Behandlung nur für deutschsprachige Patienten? Kinderärzte aus der Region reagieren auf Debatte

Von Marion Neumann · 8. August 2024 um 17:00

Darf ein Kinderarzt Patienten, die kein Deutsch sprechen, abweisen? Nachdem ein Mediziner aus Baden-Württemberg am Eingang seiner Praxis ein Schild mit entsprechendem Hinweis anbrachte, schlug die Debatte in den vergangenen Wochen bundesweit hohe Wellen. Auch bei den Ärzten in der Region hat die Meldung Kreise gezogen.

„Uns begleitet das Thema allerdings schon seit vielen Jahren“, sagt Stephan Döring, der eine Kinderarztpraxis in Nittendorf betreibt. „Die Arbeit mit Migranten ist unser täglich Brot“. Die Argumentation seines Kollegen aus Baden-Württemberg, Patienten, die weder Deutsch sprechen noch einen Dolmetscher mitbringen, nicht gefahrenfrei und vernünftig behandeln zu können, kann Dr. Döring jedoch nicht nachvollziehen.

„Man kommt immer irgendwie zusammen“, sagt er. Teilweise könne die Verständigung auf Englisch stattfinden. Noch häufiger würden Übersetzungs-Programme bei der Kommunikation zwischen Arzt und Patienten helfen, berichtet er aus der Praxis. „Beispielsweise sind viele Familien, die im Zuge des Ukraine-Krieges nach Deutschland gekommen sind, sehr gut organisiert und geschult im Umgang mit Dolmetscher-Apps.“ In Bayern gebe es zudem Angebote wie das Netzwerk „Frühe Hilfen“, das bei Sprachproblemen Unterstützung vermitteln könne.

Praxen unter Druck

Auch die Argumentation, dass man im rechtlichen Sinne bei jeder Impfung eine kleine Körperverletzung begehe und sich deshalb absichern müsse, lässt er nicht gelten. „Es ist schon so, dass jeder Eingriff am Patienten Aufklärung braucht. Wir tragen aber auch die Sorge, Infektionskrankheiten zu verhindern – und um Behandlungen bei Migranten abzulehnen, sind Impfungen zu sicher.“

Was sich jedoch nicht von der Hand weisen lasse, sei der deutlich höhere Zeitaufwand, der bei Behandlungen von nichtdeutschsprachigen Patienten anfalle. „In der Zeit könnte ich drei andere Patienten behandeln“, so der Mediziner, „dieser Mehraufwand, den ich betreibe, wird finanziell nicht abgebildet. Es ist eigentlich ehrenamtliche Arbeit, die ich da mache“.

„Kinderärzte gelten als Gutmenschen“

Dass auch Arztpraxen unter wirtschaftlichem Druck stehen, werde in der Öffentlichkeit nicht gesehen. „Speziell Kinderärzte gelten als Gutmenschen, die Konflikten aus dem Weg gehen.“ Überlastung sowie fehlende Vergütung würden allerdings dazu führen, dass der Ärztemangel noch weiter zunehme. „Das ist eine Abwärtsspirale, die sich immer weniger Mediziner antun wollen“, sagt Dr. Döring.

Dass das Verbotsschild in Baden-Württemberg so große mediale Aufmerksamkeit erregt hat, liege seiner Meinung nach auch daran, dass man „so etwas von einem Gutmenschen nicht erwarten würde“. „Ich kenne ihn nicht – aber ich denke nicht, dass dieser Mann ein Rassist ist. Die Aktion ist vielmehr als Hilferuf zu verstehen, weil die Kinderärzte auf dem Zahnfleisch gehen.“

Schlechte Kommunikation

„Maximal ungeschickt“ sei ein solches Vorgehen dennoch, findet Dr. Döring. „Schilder mit Verboten sind immer ein Zeichen von schlechter Kommunikation. Der Arzt muss dem Patienten auf Augenhöhe begegnen.“ Er selbst habe bei Übernahme seiner Praxis vor zwei Jahren erst einmal sämtliche Verbotsschilder entfernt. „Und ich fahre sehr gut damit“, sagt er.

Ganz ähnlich sieht die Sache auch Guido Judex, Obmann des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte für die Oberpfalz und Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin am Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit Regensburg. „Das Thema ist nicht neu – aber das Ausmaß“, sagt er.

20 verschiedene Sprachen

Gerade bei der Pädiatrie handle es sich um ein „sprechendes Fach“, in dem es ohne Kommunikation nicht gehe. Im Regensburger Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit wisse man sich im Praxisalltag mit übersetztem Info-Material, mehrsprachigen Mitarbeitern und Übersetzungs-Programmen zu helfen − „manchmal mit Hängen und Würgen“. Rund 20 verschiedene Sprachen sprechen die Patienten, schätzt der Kinderarzt.

„Juristisch ist es natürlich fragwürdig, wenn ich ein Übersetzungs-Tool nutze und nicht weiß, auf welchem Server die Daten landen. Aber anders lässt sich kaum arbeiten“, sagt er. Neben mehr Sprachkursen und mehr Personal brauche es deshalb vor allem datenschutzrechtlich zuverlässige Übersetzungs-Programme, fordert er.

„Brauchen mehr Unterstützung“

Mit dem Mediziner aus Baden-Württemberg, der das Hinweis-Schild nun aufgrund der vielen Aufmerksamkeit vorerst wieder entfernt habe, hat Judex Mitleid. „Es tut mir leid, dass er in so einen Shitstorm geraten ist. Keiner von uns ist rassistisch und keiner weigert sich, ausländische Patienten zu behandeln – aber der Zeitaufwand ist irrsinnig und wir sind völlig überlastet. Die Kinderärzte brauchen mehr Unterstützung.“

Dr. Stephan Döring
Guido Judex