Kunst-Kubus in Regensburg: Wasserwesen spiegeln Kritik an Stadtplanung

Auf dem Dörnberg-Forum in Regensburg sind überlebensgroße Figuren aus Epoxidharz gelandet. Die Arbeit von Tina Kohlmann stößt im Viertel auf viel Interesse.
Huch, wer steht denn da? Auf dem Dörnberg-Forum – zwischen Fitnessstudio, Edeka, Café und Postfiliale – findet man seit Ende Juni einen großen Metallkubus. Er gehört zum Donumenta Art Lab on the Move und wird in Intervallen durch die verschiedenen Stadtteile Regensburgs bewegt. Je nach bespieltem Viertel präsentiert der Verein Donumenta ein anderes, für den spezifischen Ort gestaltetes und kuratiertes Kunstwerk.
Für das Dörnberg-Forum hat die Künstlerin Tina Kohlmann zwei überlebensgroße Wesen aus Epoxidharz geformt, die sich in dem von innen verspiegelten Kubus über die Köpfe der Passanten erheben. Im Titel der Installation „Go make thyself like a nymph o’ th’ sea” klingt an, dass es sich dabei um Wasserwesen handeln soll – moderne Nixen, deren amorphe Gestalt und deren martialisches Aussehen nichts mehr mit den romantischen Sirenen, Flussgeistern und Meerjungfrauen unserer Volksmythen gemein haben.
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Stattdessen macht die Künstlerin ihre Wesen durch Materialität, Farbigkeit und Form ihres Werks zu nicht-menschlichen Fremdkörpern. Im Gespräch erklärt Regina Hellwig-Schmid, Vorsitzende und künstlerische Leiterin des Donumenta-Vereins, dass sich das Epoxidharz, in das die Farben bereits bei der Formung des Kunstwerks wie in Bauschaum eingearbeitet werden, von klassischen plastischen Materialien wie Holz oder Stein abhebt. Andererseits greifen die Verspiegelungen und fluoreszierenden Farben, aber auch die amorphe Gestaltung der Kunstwerks Einflüsse aus der modernen Popkultur auf.
Vielleicht erreicht man wegen der Anklänge an Popkultur dieses Mal so viele junge Menschen, spekuliert Hellwig-Schmid. Sie tritt jeden Samstag in öffentlichen Gesprächen vor Ort mit Neugierigen in Kontakt und fängt die Resonanz auf das Kunstwerk ein. Gleich bei der Eröffnung habe ein ganzer Abiturjahrgang dort begeistert Fotos mit den fluoreszierenden Figuren gemacht und auch Kinder, die einerseits fasziniert von den übergroßen Wesen und andererseits auch von ihrer eigenen Spiegelung im Kunstwerk begeistert sind, interagieren mit dem Kubus.
Tina Kohlmanns Werk ist auch inspiriert von Shakespeares Drama „The Tempest“ (auf Deutsch: „Der Sturm“), das sie als Aufruf zur Auflehnung versteht. Über zwei Tage hat die Künstlerin vor der Anfertigung des Werks am Dörnberg-Forum verbracht, sich mit Regina Hellwig-Schmid ausgetauscht und die Passanten und deren Interaktion mit dem Platz beobachtet. Kunst abgestimmt auf ein Stadtviertel zu schaffen, bedeutet nämlich immer auch, Kritik einfließen zu lassen.
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Gemeinsam mit den Kuratorinnen Antonie Angerer und Anna-Viktoria Eschbach, die Tina Kohlmann als Artist in Residence in Peking kennengelernt hatte, lässt sich das Donumenta Art Lab also auf spannende externe Impulse ein – Regensburg aus der Perspektive von Menschen, die nicht hier wohnen und die die bespielten Stadtviertel nicht aus ihrem täglichen Arbeits- oder Spazierweg heraus erfahren, sondern sich kritisch mit städtischer Architektur und Infrastruktur auseinandersetzen.
Hier am Dörnberg-Forum stehen die Wasserwesen in starkem Kontrast zur aufgeheizten steinernen Umgebung. Die moderne Architektur, der ausgedehnte, aber nur spärlich begrünte Platz und die umliegenden Geschäfte bieten in einem der jüngsten Regensburger Stadtquartiere zwar auf den ersten Blick alles, was der Mensch zum Leben braucht. Auf den zweiten Blick fehlen in dieser bequemen, konsumorientierten Welt aber Anknüpfungspunkte an die immateriellen Stimuli von Kultur und Kunst. Auch Hellwig-Schmid betont diese absichtliche Kritik an der modernen Stadtplanung, die sich im Kunstwerk buchstäblich spiegelt.
Die Installation am Dörnberg-Forum ist noch bis 25. August zu sehen. Weil veränderte Lichtverhältnisse die Figuren im Kubus je nach Tageszeit unterschiedlich wirken lassen, lohnt sich ein zweimaliger Besuch – einmal bei Sonne und einmal bei Dunkelheit.
