Furth im Walds Partnerstadt Domazlice ist mehr als nur einen Ausflug wert

Gerade einmal 20 Kilometer liegen zwischen Furth im Wald und der tschechischen Partnerstadt Domazlice. Doch lohnt der Katzensprung über die Grenze, um die Stadt zu erkunden?
Das haben wir Karl Reitmeier gefragt, der die Region schon jahrzehntelang besucht, sie als so etwas, wie seine zweite Heimat bezeichnet.
So viel sei vorweg gesagt, die Luft, die man in Domazlice atmet, ist geschichtshaltig. Doch schon der Weg dorthin lädt zu einem Stopp ein. Bei Babylon kurz hinter der Grenze wartet neben der Straße ein herrlicher See, der zum Baden auffordert.
Es gibt Infrastruktur mit Kiosk und mehr. „Der Eintritt ist frei“, sagt Reitmeier, der den See bei ausgedehnten Radltouren für einen Erfrischungsstopp nutzt. Den könnten wir aufgrund der hohen Temperaturen auch gebrauchen, aber weiter geht‘s.
Soldaten, Märchen und Bier
In Taus – wie Domazlice zu deutsch heißt – angekommen, fahren wir erst einmal am Stadtzentrum vorbei. Gegenüber des imposanten Museums, das die ständige Galerie der Brüder Spillar beheimatet, befindet sich ein kostenloser Parkplatz. Jaroslav Spillar (1869 -1917) war ein damals bis heute beliebter zeitgenössischer Maler, der sich der Volkskultur des Chodenlandes widmete. Da ist es erstmals, das Wort „Choden“, das uns an diesem Tag noch häufiger begegnen wird.
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Durch das Tor, das im 13. Jahrhundert entstanden ist und im Jahr 1905 rekonstruiert wurde, geht es hinein in das langgezogene Stadtzentrum. In den Arkadengängen ducken sich kleine Geschäfte, Cafés und Bars. Reitmeier deutet nach oben. „V Caffé“ steht da in roter Schrift. „Eines meiner Lieblings-Cafés“, sagt er. Wie sich im Laufe des Rundgangs herausstellt, gilt das für ziemlich viele der zahlreichen gastronomischen Betriebe. Aus einer kleinen Bäckerei weht der Duft von Süßwaren, wie der berühmten Buchty, auf die Straße. Ein paar Meter weiter weist mein Stadtführer auf ein Bronzeschild am Rathaus hin: Hier wird Colonel Matt Konop gedacht, dessen Großeltern aus der Region stammen und nach Amerika ausgewandert sind. Konop kam als Soldat zurück und befreite die Heimat seiner Vorväter von den Nazis. „Wir wurden von einem der unsrigen befreit“, steht dort in englischer Sprache. Auch ein Blick ins Rathaus lohnt. Der prächtige Bau entstand um 1893 im Stil der Neorenaissance, nachdem das ursprünglich Gebäude abgebrannt ist. Im zweiten Stockwerk steht eine große Glasvitrine in der die Urkunde der Städtepartnerschaft mit Furth im Wald zu sehen ist. „Die ist 1990 geschlossen worden, war eine der ersten mit unseren tschechischen Nachbarn“, weiß Reitmeier.
In den Arkaden geht es weiter in Richtung Chodenburg. Immer wieder bleiben Leute auf einen kurzen Plausch mit Karl Reitmeier stehen oder heben die Hand für ein schnelles „Dobry den“ (Hallo). Spätestens wenn man erfährt, dass er sich eine Chodentracht hat nähen lassen, weiß man, dass er sich der Region sehr verbunden fühlt. Deswegen steuern wir jetzt auch die Chodenburg an, die etwas versetzt links neben dem Stadtplatz steht. Dort sind die Touristinformation und ein Museum untergebracht, das sich mit der Geschichte der stolzen Choden beschäftigt. Wir steigen hinab in ein sogenanntes Lapidarium, in dem ausgegrabene Skulpturen und andere Steine zu sehen sind. Wenig später sind wir zurück im Innenhof. Es ist kühl, still und es hat eine tolle Atmosphäre. Unbedingt empfehlenswert für eine Pause und eine gute Gelegenheit, sich eine Geschichte anzuhören. Reitmeier erzählt, dass der gesamte Stadtplatz unterkellert ist. Luftschächte entlang der Häuser zeugen davon. In der Nähe des Sokolsky Dum Hotels ist bei einem Haus der gesamte hintere Teil in einen Keller eingebrochen. Das hatte zur Folge, dass die kommunistische Regierung die Keller komplett ausbetonierte. Die Kirche Mariä Geburt mit dem angeschlossenen Stadtturm, das ehemalige Augustiner Kloster, es gibt wirklich viel zu sehen. Zum Beispiel auch eine Inschrift an einem Haus in der Nähe des Hotels. Hier hat Bozena Nemcova eine Zeit ihres Lebens verbracht und dort auch große Teile eine s Märchens geschrieben, das wohl jeder in seiner Verfilmung kennt: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel.“ Natürlich darf ein Abstecher zur Geschichte des Bieres der Stadt nicht fehlen, zumal die Stadtbrauerei die älteste ihrer Art in Tschechien ist. Ein großer Teil des gewaltigen Gebäudekomplexes wurde dem Erdboden gleichgemacht. Das alte Brauereigebäude blieb und wurde renoviert. Neben der Stadtbibliothek und Ausstellungsflächen gibt es hier eine Schaubrauerei, eine Kneipe und ein Restaurant. Wir sitzen auf der Terrasse unter großen Schirmen und genießen alkoholfreies Bier. Für alle, die nicht fahren müssen, empfiehlt Reitmeier das Domazlicka 12, ein helles Lagerbier oder das Ponocny 13, ein halbdunkles Lagerbier.
Eine grüne Stadtoase
Gestärkt geht es zurück zum Auto und etwas außerhalb hinauf auf die rund 550 Meter hohe Anhöhe Baldov. Von hier oben hat man einen wunderbaren Blick auf die Stadt der das Gefühl bestätigt, das man schon während des Rundgangs hatte: Domazlice ist grün. Zahlreiche kleine Parks mit teilweise fantastischem alten Baumbestand laden zum Verweilen ein. Hier oben steht auch ein sechs Meter hohes Denkmal, das an die Schlacht von Taus erinnert. Aber die Geschichte ist ja jedem Drachenstichfreund bestens bekannt.
Wer waren die Choden?
Die Choden waren zum Großteil bäuerlichen Standes. Sie übernahmen, ähnlich der künischen Freibauern Wachdienste an der Grenze zur Oberpfalz. Dafür genossen sie Sonderrechte, hatten eigene Wappen, Siegel und Standarten. Dieses Vorrecht verteidigten sie mit aller Härte.
Den Namen Choden haben sie ihrer Funktion als Grenzwächter zu verdanken. Chodit bedeutet gehen im Sinne von patrouillieren. Jedes Jahr wird in der Stadt ein buntes Trachtenfest der Choden gefeiert. Heuer vom 9. bis zum 11. August.
Während der Feierlichkeiten findet auch eine Wallfahrt zur auf einem Hügel über der Stadt gelegenen Laurentius-Kirche statt. Hier sollen am 13. August 1939 bis zu 30000 Menschen gegen die Besetzung durch die Truppen der Nationalsozialisten demonstriert haben.
Wer mehr wissen will: Das Museum Chodenburg liegt im Südwesten gleich neben dem Stadtzentrum.


