Andrea Berg feierte mit ihrem Publikum bei den Schlossfestspielen eine Schlagerparty

Bei den Schlossfestspielen in Regensburg war am Montagabend Andrea Berg zu Gast. Das Publikum war begeistert und feierte eine rauschende Sommerparty.
Während der Vorbereitung auf dieses Andrea Berg-Konzert bei den Schlossfestspielen, da drängt sich bald die Frage auf: Weshalb erscheinen in seriösen Zeitungen kaum ernsthafte Rezensionen, über Schlager-Events wie die Konzerte von Bergs „Sommer Open Air 2024“? Was bei Pop und Jazz völlig üblich ist, dass das Dargebotene einer kritischen Reflexion unterzogen wird, das ist in diesem Bereich offenkundig die völlige Ausnahme. Meist werden über Platten und Konzerte von Andrea Berg Texte publiziert, die sich wie Ankündigungen lesen. Und diese wiederum bestehen exakt aus jenem Wortmaterial der Anbiederung und Überwältigung, von dem auch die Gesangslyrik der seit den frühen 1990er Jahren erfolgreichen gebürtigen Kölnerin geprägt ist.
Andrea Berg mit neunköpfiger Band in Regensburg
Man macht sich’s also bequem, hier im ausverkauften Schlosshof, auf den harten Kunststoffklappsitzen, hält vergeblich Ausschau nach fürstlichem Besuch aus Krahwinkel, lauscht Dialogen über die „immer flippig angezogene Gloria“ und nimmt Damen mit schwarzen Westernstiefeln oder floral geschmückten Jumpern zur Kenntnis. Und beobachtet mit großem Vergnügen einen Herrn, der sich seine quietschgelbe Brille auf die Stirn geschoben hat, um so mittels seines Smartphones die einherschreitende, eine durchbrochene Schlaghose tragende Diva zu filmen.
Gerade hat die neunköpfige Band mit einer Herzschlag-Ouvertüre den Abend eröffnet, der digital erzeugte Beat gibt den Takt vor, für die folgenden zwei Stunden. Und da überfällt einen auch schon blitzartig die Erkenntnis und kann die selbstgestellte Frage beantworten: Naja, auch Fastfood-Restaurants werden von Gourmet-Kritikern eher selten besucht. Weil das, was hier geboten wird, eher die Züge von Systemgastronomie trägt. Nein, das ist weder zynisch noch fies gemeint. Sondern erklärt recht anschaulich, wie sich Tausende hier amüsieren – aber schon beim Heimgehen verliert keiner mehr ein Wort darüber, was da soeben zu erleben war.
Mit professioneller Routine hat Andrea Berg vor der Pause vierzehn ihrer Songs gesungen. Thematisch sind die eher dürftig aufgestellt. Dieses hoffnungslos romantische lyrische Ich, meist packt es kurzerhand eine Gelegenheit beim Schopf. Ergibt sich sodann dem Rausch einer Amour fou. Erlebt in aller Heimlichkeit – denn in der Logik der Sängerin haben „Gefühle Schweigepflicht“ – Leidenschaft, und zwar in ihrer verhängnisvoll-rasanten Variante. Und das alles in einem Setting, das wahlweise im Himmel, auf dem Mond, den Sternen oder gleich im gesamten Weltall angesiedelt ist.
„Sommer Open Air 2024“ bei den Schlossfestspielen: Publikum euphorisch
Wenn Andrea Berg nach der Pause ein Medley von Schlagerklassikern anstimmt und dabei auch die „Kleine Kneipe“ zitiert, dann wird sogleich der himmelweite Unterschied klar. Denn Peter Alexander (der freilich nicht der Textdichter war) gelang es auf ganz wenigen Zeilen, eine Feierabendskizze entstehen zu lassen, aus heimlaufenden Kindern, einer fegenden Krämersfrau und einem Obstkisten stapelnden Kleingewerbetreibenden – und schaffte damit eine dichte Atmosphäre. Bei Andrea Berg dagegen riecht alles nach Parfüm und Prosecco. Da geht’s ausschließlich um jenes eine „es“.
Um an dieser sensiblen Stelle Missverständnissen vorzubeugen: Nein, hier wird nicht auf Basis von Bewahrpädagogik argumentiert. Sondern der Sehnsucht Gelegenheit geboten, einen lauten Schrei loszulassen, der gebotenen Tiefe thematische Breite entgegenzustellen. Ein einziges Mal, das Publikum hat’s längst die Gelegenheit beim Schopf gepackt, mit Andrea Berg eine Schlagerparty zu feiern, weshalb alles winkt, klatscht und enthemmt tanzt, da nennt sie die Dinge beim Namen. Und da singt sie, die längst ein hochgeschlitztes weißes Glitzerkleid trägt, in ihr mit Glitzersteinen übersätes Mikro einen Hit von 2017. „Ja, ich will / mit Dir im Autokino Liebe machen / Ja ich will, an jedem neuen Tag mit Dir erwachen.“ Wie gesagt: Es geht nicht um moralische Empörung. Stattdessen um Logik. Wer, um Himmels Willen, möchte die Morgendämmerung auf einem Parkplatz im Nirgendwo erleben? Und dabei das Lenkrad im Magen und den Gangknüppel zwischen den Knien spüren?
Das feiernde Publikum dagegen ist jetzt zu allem bereit, für ein bisschen Freude und für Leichtigkeit. Und lässt sich bei der Zugabe vom Reimpaar „verletzt – besetzt“ euphorisieren. Der Himmel dagegen? Der ist leer, an diesem Abend. Nicht einmal geregnet hat’s.