In die Lust auf Jazz platzte am Samstag ein Wolkenbruch

Von Michael Scheiner · 7. Juli 2024 um 17:00

Wetterbedingt wurden am späten Samstag alle Konzerte im Freien abgesagt. Aber in Sälen, Durchgängen und unter Gewölben erlebten die Besucher mitreißende Konzerte.

Zu sehen war erstmal nichts, zu hören umso mehr. Aus dem Haus der Begegnung Hinter der Grieb, mitten in der Altstadt, drang verlockend der lustvolle Swing einer höllisch aufspielten Band ins Foyer. Doch draußen, an den Spielstätten unter freiem Himmel, waren am späten Samstagnachmittag alle Konzerte wegen des Sturms abgesagt. Deshalb drängten sich vor den Eingängen zum Haus der Begegnung Menschen in dichten Trauben. Sie wollten alle mehr von dem mitbekommen, was vom Durchgang des Lokals Amore, Vino & Amici flugs nach innen verlegt worden war. The Sweet Simones, eine junge neunköpfige Swingband aus München, drehte auf der improvisierten Bühne auf, dass der kleine Saal wie ein Dampfkessel funktionierte.

Hier, wo das Publikum nicht artig auf Bierbänken sitzen bleiben musste um zuzuhören, zuckten die Glieder und schlenkerten die Beine. Direkt vor den schwitzenden Musikanten hatten sich einige Tanzpaare sogar gerade so viel Platz geschaffen, um sich um die eigene Achse drehen zu können. Hier zeigte der längst mit den Weihen der Kunst versehene Jazz seine so wichtige komplementäre Seite – die des Entertainments.

Lesen Sie mehr: Tanzen und träumen beim Jazzweekend in Regensburg

Zu klassischen Swingnummern und eigenen, vom Bandgründer und Pianisten Aljoscha Kleinhammer geschriebenen Songs lieferte die Band mit dem vierköpfigen Bläser-Lineup und Sänger Jimmy Buford eine mitreißende Show. Zwar konnte man keine ausgefeilten Soli erwarten, aber musikantische Energie, die mit einem Schuss R&B die Menschen in Bewegung versetzte.

Das machte einige Stunden später auch Schlagzeuger Gerwin Eisenhauer mit seinem elektronischen Drumkit im Kreativzentrum Degginger. Schon am späten Nachmittag hatte der virtuose Drummer mit seinem vom Jungle inspirierten präzisen Spiel an die unterhaltende Tradition des Jazz im Kunstraum beim Wigg in Kallmünz angeknüpft. Mit Tenorsaxofonist Tobias Meinhart, der kurzfristig für die erkrankte Sängerin Layla Carter eingesprungen war, griff er zudem ein Element auf, das im zeitgenössischen Jazz manchmal etwas zu kurz kommt: Ohne Probe ließen sich die beiden Musiker auf das Experiment des spontanen freien Improvisierens ein. Dabei kommt es vor allem aufs genaue Hinhören an und darauf, sich aufeinander einzulassen. Sowohl in Kallmünz wie später in Regensburg gelangen den ungewohnten Duopartnern spannende und machtvoll groovende Konzerte, die das Publikum in Bewegung und Trance versetzten.

Am Ende hatte der aus New York kommende Meinhart drei Konzerte hintereinander gespielt und war erschöpft. Auch damit verwies der sich bis zur Ekstase verausgabende Saxofonspieler auf eine vergangene Zeit, als Jazzmusiker in Tanzsälen manchmal die halbe Nacht am Stück spielen mussten.

Als viele Jazzweekend-Besucher bereits auf dem Heimweg waren, bauten im Leeren Beutel die Jungs von Full Bloom erst ihre Instrumente für den Soundcheck auf, der dann nahtlos in den Konzertbeginn überging. Mit einem Soundgestöber aus E-Gitarre, E-Bass, Perkussion und nervösen Keyboardlinien erinnerten die Münchner entfernt an frühe progressive Rockgruppen wie Magma, Amon Düül oder Soft Machine.

Lesen Sie mehr: Besucher vergeben gute Noten ans Jazzweekend

Scheinbar diametral erschien dazu die junge Altsaxofonistin und Musiklehrerin Magdalena Busler mit ihrem Quartett. Sie eröffnete am Bismarckplatz den samstäglichen Jazzmarathon, der wenige Stunden später abrupt unterbrochen und dann für diesen Tag ganz abgesagt wurde. Busler stellte mit Kommilitonen der Würzburger Musikhochschule ausschließlich eigene Kompositionen wie „Breathe“ und „Autumn“ vor. Diese erinnerten in ihrer melodiösen Weiträumigkeit und den repetitiven Piano-Motiven manchmal an nordische Jazzkomponisten, wie sie auf Ecm und Act Music zuhause sind. Es fließen aber auch Latin- und Fusion-Elemente in ihre Songs mit ein. Die Songs versieht sie häufig mit Texten, wie sie in einer ihrer bilderreichen Moderationen erzählt und zitiert aus einem dieser poetischen Stimmungsbildern.

Ganz dem Gypsy-Jazz eines Django Reinhardt hat sich der Leutkirchner Gitarrist Manfred Fuchs mit seinem Trio verschrieben. Im Amore-Durchgang stellte er mit dem warmherzig und einfallsreich solierenden Bassisten Tiny Schmauch und Markus Kimmich an der Rhythmusgitarre Stücke wie „Karlis Coffee“ und die stimmungsvolle Ballade „The Sad clown“ vor. Musikalisch allerdings verliert sich der hochvirtuose Instrumentalist öfters in blitzblanken Läufen, die letztlich wenig sagen.

Manfred Fuchs und das Trio Leutkirch mischten im Lokal Amore Vino & Amici auf.
Die Tony Tara Soulband begeisterte in der Augustiner Fass-Bar 43.
Magdalena Busler und ihr Quartett eröffneten den Jazz-Marathon am Samstag.