Aus Leoni Draht wurde Aerumtec – nun steht die Schließung des Traditions-Werkes bevor

Von Stefan Weber · 9. Juli 2024 um 15:20

Schon bevor der Vorstand von Aerumtec am Dienstagnachmittag seine Mitarbeiter darüber informierte, hatten sich die Gerüchte in der Stadt verdichtet: In der Niederlassung, die erst im Dezember von Leoni Draht übernommen worden war, stehen tiefgreifende Veränderungen bevor.

Zeitgleich zum Gespräch mit der Belegschaft, verschickte das Unternehmen mit Hauptsitz in Weißenburg eine Pressemitteilung, in der das Vorgehen dargelegt wird: „Nach einem überraschenden und signifikanten Einbruch der Auftragslage Anfang 2024 und fehlender Prognose für eine Verbesserung im laufenden Jahr“, sei die Entscheidung gefallen, einen der beiden Standorte zu schließen. Da das Restrukturierungs-Programm innerhalb der wenigen Monate seit der Übernahme keine Wirkung gezeigt habe, werde, um die „langfristige wirtschaftliche Stabilität der Aerumtec und den Erhalt der Mehrheit der Arbeitsplätze des Unternehmens“ gewährleisten zu können, der Standort in Bad Kötzting (Landkreis Cham) geschlossen.

Nur ein Standort bleibt

Unter Berücksichtigung aller wirtschaftlicher Faktoren habe die Unternehmensleitung entschieden, den Standort Bad Kötzting zu schließen, wobei auch am Standort Weißenburg Mitarbeiter abgebaut würden. Insgesamt blieben nach Abschluss der Maßnahme etwa 200 Mitarbeiter bei Aerumtec beschäftigt. Laut eigenen Angaben, beschäftigte das Unternehmen zuletzt rund 500 Mitarbeiter an den beiden Standorten in Deutschland sowie im englischen Cinderford und in Changzhou in China. Für die nach letztem bekannten Stand rund 120 Mitarbeiter, die nun von der Schließung des Werkes in Bad Kötzting betroffenen sein werden, sollen „sozialverträgliche Lösungen angestrebt“ werden, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Dr. Harald Wieland, Geschäftsführer der Aerumtec lässt darin verlautbaren: „Diese Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen. Aber sie ist notwendig, um die langfristige Wettbewerbsfähigkeit und die Sicherheit der verbleibenden Arbeitsplätze zu sichern.“

Die Unternehmensführung werde eng mit den Arbeitnehmervertretungen zusammenarbeiten, um die bestmöglichen Lösungen für die betroffenen Mitarbeiter zu finden. Weitere Informationen würden in den kommenden Wochen bekanntgegeben. Noch vor vier Monaten hörte sich das beim Antrittsbesuch von Bürgermeister Markus Hofmann anders an: Dr. Harald Wieland als neuer Vorstandsvorsitzender von Aerumtec kündigte an, dass in Bad Kötzting höherwertigere Produkte als bislang entwickelt werden sollten und damit das Werk, das unter Leoni zuletzt nicht mehr profitabel habe geführt werden können, zukunftsfähig werden sollte. Als neuer Gesellschafter wurde nach dem Ausscheiden von Leoni die Deutsche Invest Mittelstand (DIM) gefunden, eine Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in München. Investoren würden sich irgendwann einmal zurückziehen, sagte Geschäftsführer Wieland im März, und bis dahin gelte es, profitabel zu werden – ein Punkt, der wohl nicht erreicht wurde.

Es sollte sich nichts ändern

Mit „Kosteneinsparung“ und „Prozessoptimierung“ meine er nicht das, was viele seiner Kollegen darunter verstünden: Da nur der Gesellschafter (und auch der Name) gewechselt habe, bleibe das Unternehmen an sich dasselbe. Das bedeute, dass sich für die Mitarbeiter vor Ort überhaupt nichts ändern werde, außer, dass sie künftig mehr mit der Konzernzentrale in Weißenburg zu tun hätten als bisher mit der Leoni-Zentrale in Nürnberg – und das in einem positiven Sinne, wie Wieland versicherte. Anstatt sich wie angekündigt breiter auf dem Markt der Drähte und Litzen aufzustellen, wurde nun die Schließung beschlossen.

Wieland informierte noch am Dienstag auch Bürgermeister Markus Hofmann über die Entwicklungen. Der Geschäftsführer habe ihm erklärt, dass „die Aufträge zum Jahreswechsel gleich null“ gewesen seien. Stand heute, könnte die Produktion vielleicht schon im September dieses Jahres eingestellt werden.

Sicher sei, dass es die Niederlassung bis Jahresende nicht mehr geben werde und die Immobilie, für die ein längerfristiger Mietvertrag bestehe, für mögliche neue Mieter vorbereitet werden solle. „Das ist heftig, vor allem für die Mitarbeiter, die schon seit Jahrzehnten hier gearbeitet haben“, sagt Markus Hofmann. Er sichert zu, sich seinerseits bei den in Frage kommenden Firmen in der Region für die Übernahme der 120 noch bei Aerumtec beschäftigten Mitarbeiter einsetzen zu wollen.

Standort-Geschichte

1969: Gründung des Leoni- Standortes in Kötzting mit einer Lackdrahtfertigung

1987: Start des Ausbaus zu einem modernen Draht- und Litzenwerk sowie Kompetenz-Zentrum für Mehrfachdrahtzug (Schwerpunkt: feine und extra feine Drähte)

1994: Endgültige Einstellung der Lackdrahtfertigung

2004: Integration von Fertigungslinien für Einzeldrähte, Speziallitzen und Seile

2009: Die Finanzkrise des Jahres 2008, in der weltweit selbst große Banken ins Wanken gerieten, führte auch zu sinkender Nachfrage auf dem Automobil-Sektor. Gerade hier war die Sparte Leoni Wire-Cable-Wiring System mit ihrer Niederlassung in Bad Kötzting stark betroffen, da in großem Umfang Bordnetzwerke für Fahrzeuge gefertigt wurden. Im Frühjahr kam es zu ersten betriebsbedingten Kündigungen, nachdem Kurzarbeit und die Entlassung von Leiharbeitern nicht mehr ausreichten.

2019: Die Zahl an Mitarbeitern blieb über all die Jahre gut über 100, doch vermeldete das Unternehmen im 50. Jahr des Bestehens der Niederlassung, dass die Auftragslage nicht zufriedenstellend sei.

2023: Im Dezember übernahm die Deutsche Invest Mittelstand (DIM) die Werke in Weißenburg, Bad Kötzting, Roth sowie je eines in China und in Großbritannien. Die DI Mittelstand ist eine Beteiligungsgesellschaft mit Hauptsitz in München und legt nach eigenen Angaben den Schwerpunkt auf kleine und mittelständische Unternehmen , bei denen Potential gesehen werde, dass Umsatz und Betriebsergebnisse verbessert werden können.

Günther Buchner (Finanzvorstand), Dr. Harald Wieland (Geschäftsführer), Bürgermeister Markus Hofmann und Werksleiter Jürgen Maeckelburg (v.l.) beim Treffen im März in der der Niederlassung von Aerumtec, bei dem Aufbruchstimmung verbreitet wurde. . Foto: S. Weber