„Patron des Internets“: Hunderte pilgern zu Carlo-Acutis-Reliquie nach Weltenburg

Von Etienne Nückel · 24. Juli 2024 um 15:00

Weltweit begeistern sich Gläubige für den Seligen Carlo Acutis, der 2006 im Alter von 15 Jahren verstorben ist. Auch in Weltenburg strömten am Montagabend Menschen zusammen, um vor seiner Herz-Reliquie zu beten und vielleicht ein Foto zu erhaschen. Was steckt hinter dem Phänomen?

Eine Frau will im Chorraum der Weltenburger Klosterkirche „Zeugnis ablegen“ von ihrer Beziehung zu Carlo Acutis. Sie ist eine von Hunderten, die am Montagabend nach Weltenburg gekommen sind, um die Reliquie des Seligen, ein Stück seines Herzbeutels, zu sehen. Die Frau berichtet von einem kleinen Jungen aus dem Bekanntenkreis, der an Krebs erkrankt war. Die Chemotherapie habe nicht angeschlagen, er habe fürchterlich gelitten. „Mein erster Gedanke war: da müssen wir zu Carlo Acutis beten“, erzählt die Frau. Und tatsächlich: „Es wurde besser, die Chemo wirkte auf einmal.“ Und kürzlich habe sie die Nachricht erhalten, dass der kleine Junge zu „99 Prozent gesund ist“. Ein Raunen geht durch die bis auf den letzten Platz gefüllte Kirche. „Halleluja“ säufzt eine Gläubige. „Halleluja, preist den Herrn. Und ewigen Dank Carlo Acutis“, echot die Frau im Chorraum.

Acutis, in der Presse auch als „Cyber-Apostel“ oder „Influencer Gottes“ bezeichnet, war ein tief religiöser italienischer Jugendlicher. 2006 starb er im Alter von 15 Jahren an Leukämie. Wegen seines Glaubens und seines Einsatzes für die Kirche – er hatte unter anderem eine digitale Ausstellung zu eucharistischen Wundern programmiert – wurde er 2020 seliggesprochen. Heuer kündigte Papst Franziskus seine Heiligsprechung an.

Unmittelbar nach Acutis Tod setzte eine intensive Verehrung ein, weiß Pater Michael Gebhart von den Weltenburger Benediktinern. Er ist bekennender Acutis-Verehrer und hatte sich dafür eingesetzt, dass die Reliquie auf ihrer Deutschland-Tour auch in Weltenburg Station machte.

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Zwei Welten verschmelzen in der Weltenburger Klosterkirche

Der Zuspruch ist auch hier groß. Während der Messe haben knien Gläubige vor dem Portal der Dorfkirche, weil drinnen nicht alle Platz haben. Anschließend formiert sich die Prozession. Der Kapuziner-Pater Marco Gaballo, Rektor des Santuario della Spogliazione – des Heiligtums in Assisi, in dem Carlo Acutis Grab ist – übergibt die Reliquie an den Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer. Vereinigungen wie der Bad Gögginger Ableger der Legio Mariae marschieren mit ihren Fahnen vorweg. Die Weltenburger Feuerwehr sichert. Mit Blasmusik und Gebeten marschiert der Zug zum Kloster. Kapelle und Feuerwehrler setzen sich in den Biergarten, während die Gläubigen für Rosenkranz, Vesper und Gebetsstunde in die Kirche strömen.

Mehrere wollen Zeugnis ablegen: Eine Nonne erzählt von einer Eichstätter Studentin, die durch Gebete zu Carlo Acutis die Beziehung zu ihrem Schutzengel vertieft hat. Eine Lehrerin berichtet von einem schwierigen Schüler, der durch Carlo Acutis zurück auf die rechte Bahn kam. Andere Gläubige stehen Schlange, um vor der Reliquie niederzuknien, ihre Hand auf den Fuß des Reliquiars zu legen – und vor allem um mit ihren Smartphones Fotos zu machen.

Zwei Welten verschmelzen in der Klosterkirche miteinander. Einerseits die alte, traditionelle, katholische. Da ist der Glaube an Wunder – also übernatürliche, göttliche Interventionen. Da ist der Reliquienkult, also das Aufbewahren und Verehren von Körperteilen (oder Besitztümern) von Heiligen. Reliquien resultieren laut Gebhart aus dem Wunsch, eine Verbindung zu einem Heiligen zu haben, sozusagen „ein Stück von dem selber zu haben“. Und das ist ein Anknüpfungspunkt an die zweite Welt, die moderne, digitale, mit Smartphones und Internet.

Pater betet vor: „Du Influencer Gottes“

In früherer Zeit wollte man Reliquien vor allem berühren, küssen oder durch Kontakt ihre Heiligkeit auf andere Gegenstände überspringen lassen – sogenannte Kontaktreliquien. Am Montag in Weltenburg funktioniert die Verbindung vor allem über das Smartphone-Foto. So wie Touristen ein eigenes Foto von Sehenswürdigkeiten machen wollen: Ich war da. „Bevor ich Carlo gekannt habe, war Internet und Social Media eine Welt. Und wenn ich in der Kirche war, war das eine andere Welt“, Philipp Müller aus Erlangen. Der 26-Jährige hat während der Prozession das Kreuz getragen. Carlo Acutis habe diese Welten für ihn miteinander verbunden, fährt Müller fort.

Für Viele ist es diese Verbindung beider Welten, die Carlo für sie besonders macht. „Du Patron des Internets und der Programmierer, Du Internetmissionar und Influencer Gottes“, betet Gebhart vor. Die 16 Jahre alte Anna-Maria aus Schaufling (Lkr. Deggendorf) begeistert sich für Acutis, „weil er auch so jung ist und auch mit dem Internet zu tun hat“. Ähnlich sieht das Bischof Voderholzer: „Carlo Acutis war ein Mensch mit Jeans, Turnschuhen und Handy, einer der die neue Welt der Technik bestens kannte. Aber er blieb nicht bei der Technik stehen, sondern hat sie für die Glaubensvermittlung genutzt.“

Für Benedikt und Gabriel Liedtke, zwei Männer um die 30 aus Abensberg, zählen hingegen eher die „klassischen“ Heiligen-Qualitäten: „Carlo Acutis hat sich für die Jugend und Obdachlose eingesetzt“, sagt Benedikt – „Das ist ein schöner Zug.“

Pater Marco Gaballo küsst das Reliquiar, nachdem er es an Bischof Voderholzer übergeben hat.
Die Prozession zieht zum Kloster. Philipp Müller aus Erlangen trägt das Kreuz.
Ein eigenes Foto von der Reliquie war für viele Gläubige Pflicht.
Hunderte Gläubige füllten die Weltenburger Klosterkirche.
Ein Gläubiger kniet vor der Reliquie und legt seine Hand auf den Fuß des Reliquiars.