten Bedingungen möglich war – und Mitläufertum keinesfalls Zwang.

„Oskar Schindler – Lebemann und Lebensretter“ ist bis 27. Oktober im Sudetendeutschen Museum in München (Hochstraße 10) zu sehen

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Oskar Schindler, Ende der 1950er. Ab 1945 lebte er einige Jahre in Regensburg. Foto: Privatarchiv Ferrari/Goetz