Cham, wie es sich der Bürger wünscht: 533 Vorschläge für die Stadtentwicklung

Von Johannes Schiedermeier · 1. August 2024 um 15:00

Die Beteiligung der Bürger an der Entwicklung der Stadt Cham war in der Stadtratssitzung ein großes Thema: Viele Online-Vorschläge, aber nur zwölf Bürger beim Stadtspaziergang und eine Bürgerversammlung, die mit fünf Bürgern ihren Namen nicht verdient hatte. Und doch gibt es zahlreiche Wünsche der Bürger, wie es für Cham weitergehen soll. Wir haben uns die Kapitel im Integrierten Stadtentwicklungskonzept (ISEK) angesehen.

Das Konzept basiert auf zahlreiche Datenquellen, aus denen oft eine erstaunliche Entwicklung hervorgeht. Es werden aber auch Entwicklungen belegt, die viele Bürger so gefühlt haben. Dazu gehört zum Beispiel die Tatsache, dass die Stadt ihren Siedlungsraum kontinuierlich auf Kosten der Natur ausweitet.

603 Quadratmeter pro Bürger

Mehr als 70 Prozent der Gemarkungsfläche der Stadt Cham sind Wald und Landwirtschaftsflächen. 20 Prozent sind für den Verkehr asphaltiert. Zwischen 2014 und 1021 sind die Siedlungsbereiche um 3,9 Prozent von 988,8 Hektar auf 1027,2 Hektar angewachsen.

603 Quadratmeter beansprucht jeder Bürger laut dem Bayerischen Landesamt für Statistik für sich als Lebensraum. Die Bürger wohnen meist in Einfamilienhäusern. Insbesondere in der Innenstadt lobt das Konzept die vielen guten Beispiele für den Erhalt historischer Bauwerke, zeigt aber auch Beispiele des Verfalls auf. Die Altstadt soll als Treffpunkt ausgebaut und die historisch kompakte Siedlungsstruktur gewahrt werden.

Viele Wünsche in der Kernstadt

Im April 2023 haben auch die Bürger die Gelegenheit genutzt, eigene Vorschläge einzubringen. 336 Personen haben 533 Anmerkungen gemacht, Die meisten für die Kernstadt, davon 43 Prozent im Bereich Verkehr und Mobilität, gefolgt von Freizeit und Soziales (16 Prozent), Ortsbild (11) Versorgung und Gastronomie (10), Tourismus und Naherholung (7), Klima (6), Wohnen (5) und Digitalisierung (3).

Es sind auch überraschende Vorschläge dabei: Konzerte am Satzdorfer See, Genussradltouren von Hofladen zu Hofladen, Tinyhäuser am Regenufer beim Kolpinghaus... Man findet dort aber auch Erwartbares: Verbesserungen bei Rad- und Wanderwegen, Wiederbelebung der Luitpoldhöhe mit einem gastronomischen Angebot, einen Rundwanderweg um den Rötelseeweiher.

Mehr Grün, weniger Luftverschmutzung

Die Bürger fordern aber auch Windenergie, Fernwärme und Blockheizkraftwerke. Mehr Blühwiesen und Grün in der Stadt, mehr Brunnen und Bienenvölker im Kernbereich. Außerdem soll Leuchtreklame wegen der Lichtverschmutzung abgelehnt werden.

Beim Wohnen hatten die Bürger gerne mehr alters- und behindertengerechtes Angebot. Die Planungsdauer ist ihnen zu lang und so mancher wünscht sich eine Baupreisbremse – wer auch immer die ziehen soll.

Wenn es um neue Baugebiete geht, kollidieren die Meinungen allerdings: Während die einen gerne oben beim Ehrenhain wohnen würden, fordern die anderen, genau das zu verbieten. Während die einen nach Baugebieten in Rissing, Schachendorf und Vilzing fragen, wünschen sich die anderen einen Verzicht darauf zugunsten einer Nachverdichtung in bestehenden Siedlungsgebieten. Ein Studentenwohnheim in der Altstadt wird als wichtiges Anliegen genannt.

Tante Emma sol zurückkommen

Beim Thema Parkplätze wird ein Konflikt zwischen Dauerparkern und Anliegern deutlich. Die Bürger wollen vom Stadtrat ein Förderprogramm, der aus den Leerständen in der Innenstadt und in Janahof wieder Wohnraum macht.

Viele Wünsche drehen sich auch um Gastronomie und Nahversorgung. Es wird nach Tante-Emma-Läden gefragt, insbesondere in Cham-West. Die Innenstadt bräuchte nach Ansicht der Bürger noch mehr Vielfalt bei den Läden und geringere Mieten und Pachten. Ein zweiter Markttag wird gewünscht.

Schattenbäume und Treffpunkte

In den Stadtteilen ohne Supermarkt – wie in Chammünster – sollte ein 24 Stunden-Kiosk etabliert werden oder zumindest die Möglichkeiten bestehen, sich rund um die Uhr aus Automaten zu versorgen.

Die 30- bis 50-Jährigen hätten gerne mehr auf ihre Altersgruppe zugeschnittene Gastronomie. Ein Kultur-Café wäre recht und ein bayrisches Wirtshaus im Stadtkern. Das Hintereder-Areal wollen die Bürger aufgewertet wissen. Das ist einer der Punkte, die die Stadt gerade in Arbeit hat.

Ein besonderer Vorschlag: Im Seniorenheim St. Michael sollen im Cafe Menschen mit Behinderung bedienen und so Inklusion gelebt werden.

Unter der Rubrik Freizeit und Soziales werden Kitas in Cham-West und im Hintereder-Areal ins Gespräch gebracht. Es werden mehr Angebote für sozial Schwache gefordert mit geschulten Ansprechpartnern und Veranstaltungen. An verschiedensten Orten wünschen sich die Bürger neue Spielplätze und die Pflanzung von Schattenbäumen: in Gutmaning, Altenstadt, Chammünster, Haidhäuser, Altenstadt und in der Kernstadt.

Attraktiver und ökologischer

Das Hallenbad sollte länger geöffnet sein, der Fußballplatz der DJK Altenmarkt soll bleiben. Andere wünschen sich einen witterungsunabhängigen Indoor-Spielplatz und einen offiziellen Trail für Mountainbiker und immer wieder taucht der Punkt auf: Schaffung von Begegnungsplätzen für die Bevölkerung.

Insgesamt wünschen sich etliche Bürger die Aufwertung des Ortsbilds durch attraktive Gestaltung des Umfelds und möglichst viel Grün. Die Stadt soll nach dem Willen ihrer Bürger insgesamt mehr auf ökologische Gesichtspunkte bei ihrem Flächenbesitz achten.

Was Verkehr und Mobilität betrifft, ist die Stadt mit ihrem Radwegekonzept schon gut unterwegs. Es hat mit 41 Anmerkungen die meisten Bürger hinter sich. Außerdem werden eine Reihe von Gefahrenstellen aufgezählt, vor allem Fußgängerquerungen in Schulnähe, die entschärft werden sollen. Auch fehlende Gehwege Richtung Altenmarkt und Haidhäuser werden bemängelt.

Das geforderte Internet ist schon in Arbeit, aber die Bürger kritisieren auch die altmodische und benutzerunfreundliche Internetauftritt der Stadt Cham. Das kostenlose W-Lan auf dem Marktplatz existiert inzwischen. Es geht also was, wenn der Bürger mitmacht.

Kommentar

Gesucht: der Mitmach-Bürger

Von Johannes Schiedermeier

Was will er denn, der Bürger? Wollen täte er ja was. Das sieht man ganz deutlich, wenn man all die Vorschläge durcharbeitet, die da bereits im Konzept stehen. 336 Chamer haben 533 Anmerkungen hinterlassen, meist online.

Doch das ist nur ein erster Schritt. Mit durch die Stadt gehen und sich die wichtigsten Orte ansehen, die da attraktiver werden sollen, das wollten nur noch zwölf Bürger. Dabei ginge es da – praktisch live – um die wichtigste aller Fragen: die Machbarkeit.

Irgendwie ist es wie Weihnachten: Wünschen kann man sich viel, aber die Realität ist oft etwas ganz anderes. Deswegen ist es ein richtiger Schritt gewesen, sich die Stadtkoordinatorin Anja Frühbeißer für zwei Jahre in die Tourist-Info zu setzen. Denn es geht nicht nur um Konzepte, sondern auch darum, dass diese möglichst viel Mitarbeit und Zuspruch in der Bevölkerung erfahren.

Da wird sich Bürgermeister Martin Stoiber freuen: Ganz Cham wird ein riesiger Arbeitskreis! – Wenn es läuft. Und das sollte es eigentlich, dann was könnte es Schöneres geben, als sein eigenes Lebensumfeld attraktiver und ökologischer zu machen. Ein angenehmer Nebeneffekt: Wer nicht mitmacht, hat auch das Recht verloren, rumzunörgeln. Fast zu schön, um wahr zu sein.