Sind Heiligen- und Reliquienkult noch zeitgemäß? Ein Experte bezieht Stellung

Sind Heiligen- und Reliquienkult noch zeitgemäß? Kulturwissenschaftler Karl-Heinz Kohl zieht im Interview mit der Mediengruppe Bayern überraschende Vergleiche.
Der mit 15 Jahren verstorbene Carlo Acutis wird heiliggesprochen. Ist denn die Heiligsprechung noch zeitgemäß?
Prof. Karl-Heinz Kohl: Die Einleitung des Heiligsprechungsverfahrens liegt ganz auf der Linie der bisherigen Politik von Papst Franziskus, des ersten außerhalb Europas geborenen Inhabers des Amts. In seiner Heimat spielt die Kirche eine entschieden größere Rolle als in Deutschland, wo sich nicht einmal mehr die Hälfte der Bevölkerung zum Christentum bekennt. Wir sollten uns daher davor hüten, den Vorgang nach unseren eigenen, eurozentrischen Maßstäben zu beurteilen. Denn in Argentinien wie in ganz Süd- und Mittelamerika hat nie eine vergleichbare Abkehr vom kirchlichen Glauben stattgefunden. Der Katholizismus ist hier im Volksglauben immer noch fest verankert. Und der Heiligenkult ist ein integraler Teil von ihm. Anders als im Protestantismus stehen die Gläubigen der römisch-katholischen Auffassung zufolge nicht in einer unmittelbaren persönlichen Beziehung zu Gott. Sie bedürfen vielmehr immer der Vermittlung, sei es durch den Klerus, sei es durch die Sakramente oder sei es durch die Heiligen, an die sie Bitten in der Erwartung richten, dass sie mit ihrer Hilfe von Gott erhört werden.
Jesus Windel und seine Vorhaut: In einer aufgeklärten Welt doch ziemlich kuriose Reliquien, oder?
Kohl: Der Reliquienkult ist aus der Verehrung antiker Heroen an deren Grabstätten hervorgegangen und hat die Geschichte des Christentums von Anfang an begleitet. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch der Handel mit echten und gefälschten Reliquien, musste doch in jeden neu errichteten Kirchenaltar ein solches Erinnerungsstück an das Martyrium ihres Namensgebers eingelassen werden. Daher gibt es nicht nur eine, sondern mehrere Dutzende von Vorhäuten Jesu, deren Besitz sich Kirchen in aller Welt rühmen. Dieser Körperteil Jesu ist deshalb so bedeutend, weil er ihn nach seiner Himmelfahrt als einzigen auf Erden zurückgelassen hatte. Der Tag der Beschneidung des Herrn zählte früher zu einem der größten Festtage des christlichen Kalenders. Er fällt auf den 1. Januar und auch heute wird der Jahresanfang nach ihm berechnet.
Die Kritik am Reliquienkult, der seit dem Spätmittelalter immer mehr überhandnahm, stellte einen der wesentlichen Auslöser der Reformation dar. Paradoxerweise war es Luthers Beschützer und Gönner, der sächsische Kurfürst Friedrich der Große, dessen Reichtum und Stolz durch den Siegeszug des Protestantismus erheblich geschmälert werden sollte. Er besaß nämlich die wahrscheinlich größte private Reliquiensammlung seiner Zeit. Eine Inventarliste aus dem Jahr 1520 zählt nicht weniger als 18970 Einzelstücke auf, darunter auch der Leichnam eines Opfers des Kindermords von Bethlehem. Luther und die anderen Reformatoren haben mit ihren Lehren einer neuen Weltauffassung den Weg gebahnt, der in die Aufklärung münden sollte und uns heute die alten Glaubenspraktiken „kurios“ erscheinen lässt. Max Weber hat im Zusammenhang mit der Wirkungsgeschichte des Protestantismus von der Entzauberung der Welt gesprochen. Die neuen digitalen Techniken scheinen dagegen einen Prozess in die entgegengesetzte Richtung eingeleitet zu haben. Was man früher als das Werk magischer Kräfte ansah, beherrscht heute unsere Lebenswelt. Wir unterhalten uns nicht nur mit den kleinen Metallkästchen, sondern lassen uns von ihnen auch Ratschläge geben.
Es gibt Menschen, die kaufen sich ein Stück Fußballrasen. Die moderne Form der Heiligenverehrung?
Kohl: Zweifelsohne. Das durchschwitzte T-Shirt des Sportstars, das der Fan bei eBay für teures Geld ersteigert hat, gleicht den Berührungsreliquien des Mittelalters und der Renaissance. Dabei handelte sich um Gegenstände, die beim Martyrium des Heiligen eine Rolle gespielt hatten wie etwa der Rost des Heiligen Laurentius. Oder es waren Stofftücher, die man auf Heiligengräber legte, um in sie die Kraft der Toten zu übertragen und von deren Berührung sich ihre Besitzer Heilung versprachen. In gewisser Weise hat heute auch die Popkultur dieses Erbe aufgegriffen. Ich denke da an die Hard Rock Cafés. In jeder Niederlassung finden sich Schaukästen, in denen Gitarren, Kleidungsstücke oder andere Memorabilia berühmter Rockstars liegen. Die körperlichen Reliquien des 2013 selig gesprochenen Carlos Acutis wie sein in Assisi in einem beleuchteten offenen Sarg aufgebahrter Leichnam, mögen zwar krasser sein. Doch liegen beiden Kultformen durchaus ähnliche Vorstellungen zugrunde.
Der Kultur- und Völkerkundler Prof. Dr. Karl-Heinz Kohl war bis 2016 Direktor des Frobenius-Instituts für kulturanthropologische Forschung an der Goethe-Universität Frankfurt. Das Interview führte Isolde Stöcker-Gietl