Tarifeinigung für Goldsteig in Cham endet im Desaster: Arbeitnehmer sauer, Arbeitgeber befremdet

Von Johannes Schiedermeier · 23. Juli 2024 um 17:00

„Ja, ich bin explodiert“, sagt der Betriebsratsvorsitzende der Goldsteig-Käsereien am Tag danach. Erst um 2.30 Uhr war Peter Aschenbrenner von den Verhandlungen mit den Arbeitgebern der Milchindustrie wieder nach Cham gekommen. Die Arbeitgeber hätten am Ende ihren eigenen Vorschlag abgelehnt, sagt er. Die Arbeitgeberseite ist in ihrer Stellungnahme „befremdet“: Es habe nur ein Denkmodell gegeben, nie ein Angebot.

Aschenbrenner ist auch am Nachmittag noch immer fassungslos: „Was da passiert ist, ist einmalig in der Geschichte der Tarifverhandlungen der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten.“ Genauso hat es NGG-Geschäftsführer Rainer Reißfelder auf einem ersten Flugblatt formuliert.

Dabei hatte man sich spät am Abend auf einen Vorschlag der Arbeitgeber geeinigt, berichtet Aschenbrenner. „Die Arbeitgeber haben uns damit in die große Tarifkommission geschickt und dann gefragt, wie die Abstimmung ausgegangen ist. Als wir gesagt haben: Mit diesem Vorschlag können wir leben, da hat es plötzlich geheißen: Aber wir nicht!“ Um 23.15 Uhr hätten die Arbeitgeber so ihren eigenen Vorschlag abgelehnt.

Völlige Ratlosigkeit

Am nächsten Morgen herrscht im Lager der Arbeitnehmer noch immer völlige Ratlosigkeit: „Niemand kann sich das erklären. Es hat ja auch keiner der Arbeitgeber gesagt: Wir haben da noch einen Punkt, da gibt es Probleme. Die haben einfach ihren eigenen Vorschlag wieder zurückgezogen“, sagt Aschenbrenner.

Am frühen Nachmittag ging der Betriebsratsvorsitzende dann einen harten Gang: Er sollte der Belegschaft der Goldsteig-Käsereien etwas erklären, was er sich selbst nicht erklären konnte. „Ich hänge erst einmal das Flugblatt mit den Informationen auf und dann wird es eine Betriebsversammlung geben.“ Was das bei der Belegschaft auslösen würde, schwante Aschenbrenner zu diesem Zeitpunkt schon: „Die Stimmung war bisher schon recht aufgebracht, weil es keinen Vorschlag von den Arbeitgebern gegeben und man die Belegschaft mit der Inflation alleine gelassen hat, während man selber Rekordeinnahmen verbuchte. Das, was da passiert ist, wird die Lage nicht beruhigen“, so der Betriebsratsvorsitzende der Goldsteig-Käsereien am Dienstagnachmittag.

Was wird jetzt?

Und was wird nun aus den Verhandlungen? Man werde in die Schlichtung gehen, sagt Aschenbrenner. Als Schlichter sei Dr. Harald Wanhöfer benannt worden, der Präsident des Landesarbeitsgerichts München. Als Auftakt der Schlichtungsverhandlungen sei der 7. August vorgesehen.

NGG-Geschäftsführer Reißfelder hatte auch im Vorfeld schon erläutert, was den Goldsteig-Käsereien im Falle eines Scheiterns ins Haus stehen würde. Man werde in Intervallen streiken, ohne Lebensmittel zu vernichten und ohne eine Abwasser-Havarie zu riskieren.

Licht ins Dunkel der Arbeitgeber-Entscheidung, die zur Ablehnung geführt hat, bringt Felix Raslag, Director People, Culture & Communication, bei der Meggle-Group in Wasserburg am Inn. Sein CEO Matthias Oettel ist einer der Arbeitgebervertreter am Verhandlungstisch: Es habe sich nur um ein Denkmodell und kein Angebot gehandelt. Über diese unkorrekte Darstellung der Arbeitnehmerseite sei man in hohem Maße befremdet.

Nie Angebot, nur Denkmodell

In der Stellungnahme heißt es: „Die Arbeitgeber haben die Eckdaten eines Tarifabschlusses ihrer großen Tarifkommission vorgestellt und zur Abstimmung gestellt, nachdem die Arbeitnehmerkommission zugestimmt hatte. Die Arbeitgeber hatten die Arbeitnehmerseite um eine vorherige Bestätigung des Denkmodells gebeten. Die Arbeitgeberkommission hatte die Notwendigkeit der Durchführung einer Abstimmung in der eigenen Kommission klar gegenüber der NGG im Vorfeld kommuniziert. Die Arbeitgeberseite hat dieses Denkmodell aus wirtschaftlichen Gründen aufgrund der deutlich überhöhten Belastungen im Branchenvergleich mehrheitlich abgelehnt! Die NGG hat nun die Schlichtung angerufen. Wir hoffen sehr, dass im Rahmen der Schlichtung ein von beiden Seiten getragener Kompromiss gefunden werden kann.“

Auf die Frage, warum man ein eigenes Denkmodell letztlich ablehne und ob man sich ungenügend abgesprochen habe im Vorfeld, erklärten die Arbeitgeber: „Denkmodelle werden im kleinen Kreis entwickelt. Es war kein Angebot!“