„Er ist der erste Heilige mit einem Facebook-Account“ – Carlo Acutis in Weltenburg

Von Etienne Nückel · 20. Juli 2024 um 19:00

Er gilt als erster heilige Millennial. Der 2006 im Alter von 15 Jahren gestorbene Carlo Acutis wird auch als „Gottes Influencer“ bezeichnet. Seine Herz-Reliquie wird am Montag, 22. Juli, im Kloster Weltenburg gezeigt . Dafür hat sich der bekennende Carlo-Acutis-Verehrer Pater Michael Gebhart von den Weltenburger Benediktinern eingesetzt.

Die Reliquie, die in einem Glasschrein in Assisi aufbewahrt wird, macht des Weiteren Station in der Heilig-Geist-Kirche am Münchner Viktualienmarkt, der Clemens-Kirche Berlin, im Kölner Dom und in Heiligkreuz Neugraben in Hamburg. Im Interview erklärt Pater Michael, was Carlo Acutis für ihn besonders macht und warum es auf dem Weg zur Heiligsprechung nicht schaden kann, eine große Anhängerschaft zu haben.

Pater Michael, was macht Carlo Acutis besonders?

Pater Michael Gebhart, OSB: Carlo Acutis ist der erste Millennial, der heiliggesprochen wird. Er ist der erste Heilige, der einen Facebook-Account hatte. Der erste Heilige, der eine E-Mail-Adresse hatte.

Sie haben auf einer Italien-Reise von Carlo Actuis erfahren. Was fasziniert Sie so an genau dieser Person?

Gebhart: Erstens, dass er in unserer Zeit gelebt hat. Carlo fuhr als Kind total auf Spielekonsolen ab. Aber als er merkte, dass ihn das vereinnahmte, hat er sich selbst das Limit gesetzt, nicht mehr als eine Stunde in der Woche zu spielen. Das ist einer, der sich im Glauben in unserer Zeit bewähren musste. Zweitens war er ein ganz normaler Junge, der Fußball gespielt hat wie alle anderen. Aber – und das ist der dritte Punkt – er hatte als dieser normaler Junge unserer Zeit einen tiefen Glauben und hat sein gesamtes Leben in Gott verankert.

Inwiefern?

Gebhart: Er war mit 15 Jahren ein sehr gläubiger Junge, was heute nicht selbstverständlich ist. Es ist etwas Besonderes, wenn ein Junge, der mit dem Internet umgeht und ganz normal und unauffällig zur Schule geht, ein Leben führt, das ganz auf Gott ausgerichtet ist. Er hat schon mit sieben Jahren die Erstkommunion empfangen, weil er das wollte. Das ist unüblich, man musste eine Erlaubnis einholen.

Wie hat er seinen Glauben gelebt?

Gebhart: Er hatte immer ein Herz für die, die am Rand waren. Er hat sich in der Klasse um die gekümmert, die gemobbt wurden. Er hat sein Taschengeld gespart, um einem Obdachlosen einen Schlafsack zu kaufen. Er hat sich auch um Migranten gekümmert, hat ihnen beispielsweise über seine Eltern – die in gehobenen Kreisen verkehrten – einen Arbeitsplatz besorgt.

Er wird als „Gottes Influencer“ bezeichnet.

Gebhart: Mit elf oder zwölf Jahren ist er voll in die Informatik eingestiegen. Er hat sich Programmiersprache komplett eigenständig angeeignet. Er hat eine Ausstellung über eucharistische Wunder programmiert. Darin ist beispielsweise auch eine Schautafel über Bettbrunn bei Kösching enthalten. Das ist ein Wallfahrtsort hier im Bistum Regensburg, der auf ein eucharistisches Wunder zurückgeht.

Was ist ein eucharistisches Wunder?

Gebhart: Die katholische Lehre besagt, dass in der heiligen Messe Brot und Wein in ihrer Äußerlichkeit erhalten bleiben. Nach der Wandlung sieht man keine Veränderung, man sieht Brot und Wein. Für uns Katholiken ist die Substanz aber gewandelt. Es ist der Leib und das Blut Christi. Und bei diesen eucharistischen Wundern verändert sich die Gestalt. Beispielsweise soll in Bolsena in Italien Blut aus einer Hostie gelaufen sein.

Warum programmiert ein Jugendlicher eine Ausstellung über so etwas?

Gebhart: Carlo war ein ganz großer Verehrer von Christus im Altarssakrament. Und als Jugendlicher hoffte er, dass die Leute wieder mehr in die Kirche gehen würden, wenn man ihnen eucharistische Wunder erklärt. Momentan wird diese Ausstellung in der Kirche Heilig Geist in München gezeigt. Daher kommt auch die Reliquie nach Weltenburg.

Bei der Reliquie handelt es sich um ein Stück seines Herzbeutels. Also um ein Teil eines Leichnams. Kann man das nicht makaber finden?

Gebhard: Das kann man auf jeden Fall. Das Ganze ist höchst umstritten. Für mich ist der Wunsch verständlich, Andenken zu haben. Man will ja auch ein Andenken des verstorbenen Großvaters haben...

... ich habe aber nicht das Herz meines Großvaters daheim...

... das ist richtig. Bei Heiligen will man allerdings ein Stück von dem selber haben. Früher hatte man andere Vorstellungen von Pietät. Thomas von Aquin wurde ausgekocht! Reliquien-Glaube geht auf die ersten Anfänge der Christenheit zurück. Eine Reliquie ist ein Berührungspunkt mit dem Heiligen. So wie ein Ehepaar, das an den Ort des ersten Kennenlernens zurückfährt.

Was unterscheidet einen Seligen von einem Heiligen?

Gebhart: Ein Seliger und ein Heiliger sind eigentlich dasselbe. Die Seligsprechung ist eine erste Stufe und ein Seliger darf nur regional verehrt werden. Beispielsweise Anna Schäffer...

... die im frühen 20. Jahrhundert in Mindelstetten (Lkr. Eichstätt) gelebt hatte ...

... sie durfte als Selige liturgisch nur im Bistum Regensburg verehrt werden. Erst ab der Heiligsprechung im Jahr 2012 durch Papst Benedikt XVI. durfte sie weltweit liturgisch verehrt werden. Natürlich darf auch vorher schon jeder „Fan“ sein.

Für die Heiligsprechung müssen zwei Wunder nachgewiesen werden, beispielsweise eine Heilung, die nicht natürlich erklärbar ist. Wunder werden von manchen Wissenschaftlern kritisiert – glauben Sie, dass Gott im Leben von Menschen interveniert?

Gebhard: Ich gehe davon aus. Aber es wäre für mich keine Katastrophe, wenn man irgendwas irgendwann anders erklären könnte. Gott kann ja auch durch Menschen wirken, etwa durch einen Arzt.

Die Bewunderer von Bernhard Lehner aus Herrngiersdorf warten schon seit Jahrzehnten auf eine Seligsprechung, bei Carlo Acutis dauerte es wenige Jahre – warum?

Gebhart: Ich schätze, weil Bernhard schon seit Jahrzehnten tot ist. Ansonsten bekommt man von ihm nicht viel mit, er ist nicht in den Medien und so weiter.

Viele Anhänger sind bei einer Heiligsprechung also hilfreich?

Gebhart: Auf jeden Fall. Es ist sogar so: Wenn ein Heiliger nicht kontinuierlich verehrt wurde, kann er eigentlich gar nicht heiliggesprochen werden.

Carlo Acutis in Weltenburg

Leben: Carlo Acutis (1991 - 2006) lebte überwiegend in Mailand. Papst Franziskus kündigte 2024 seine Heiligsprechung an. Ihm werden zwei Wunder zugeschrieben: die Heilung eines brasilianischen Jungen von Bauchspeicheldrüsenkrebs und einer Frau aus Costa Rica von einer schweren Kopfverletzung.

Programm: Die Reliquie, ein Stück des Herzbeutels, kommt am Montag, 22. Juli, nach Weltenburg. 16 Uhr: Messe in der Dorfkirche, 17 Uhr: Prozession mit Bischof Rudolf Voderholzer zum Kloster, 18 Uhr: Vesper in der Abteikirche, anschließend Gebet und Eucharistische Andacht. Abschließend Umtrunk im Biergarten.

Carlo Acutis Foto: Imago/Abacapress