Antje Weichmann lebt in Cham Gartentür an Gartentür mit einem Reh

Von Johannes Schiedermeier · 21. Juli 2024 um 16:00

Antje Weichmanns Garten am Waldrand hatte schon immer besondere Gäste. Davon gibt es ungezählte Videos und Bilder. Unvergessen der Live-Ausbruch von sechs Siebenschläfern aus einer Schublade im Schuppen, ein winziges Igelchen, das an einer Pipette nuckelt, oder ein nackter Stieglitz. Jetzt hat sie der Galerie ein neues Kapitel hinzugefügt. Seit Juli lebt sie Gartentür an Gartentür mit einem Reh.

„Man muss einfach ein bisserl irre sein für all so was“, sagt Antje Weichmann und lacht. „Und man kann es nur jemandem erzählen, der auch ein bisserl irre ist. Jemand anderer versteht das nicht“, fügt sie an. Der Reporter überlegt noch in der Redaktion, warum sie gerade ihm all diese Geschichten erzählt hat... Vielleicht, weil er auch am Waldrand lebt und die Fenster neben der Vogelfutterstelle nicht mehr putzt, seit der Buntspecht da reingeflogen ist..?

Stieglitz, Igel, Ringeltaube

Tiere zu päppeln, das war immer schon eine Leidenschaft von Antje Weichmann. Mal fiel ein Stieglitz aus dem Nest, dann brach sich ein Siebenschläfer das Bein. Igelkinder wurden ohne Mutter gefunden, eine Ringeltaube hat sich weh getan. Und irgendwie fanden alle den Weg zu ihr.

Dann wurde es zu viel. Vor allem das Igelpäppeln zog einfach zu viel Kraft. So ein Igelkind groß zu kriegen, dafür muss man auch nachts jede Stunde aufstehen wollen. „Irgendwann war ich gesundheitlich am Rand“, erzählt Weichmann. Schweren Herzens hat sie aufgehört.

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Dazu kam die Sache mit dem Uhu. Antje Weichmann liebt alle Vögel, aber der Uhu, der ist raus. „Ein Scheißkerl“, sagt die Igelpäpplerin. Der Uhu hatte sich als neues Revier – dumm ist er nämlich nicht – das Umfeld von Antje Weichmann auserkoren. Und so ein überlegener Nachtjäger rottet dort alles aus, was in sein Jagdschema passt. Leider auch Igel. Und er bleibt so lange, bis es nichts mehr zu holen gibt.

Und so fand die Päpplerin der Reihe nach die Stachelhüllen ihrer Schützlinge, oder sie kehrten einfach nicht zurück. Dabei hatte sie in jeden Igel viele Stunden ihres Lebens investiert, manchen aufgezogen. Die Natur kann manchmal hart sein. „Da wollte ich einfach nicht mehr. Das waren bestimmt 15 Igel, die da unterwegs waren. Jetzt ist eine Igelin zurückgekehrt...“

Und dann kam dieser Tag im Juli, als sie aus dem Fenster blickte und das Reh sah. Es stand da einfach mitten im Garten und äste vor sich hin. „Bei uns gibt es ja alles. Brombeeren, Haselnuss, Gräser, Bäume, Kräuter – und keine Feinde.“ Das merkte auch das Rehlein schnell und brachte eines Tages als ganz besonderen Vertrauensbeweis zwei Kitze mit in den Garten.

Seit Anfang Juli kommt das Reh immer wieder. Naira hat Weichmann sie getauft. Das heißt indianisch soviel wie „Die mit den großen Augen“. Es hat sich ein besonderes Verhältnis entwickelt – so Gartentür an Gartentür. „Manchmal sitze ich hinten auf der Terrasse, wenn sie kommt. Solange ich mich nicht bewege, lässt sie sich nicht stören und sie kommt ganz nahe. Ich muss dann aufpassen, dass mir die Zigarette nicht die Finger verbrennt, weil ich mich nicht mehr rauchen traue.“

Der Besuch kommt zu allen Tages- und Nachtzeiten. Deswegen ist Weichmann auch froh, dass der Rest der Nachbarschaft auch so begeistert ist. Denn Jagdpächter Sepp Wanninger und dessen Sohn Stefan finden die Besucher auch gut. „Die schießen oft auch mehr mit der Kamera als mit dem Gewehr“, sagt Weichmann und lobt die Kitzsuche der Jäger mit der Drohne: „Die machen da ganz viel.“

Und nicht nur die Rehe kommen über den Hang hinter dem haus in den Garten. Inzwischen beobachtet Weichmann auch die Hasen und staunt: „Die sehe ich dann über den Feldweg hoppeln. Dann sitzen sie am Waldrand neben der Straße und horchen. Wenn ein Auto kommt, laufen sie zurück. Wenn es still bleibt, kommen sie rüber auf die Wiese vor dem Haus. Das ist total interessant, da lernen die Jungen von den Alten. Bei uns wurde noch nie ein Hase überfahren.“

Und auch das Rehlein hat gelernt: Hier gibt es keine Zäune, keine Feinde, keine Mähmaschinen, keine Autos und genug zu äsen. Woanders sind die Wiesen gemäht, die Bäume eingezäunt und das Schussfeld ist frei.

Vom Leben am Waldrand

Das Leben am Waldrand und in einem naturbelassenen Garten hat es in sich. Der Pirol schreit den ganzen Tag, ist aber so unstet unterwegs, dass es nur verwackelte Bilder von ihm gibt. Der scheue Schwarzspecht schaut vorbei. Der Grünspecht hat seine beiden Jungen mitgebracht. Der Buntspecht hat Flugdefizite, kann beim Anflug auf die Futterstelle schlecht bremsen und nimmt ein Zwangsbad in der Tränke. Die Elstern haben sich als Nesträuber herausgestellt und werden gemeinschaftlich aus dem Garten geprügelt.

Wer auf dieser Terrasse sitzt, braucht kein Fernsehen. Und jetzt kommt auch noch täglich Naira. „Dafür lohnt es sich, zu leben“, sagt Antje Weichmann.