Besuch im Backstage-Bereich der Festspielbühne des Drachenstichs Furth im Wald

Was passiert eigentlich hinter der Bühne, wenn davor der Drache in Furth im Wald (Landkreis Cham) Feuer spuckt und zwei Männer um die Gunst der Ritterin buhlen? So viel sei verraten: eine ganze Menge.
Es ist die erste Hauptprobe, bei der ich einen Blick hinter die Kulissen werfe. Die Tage davor war Durchlaufprobe, danach folgt Generalprobe und schließlich am Freitag die natürlich wieder viel umjubelte Premiere. Auch wenn noch kein Dresscode herrscht, viele also im Alltagsgewand spielen, so wird doch das gesamte Stück einmal durchgespielt.
Irgendwas fehlt immer
Zu den ersten, die am Set erscheinen, gehören Inspizient Heinz Winklmüller und sein Kollege Helmut Buschek.
In ihrer Hütte laufen die Fäden zusammen. Hier liegen die Requisiten, die in den einzelnen Szenen gebraucht werden, hierher müssen sie auch wieder zurückgebracht werden. Zwei Kühlschränke versorgen durstige Kehlen, es gibt einen Werkzeugkasten, Verbandszeug und vieles mehr. Wie auf‘s Stichwort kommt ein Spieler und fragt Winklmüller, der seit 2017 Inspizient ist, seit er ein Jahr zuvor seine Karriere als Chamerauer beendet hat, nach einer Rohrzange, weil am Griff seines Schwertes etwas locker ist.
„Aber egal, wie viel wir da haben, irgendwas fehlt immer“, lacht Buschek. Doch Zeugwart ist nicht die Hauptaufgabe der beiden Männer. Sie stehen vor großen Bildschirmen. Auf einem ist die Bühne zu sehen, auf den anderen die drei Tore, durch die Kutschen und Pferde donnern. Nach Regieanweisung von Alexander Etzel-Ragusa geben Winklmüller und Buschek über Funk Bescheid, wann die Tore geöffnet werden müssen. Die Kulissenschieber und verantwortlich dafür, dass die Tore geöffnet werden, sind Mitglieder des FC. Noch ein Aspekt, der den Job der Inspizienten ausmacht: „Wir haben Kontakt zum Roten Kreuz und anderen, damit wir im Notfall eingreifen können. Sicherheit ist das wichtigste Gut“, so Winklmüller.
„Hussa, hussa“, schreit jemand auf der Bühne, es ist 18.30 Uhr, noch ist es die Zeit der Handwerker, des Bauhofs, der Feuerwehr, eben von allen, die sich um die Sicherheit sorgen, Utensilien bringen oder Reparaturen machen und kontrollieren, ob alle geforderten Standards eingehalten werden. Langsam trudeln die ersten Spieler ein. Einer kommt auf dem Rad in Jeans und T-Shirt, das Schwert schon um die Seite geschwungen. Ein paar Mädchen schlecken ein Eis, es hört sich an als würden sie sich über ihre Zeugnisse unterhalten. Jungs toben durch den Backstage-Bereich, eine Mama hat sich ihr Kind auf die Hüfte gesetzt und plaudert angeregt mit einem Spieler, der sich in Mittelalterschale geworfen hat. 18.50 Uhr: Drache Fanny trifft ein und wird professionell geparkt. Gegen 19 Uhr folgt Ritterin Eva Baier, noch in zivil aber schon mit langem blonden Zopf, telefoniert kurz mit einer ihrer Zofen. Kleine Grüppchen sitzen zusammen auf den Bänken, die später im Stück gebraucht werden und unterhalten sich über ihre Spiel-Szenen. Eine Frau erzählt, dass sie früher vor dem Auftritt eine Brise Schnupftabak genommen hat, dann klappte der Auftritt. Heute spuckt man sich noch gerne dreimal über die Schulter und sagt: „Toi, toi, toi.“
Requisiten für das Vorspiel „Legende“ werden hinter das große Tor getragen und für andere Szenen auch in den Aufgängen der Türme verteilt. „Was da verteilt liegt, muss unbedingt dort liegen bleiben“, sagt Peter von Chamerau, alias Bürgermeister Sandro Bauer. Er erinnert sich an einen Verstoß, der ihn selbst betroffen hat. Den Geldbeutel, den er in einer Szene braucht, lag immer an der gleichen Stelle. Allerdings war die Zeit ihn zu greifen und auf der Bühne zu erscheinen relativ kurz. Er selbst wollte sich einen Zeitvorsprung verschaffen und hat ihn an einer anderen Stelle im Turm deponiert. Als er ihn dann holen wollte, war er weg. Kurze Aufregung, dann stellte sich heraus: Jemand hat ihn gefunden und wieder an seinem angestammten Platz deponiert.
Je näher sich der Zeiger gegen 20 Uhr bewegt, desto mehr Spieler treffen ein. Es herrscht für den außenstehenden Betrachter ein aufgeregtes Durcheinander. Aber bei genauerem Hinsehen kennt jeder seinen Weg, weiß was zu tun ist. Rebecca Bauer, die Ritterin der vergangenen Spielzeit trifft ein. Sie hat auch in diesem Jahr eine Rolle übernommen.
„Man vergisst nach einer Zeit, dass man verkabelt ist“
Ludwig Fleischmann, Ritter 2024, wird verkabelt und mit einem Mikrofon versorgt. Er lacht, als er den Fotoapparat sieht. Das ist wohl eine der wenigen Posen, in der er heuer noch nicht fotografiert worden ist. Auch das Anlegen der Mikros folgt einer Ordnung, klar, bei so vielen Spielern. Bauer hat da einen Tipp für alle, die vielleicht einmal zur Spielschar stoßen: „Es ist kurios, aber nach einer gewissen Zeit vergisst man, dass man verkabelt ist.“ Man sollte sich also mit unvorsichtigen Ankündigungen oder Selbstgesprächen zurückhalten, wenn man die Allgemeinheit nicht von seinem Vorhaben informieren möchte, noch einmal pieseln gehen zu wollen.
Mitglieder der Feuerwehr kontrollieren, ob in den bereitgestellten Eimern genügend Löschwasser enthalten ist und Alexander Pongratz, Ritter der Saison 2023, und heuer Hussitenunterhändler Jan, steht am Tor, möchte sich vor seinem Auftritt noch die Anfangsszene mit Kutschen und Reitern ansehen. Regisseur Etzel-Ragusa, ein Mikrofon in der einen, ein Funkgerät in der anderen Hand, sieht überall noch einmal nach dem Rechten. Im Büro der Inspizienten werden die letzten Unterschriften geleistet. „Aus versicherungstechnischen Gründen muss jeder Spieler unterschreiben, dass er die Sicherheitsregeln einhält und mindestens eine Bühnenprobe komplett durchgemacht hat“, so Winklmüller. Die Businenbläser des Spielmannszuges sind eingetroffen, besteigen durch den Turm auf der Seite des Alten Amtsgerichts den Wehrgang, dann die Durchsage: „Tor auf“. Das donnern vieler Hufe dröhnt durch die Arena, ein erster begeisterter Aufschrei der Zuschauer.
Es gibt viel zu entdecken
Während auf der Bühne die ersten Szenen gespielt werden, warten andere Spieler hinter der Bühne. Es sind Abläufe, die wohl in vielen Jahren des Festspiels in Fleisch und Blut übergegangen sind. Während die einen mit ihrer Szene fertig sind und von der Bühne huschen, stehen die anderen schon Gewehr bei Fuß, um diese zu betreten. Es ist, so kommt es einem vor, eine fließende Bewegung, ein scheinbares Chaos für den Betrachter, schlafwandlerische Ordnung für die Darsteller.
Elisabeth Schmatz sitzt, ein Eis in der Hand, auf einer Bank und macht Pause. Ihre zweite Szene, in der sie die Rückkehr des Drachen prophezeit, kommt erst noch. Da kommt Anita Schwägerl vorbei, Schneiderin der Drachenstichgewänder. Seit 18 Jahren macht sie das. Schmatz möchte an ihrem Rock etwas geändert haben. Die Herrin über Nadel und Faden lacht: „Das passiert pausenlos, wenn ich durch den Backstagebereich gehe.“
Aber kein Problem, dafür ist sie ja da. Die Leute bringen ihr Gewand, hängen es in ihr Vorhaus, schreiben per WhatsApp, was das Problem ist und können das geänderte Gewand dann später wieder abholen. Es gibt noch viel zu entdecken: Die Drachenmannschaft zum Beispiel, die Fanny in Perfektion zu ihren Auftritten verhilft, die Umarmungen, das Lachen, wenn man sich wieder trifft, das Plaudern, das das Schild „Bitte Ruhe hinter der Bühne“ geflissentlich ignoriert.
Schließlich folgt noch ein wichtiges Ritual. Eine kleine Dose Prosecco oder Hugo in der Hand, blicken viele Augen gebannt auf den Bildschirm in der Hütte des Inspizienten. Ritter Udo stürmt, die Lanze in der Hand, auf den Drachen zu. Er schleudert seine Waffe. Die auf den Bildschirm starrenden Freunde feuern ihn an. Ludwig trifft.
Der Jubel in der kleinen Hütte ist groß. „Das müssen wir unbedingt immer machen, sonst trifft er nicht“, lacht Schmatz. Wenn es an diesem Abend eine Erkenntnis gibt, dann ist es diese: Der Further Drachenstich ist ein riesengroßes Familientreffen, das alle Mitglieder jedes Jahr aufs Neue feiern.

















