Der Heilige mit den Turnschuhen: Carlo Acutis ist der „Influencer Gottes“

Von Isolde Stöcker-Gietl · 5. August 2024 um 05:00

Influencer Gottes wird der 2006 gestorbene Carlo Acutis genannt. Er starb 2006 mit 15 Jahren an Leukämie – wird wie ein Sportheld inszeniert und soll der Kirche junge Zielgruppen erschließen. Sein Herz war vergangene Woche auf Tour durch Bayern. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer nahm die Reliquie im Kloster Weltenburg in Empfang.

Dunkelblaue Trainingsjacke, Nike-Turnschuhe und Jeans: Der erste Millenial-Heilige ist nur schwer mit dem mittelalterlichen Reliquienkult in Verbindung zu bringen. Seit 2020 wird Carlo Acutis, der „Influencer Gottes“, wie sie ihn nennen, in der italienischen Stadt Assisi in einem gläsernen Sarg aufgebahrt.

Der junge Gefolgsmann Gottes – er starb 2006 mit 15 Jahren an Leukämie – wird wie ein Sportheld inszeniert und soll der Kirche junge Zielgruppen erschließen. Carlo Acutis Herz war vergangene Woche auf Tour durch Bayern. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer nahm die Reliquie im Kloster Weltenburg (Landkreis Kelheim) in Empfang.

„Diese Seligen und Heiligen sind ein Geschenk des Himmels für die Kirche im 21. Jahrhundert“, betonte Voderholzer. Wenngleich auf Nachfrage die Mehrzahl der Bistümer in Süd- und Ostbayern einräumt, dass die Verehrung von Reliquien nicht mehr den Stellenwert von einst hat. „Ihre Bedeutung ist sicherlich nicht mehr so stark wie in vergangenen Tagen, gleichwohl üben Reliquien auf manche Menschen eine gewisse Faszination aus“, sagt etwa der Sprecher des Erzbistum München-Freising, Christoph Kappes.

Skurril: Windel und Vorhaut von Jesus

Es gibt kuriose Reliquien wie die Windel von Jesus im Aachener Dom. Auch zahlreiche Vorhäute, die angeblich von ihm stammten, waren im Mittelalter unterwegs. Unter anderem beanspruchte seinerzeit das Kloster Andechs den Besitz für sich. Da Jesus dem Glauben nach leiblich in den Himmel aufgenommen wurde, gibt es keine sterblichen Überreste wie Knochen, weshalb der Reliquienkult diese skurrilen Blüten trieb. Weltweit finden sich Partikel aus dem Heiligen Kreuz, an dem Jesus zu Tode kam – etwa im Kloster Scheyern. Die Dornenkrone wird in Notre Dame in Paris aufbewahrt.

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Im Kloster Waldsassen wird kommenden Sonntag das Heilige-Leiber-Fest gefeiert. Ein 250 Jahre altes Brauchtum. Zehn Ganzkörperreliquien frühchristlicher Märtyrer aus den Katakomben Roms werden in der Stiftsbasilika verehrt. Sie kamen von 1688 bis 1765 in die Oberpfalz. Die größte Sammlung Heiliger nördlich der Alpen, heißt es. Das Online-Reisemagazin „Travelbook“ nannte die Sammlung einmal „Deutschlands gruseligste Kirche“.

Werden heute Menschen selig oder heilig gesprochen – wie vor 12 Jahren die 1925 verstorbene Bauernmagd Anna Schäffer aus Mindelstetten (Lkr. Eichstätt) – werden Reliquien entnommen und gesondert aufbewahrt. Im Fall von Schäffer waren es Teile ihrer Gebeine. Sie befinden sich heute im bischöflichen Sekretariat in Regensburg. Zudem wurden vor der Selig- und Heiligsprechung sogenannte Berührungsreliquien angefertigt, wobei die Gebeine der Toten auf ein Tuch gelegt wurden. Die Stoffe wurden zerschnitten und in Andachtsbildchen verarbeitet. Auch ihr Eichensarg wurde zerlegt und die Holzsplitter als Reliquien gefasst. Nach Auskunft des Erzbistum München-Freising werden Reliquien aus den sterblichen Überresten erst nach der diözesanen Phase eines Seligsprechungsprozesses entnommen – die sogenannte Erhebung der Gebeine.

Das gilt auch für die Resl von Konnersreuth (gestorben 1962), deren Seligsprechungsprozess seit 2005 läuft. Ihre Gebeine sind weiterhin auf dem örtlichen

Von der Konnersreuther Resl bis zu Papst Benedikt

Friedhof bestattet. Inwieweit blutverschmierte Kleidung oder Tücher der stigmatisierten Mystikerin im Umlauf sind, ist nicht bekannt. Für Pater Jakob Rem (gestorben 1618), wurde 2010 das Seligsprechungsverfahren im Bistum Eichstätt wieder aufgenommen. Im Bistum Passau laufen derzeit keine Prozesse, heißt es aus der bischöflichen Pressestelle. Für den vor eineinhalb Jahren verstorbenen Papst Benedikt XVI. wurde noch kein Verfahren eingeleitet. Im Bistum München finden Prüfungen für den von den Nazis getöteten Journalisten Fritz Gerlich und den Theologen Romano Guardini statt. Für eine Seligsprechung muss mindestens ein Heilungswunder nachgewiesen werden, für die Heiligsprechung ist ein weiteres Wunder gefordert.

Obwohl man mit Reliquien keine Geschäfte mehr machen kann – der Verkauf und Handel ist strengstens verboten – machen Diebe vor den Kirchenschätzen nicht halt. 2020 wurden in der Wolfgangskirche in Regensburg Knochen des Heiligen Wolfgang aus einer Stahlumfassung gebrochen. Bis heute sind sie nicht mehr aufgetaucht. 2022 war die Wallfahrtskirche Neukirchen beim Heiligen Blut (Lkr. Cham) Ziel von Reliquienräubern.

In Assisi ist das Grab von Carlo Acutis längst ein Besuchermagnet. „Wir katholischen Christen hoffen darauf, in den Reliquien Vermittler zum Heiligen zu finden“, schreibt die bischöfliche Pressestelle in Passau auf Nachfrage. Und gerade bei jungen Menschen erlebe die Reliquienverehrung eine Renaissance, heißt es aus Regensburg. Dass das Herz des tiefgläubigen Teenies durch Europa reist, heißen aber nicht alle gut. Auf Facebook schreibt ein User: „Störung der Totenruhe nennt man das!“