Künftig hat er mehr Zeit zum Flanieren: Walter Krug sagt „seinem“ BBW leise Servus

Walter Krug war fast 20 Jahre lang Gesamtleiter des BBW St. Franziskus in Abensberg. Am 9. August, „auf den Tag genau an meinem 65. Geburtstag“, wird er das BBW zum letzten Mal betreten. Ein Gespräch über schwierige Bedingungen und wie sie das BBW meistert.
Herr Krug, in ein paar Tagen endet ihre Zeit als Gesamtleiter des BBW Abensberg. Wie geht es Ihnen im Moment?
Walter Krug: Es ist eine Erleichterung da. Nach fast 20 Jahren ist es auch gut, ich kann das ganz gut übergeben. Freilich schwingt auch Wehmut mit. Auch, weil ich Menschen, mit denen ich jeden Tag im Kontakt war, nicht mehr sehen werde. Die werde ich schon sehr vermissen.
Wenn Sie zurückblicken, was hat sich in all den Jahren verändert?
Krug: Wir haben uns deutlich breiter aufgestellt. Wir haben zum einen die Mitarbeiterzahlen verdoppelt. Aber zum andern auch die Strukturen verändert, beispielsweise den Bereich Erziehungshilfe ausgebaut und differenziert oder die U-Haft-Gruppe eingeführt. Auch die ambulanten Dienste kamen dazu, ebenso stationäre Gruppen. Früher waren es zwei, jetzt sind es über zehn.
Was sind denn die Gründe dafür?
Krug: Wir haben eine einzigartige Kombi aus beruflicher Bildung und pädagogischer Betreuung, um auch sehr schwierige junge Erwachsene ausbilden zu können. Die psychischen Auffälligkeiten nehmen zu und die Erziehungskompetenz der Gesellschaft nimmt ab, so meine Beobachtung. Dazu wird die Gesellschaft sehr viel komplexer, und das überfordert junge Menschen. Auch haben nach Corona Ängste, Depressionen, Essstörungen oder Isolation sowie Einsamkeitsgefühle zugenommen. Das ist auch nach wie vor nicht überwunden. Da sind Jugendliche in den Rückzug gegangen, die kriegen wir jetzt schwer wieder raus.
Aber diese gesellschaftlichen Entwicklungen kommen ja nicht von ungefähr?
Krug: Die permanente Verfügbarkeit, die die Wirtschaft fordert, führt dazu, dass diese Zeit in der Erziehung fehlt. Dazu kommt aber andererseits eine Überversorgung der Kinder, die Tendenz, dass man alles für sie löst. Dadurch nimmt die Wirksamkeit ab. Es gehört schon auch zum Aufwachsen dazu, dass man auch mal Niederlagen einsteckt. Auch die primäre Sozialisationsinstanz, die Schule, erleben wir als überfördert. Das soll kein Schimpfen auf Lehrer sein, das ist das System. Die Kinder müssen funktionieren, aber das tun sie nicht. Das Recht der Kinder, nicht zu funktionieren, das geht massiv verloren.
Wie tragen Sie denn strukturell diesen Entwicklungen Rechnung?
Krug: Wir sind weggekommen vom Maßnahmendenken: Schule, Werkstatt, Wohngruppe, in der Teilnehmer als Mitglied einer Gruppe behandelt werden. Wir arbeiten seit einigen Jahren personenzentriert. Was bringt der Einzelne an Defiziten, Kompetenzen und Stärken mit? Wir haben ein individuelles Case Management (Fallmanagement, Anm. d. Redaktion) eingeführt, mit dem Ziel, herauszufinden, was kann der einzelne Teilnehmer, was interessiert ihn, was braucht er? Das ist auch eine Frage der Haltung. Wie beteilige ich die, wie begegne ich den jungen, teils auch volljährigen Menschen auf Augenhöhe?
Schlägt sich das auch in der Vermittlung, in dem Erfolg, sie auf den Arbeitsmarkt unterzubringen, nieder?
Krug: Ja, sicher, das macht sich auch mittelfristig bemerkbar. Wenn die berufliche Integration klappen soll, geht das nur so. Wir haben ja zudem auch viele Abläufe umgestellt, dazu gehört auch, dass wir intensiv mit externen Betrieben zusammenarbeiten und eine verzahnte Ausbildung anbieten. Früher waren es nur ein paar Praktika. Also die größten Veränderungen in den vergangenen Jahrzehnten sind, neben der Personenzentrierung, die Beteiligung externer Betriebe, die Digitalisierung und die Integrationsarbeit auf dem Arbeitsmarkt.
Sicherlich schlägt sich das auch im Personal wieder.
Krug: Ja, den Anteil an unterstützendem Fachpersonal, den haben wir erhöht. Aber auch an uns geht der Fachkräftemangel nicht vorbei: Im Bereich Wohnen und im Bereich der Ausbildung haben wir ganz massive Probleme. Vor allem in der IT oder im Elektrobereich tun wir uns schwer, Ausbilder zu finden. Und auch pädagogische Fachkräfte, etwa Erzieher oder Heilerziehungspfleger zu finden, die den Schichtdienst und die tägliche Konfrontation nicht scheuen, ist schwierig.
Würden Sie die Arbeit denn wieder machen, wenn Sie sich noch einmal dafür entscheiden könnten?
Krug: Ja, denn es gibt keine interessantere Arbeit, die ich kenne. Ich habe 37 Jahre für die Katholische Jugendfürsorge gearbeitet und könnte mir keinen besseren Arbeitgeber vorstellen. Es ist unfassbar vielschichtig, es gibt große Freiheiten zur Gestaltung. Man hat viel Gestaltungsspielraum, aber man muss mit den Wolken leben.
Und jetzt, welche Pläne haben Sie?
Krug: Ich habe mehr Ideen als Lebenszeit übrig bleibt. Die Arbeit hat doch einen Großteil an Energie gebunden, jetzt habe ich Zeit für meine Interessen. Weiterhin möchte ich freiberuflich arbeiten, in der Beratung, der Psychotherapie oder der Krisenarbeit. Aber vor allem werde ich Flaneur: Ich will mich treiben lassen und die Zeit dafür haben.
Zweite Chance für schwierige Jugendliche:
Reset-Knopf drücken: „Wir haben hier keine Jugendlichen, die nur eine Problematik haben“, so Walter Krug. „Da muss man in der Lage sein, damit umzugehen. Im September, wenn das Ausbildungsjahr beginnt, geht es hier schon ganz schön chaotisch zu. Aber wir sind wirklich manchmal Zauberer.“
Erfolg: Die Abbruchquote während der Ausbildung beträgt zwar 25 Prozent, aber von denen, die bis zum Ausbildungsende durchhalten, bestehen zwischen 95 und 99 Prozent ihre Prüfungen. Eine Untersuchung, die 2015 vom Institut der deutschen Wirtschaft durchgeführt wurde, zeigte, dass von 1500 Absolventen des BBW aus den vergangenen 30 Jahren noch 70 Prozent in der Arbeit sind. „Der Beruf ist ein protektiver Faktor und kann auch helfen, dass das Leben in der Spur bleibt. Den erlernten Beruf kann einem niemand mehr nehmen“, so Krug.
Ausbildung: Das Berufsbildungswerk Abensberg ist 1978 in Betrieb gegangen. Rund 500 Jugendliche werden hier in rund 40 unterschiedlichen Berufen ausgebildet, besuchen, nach Bedarf, auch eine therapeutische Wohnstädte. Knapp 500 Menschen sind im BBW angestellt. In Bayern ist das BBW in Abensberg unter dem Dach der Katholischen Jugendfürsorge eines der größten und hat sich unter anderem auf Autismus-Spektrum-Störungen und auf gewisse Berufe spezialisiert.
Vita Walter Krug: Walter Krug ist studierter Psychologe und approbierter Psychotherapeut, hat eine Zusatzausbildung zum Master of Social Work und zum Diplom-Sozialbetriebswirt. Krug arbeitete in der Erziehungshilfe, freiberuflich als Psychotherapeut und im Kinderzentrum Sankt Vincent, wo er später eine therapeutische Jugendgruppe aufbaute und dann die Leitung übernahm. 2005 wechselte er zum BBW nach Abensberg. Krug hat vier Kinder und ist auch schon Opa.