Die Festspieler feiern am Ludwigsberg in Bad Kötzting gelungene Premiere mit „Die Weber“

Von Stefan Weber · 28. Juli 2024 um 15:00

Lohnschinderei, soziales Elend – im Jahr 1892 hat Gerhart Hauptmann diese und weitere Themen der Ungerechtigkeiten des 19. Jahrhunderts in seinem Stück „Die Weber“ auf die Bühne gebracht. Themen, die heute weiter aktuell sind, zeigen sich die Festspieler auf dem Ludwigsberg überzeugt, und setzen das Stück, das den Aufstand der schlesischen Weber im Jahr 1844 zum Hintergrund hat, in bairischer Mundart auf der Waldbühne auf dem Ludwigsberg um.

Das Publikum ist am Samstag am Ende der Premiere nach gut drei Stunden Aufführung von 40 Spielern aus vier Generationen begeistert und bewegt. Begeistert von der Inszenierung unter der Regie von Sascha Edenhofer und Dramaturgin Barbara Schöneberger, von den aufwendigen Kostümen, die Antje Adamson entworfen hat, und natürlich von der mitreißenden Spielleistung der Festspieler unter dem (übrigens durch einen überdimensional großen Webstuhl verdeckten) Ludwigsturm.

Als die Zeiten besser waren

Bewegt sind die Gäste auch von dem heute immer noch so aktuellen Stoff, auch wenn das Stück schon mehr als 130 Jahre auf dem Buckel hat: Die Weber sind es, deren Elend durch die Profitgier der Fabrikanten und die weiter voranschreitende Industrialisierung immer größer wird.

„Freja, do hom de Fabrikanten de Weber no mitkemma louß’n“, weiß da auch ein alter Weber zu sagen, dem die Pfändung seines Hauses bevorsteht. Fabrikanten, „des han koi Mensch’n ned, des san Vejcha“, sagt er, während ihm der als Soldat in die Lande gezogene Moritz Jäger weiter anstachelt. „Europa, wir weben dein Leichentuch, wir weben hinein den dreifachen Fluch“, schreien die jüngsten Spieler bei ihrem Auftritt den Zuschauern entgegen (ob sich das nicht heute Kinder in Asien und Afrika denken?), während die Stimmung immer düsterer wird, und sich das imposante Bühnenbild zum wiederholten Male verändert und in einer Gaststätte Reich und Arm aufeinandertreffen.

Während im Dorf eine Beerdigung gehalten wird, stellt sich den Gästen im Wirtshaus die Frage, wie die so groß sein kann, wenn die Weber doch kein Geld hätten? Schreinermeister, Bauern, Förster – die Meinung über die Weber, die ist bei allen gleich: Faulenzer, Nichtstuer, also: Selbst schuld an ihrem Zustand. Nur mit der Lumpensammlerin Hornigin haben sie eine Fürsprecherin, während, der Unmut der Weber von außen in die Gaststätte und in Person des Soldaten Moritz und des Webers Bäcker auch in den Raum treten.

Während die Stimmung bei den armen Webern überkocht, gibt sich die Fabrikantenfamilie im Ort ganz gelassen und selbst der Ortsgeistliche zeigt wenig Verständnis für deren Situation und wird das kurz darauf bitter bezahlen, als die Villa ihres Arbeitgebers in Trümmer geschlagen wird. Doch auch ein störrischer Weber, der sich am Aufstand nicht beteiligen will, zahlt einen hohen Preis für seinen Widerstand.

Dass die Festspieler mit ihrer Umsetzung des Dramas wieder einmal eine Glanzleistung hingelegt haben, das zeigen ihnen die Zuschauer im ausverkauften Haus mit ihrem Beifall am Ende des Stückes.

Rund drei Stunden lang hatten die zwar nichts zu Lachen – dafür ist das Stück auch wahrlich nicht gemacht. Aber die bedrückende Stimmung, die von der ersten bis zur letzten Szene das Elend der Weber greifbar macht, ist nicht weniger mitreißend wie eine Komödie. Dafür braucht es die Leistung jedes einzelnen Spielers, und die ist umso beeindruckender, da es mit 40 Rollen, die es zu verteilen galt, sehr viele zu sehen gibt.

Beeindruckende Leistungen gibt es bei „Die Weber“ aber nicht nur auf, sondern auch hinter der Bühne, von der Technik über die Kostüme bis hin zur aufwendigen Maske, das alles gehört zum perfekten Gesamtbild des Stückes. Dazu gehört auch, dass wirklich alle Spieler-Generationen mit eingebunden sind im Stück. Und wie kann man die jüngsten Spieler perfekt in die Handlung mit einbinden, auch wenn sie im Drama gar nicht so oft vorkommen? Man lässt sie einfach den Akt eröffnen und unter dramatischer Musik den Theatergast in die richtige Stimmung kommen.

Klassiker seit über 30 Jahren

Nach dem doch eher leichteren Stück in den vergangenen beiden Jahren, werden nun also mindestens zwei Jahre Drama auf der Waldbühne gezeigt. Wer sich darauf einlässt, der wird ebenso gut unterhalten, denn das Thema ist so zeitlos wie die Klassiker auf Bairisch an sich, die die Festspielgemeinschaft seit über drei Jahrzehnten auf dem Ludwigsberg zeigt. Das Stück „Die Weber“ reiht sich nahtlos in die Reihe dieser Klassiker ein. Die Festspielgemeinschaft hat es wieder einmal geschafft, in einer großen Gemeinschaftsleistung bestes Theater unter den Ludwigsturm zu bringen. Die Premiere war ausverkauft, auch der Vorverkauf laufe sehr gut, sagte Vorsitzende Beate Bauer bei der Premierenfeier. Damit werden also noch viele Hunderte Besucher in den kommenden Wochen dieses beeindruckende Stück sehen.

Dramatische Szenen vor der Premiere

Der Wetterbericht schwenkte zehn Minuten, bevor Bürgermeister Markus Hofmann am Samstag zu seiner Begrüßung des Premieren-Publikums auf dem Ludwigsberg ansetzte, um und prophezeite statt schwül-warmen 23 Grad auf einmal heftige Gewitter – und die kamen auch.

Die erste Szene war noch nicht ganz aufgebaut, da brachen die Festspieler die Premiere ab und verkauften auf die Schnelle an die Besucher zur Eintrittskarte auf Wunsch noch einen Einmal-Regenponcho. Ein Angebot, das viele annahmen und dann geduldig unter der Tribüne darauf warteten, wie sich die Festspieler entscheiden werden.

Eines war sofort klar: Der erste starke Schauer wird nicht lange anhalten, aber es wird auch nicht der letzte bleiben. Eine halbe Stunde später stand fest: Die Aufführung wird fortgesetzt, und dafür bekamen die Festspieler den ersten Applaus schon vor Beginn von ihren Gästen, von denen während des Schauers nur sehr wenige den Weg vom Ludwigsberg hinunter gesucht haben. Noch zwei weitere von Donner begleitete Schauer hat es während der ersten Aufführung von „Die Weber“ auf dem Ludwigsberg gegeben. Die Premiere wurde aber weitergespielt und endete durch die Wartezeit mit dem Schlussapplaus um exakt 0 Uhr.

Bei der anschließenden Premierenfeier galt es aber nicht nur ob der Leistung der Spieler an diesem Tag, sondern auch im Vorfeld der Neuproduktion, „Danke“ zu sagen. Vereins-Vorsitzende Beate Bauer vergaß niemandem in ihren Dankesworten, denn gerade die Produktion eines neuen Stückes verlange von jedem einzelnen Mitglied der Festspielgemeinschaft viel ab, auch ohne Regen zur Premieren-Aufführung.

Die Saison auf dem Ludwigsberg ist damit eröffnet, und das hoffentlich weiterhin nicht mehr von Regen begleitete Drama „Die Weber“ kann auf der Waldbühne seinen Verlauf nehmen.

Am Ende stellt sich einer doch gegen den Aufstand und zahlt bitter dafür.
Was tun? Das war die erste große Frage gleich zu Beginn der Premiere. Foto: S. Weber
Die Weber können in der Zeit der fortschreitenden Industrialisierung mit ihren Webstühlen ihr Brot nicht mehr verdienen.
Arm, aber stolz sind die leidenden Weber.
Moritz Jäger (Franz Xaver Leonhard) kommt nach Hause zurück und ruft seinerseits die Weber dazu auf, aktiv zu werden, damit sich etwas ändert.
Die jüngsten Spieler eröffnen den neuen Akt.
Fabrikant Dreißiger (Johannes Bachl) und seine Familie verschließen die Augen vor der Wirklichkeit.
Schmiedemeister Witting (Jürgen Lorenz) weiß, dass sich ohne Gewalt nichts ändert.
Im Gasthaus herrscht beim Reisenden (Korbinian Wellisch) und der Gastwirtstochter (Annika Auzinger) Unverständnis für die Situation der Weber.
Der Weber Bäcker (Markus Kilger) probt als Erster den Aufstand.
Auch für die Ältesten und Kranken gilt: „Sie weben und weben und weben ...“
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg
„Die Weber“: Impressionen vom Ludwigsberg