Vor 48 Jahren im Wüstenstaat – nun gab es für Schwandorfer Wiedersehen mit Saudi-Arabien

Von Hubert Heinzl · 29. Juni 2024 um 05:00

Vor fast 50 Jahren war der Schwandorfer Vermessungsingenieur Reiner Janka (71) mit Ehefrau Rosemarie zum ersten Mal beruflich in Saudi-Arabien – und das für viele Monate. Das Erlebte hat die beiden nie losgelassen. Nun haben sie sich erneut zur früheren Wirkungsstätte aufgemacht.

Die Jankas empfangen in der Galerie „M17“ am Oberen Marktplatz in Schwandorf, die der Vermessungsingenieur 2016 eröffnet hat. Der Inhaber hat einen kleinen Aktenordner mitgebracht, in dem er fein säuberlich die Fotoausdrucke von der jüngsten Reise abgeheftet hat. Es ist eine Geschichte in Bildern, und zu erzählen gibt es viel.

Den Langzeit-Job in Saudi-Arabien übernahm Reiner Janka 1976 im Auftrag der Münchner Held & Francke AG. Bei dem Bauunternehmen war er zwölf Jahre lang als verantwortlicher Vermesser tätig. Und um eine Baumaßnahme ging es auch in dem Wüstenstaat: Etwa 300 Kilometer von der Hauptstadt Riad entfernt, wurde die Hauptverkehrsstraße erneuert – 320 Kilometer durch eine Fels- und Geröllwüste, in der tiefsten Provinz. Auch neue Verbindungswege plante die Crew aus knapp 80 Angestellten, die teilweise auch ihre Familien mitgebracht hatten. Rosemarie war in der Verwaltung von Anfang an dabei.

Ein Camp mitten in der Geröllwüste

Im Camp Khuff, wo die Beschäftigten wohnten, war das Leben spartanisch und luxuriös gleichermaßen. „Es gab ein Schwimmbad, einen Tennisplatz und sogar einen eigenen Arzt“, erzählt Janka. Doch auf der anderen Seite waren die Mitarbeiter meist auf sich allein gestellt. Zwar konnten sie sich dank Arbeitsvisum im Land frei bewegen, und alle paar Wochen ging es für eine Nacht in die Hauptstadt.

„Doch es war immer ein eingeschränktes Leben, ohne das gewohnte Drumherum. Man hat im Camp gelebt und auf der Baustelle“, erinnert sich der 71-Jährige. Verbindung zur Außenwelt gab es nur über das Radio. Und um mit den Eltern in Deutschland Kontakt aufzunehmen, einmal im Jahr vor Weihnachten, mussten die Jankas mehr als 100 Kilometer zum nächsten Telefon fahren.

Das Leben in der Wüste war aber nicht nur von Arbeit geprägt, sondern auch von Geselligkeit und Zusammenhalt, bestätigen beide. Man tauschte sich aus, traf sich regelmäßig zum Schach-, Rommé- oder Tennisspiel. „Man hat viel Zeit gehabt“, so der Vermessungsingenieur, und das war vielleicht auch eine Art Luxus. Von Lagerkoller jedenfalls keine Spur. „Einen Streit hat es nie gegeben“, sagt Rosemarie Janka mit Bestimmtheit.

Arbeit von Nordkorea bis Ruanda

Nach dem Wüsten-Trip ab dem Ende der 70er Jahre ist viel passiert. Reiner Janka hat sich selbstständig gemacht als Vermessungsingenieur und vor zwei Jahren das Schwandorfer Büro an Sohn Philipp übergeben. Er hat beim Bau einer U-Bahn in Taiwan mitgewirkt, in Nordkorea und Ruanda gearbeitet. 48 Länder hat das Paar schon bereist, und zweimal ging es sogar um die ganze Welt. Doch die Erfahrungen in Saudi-Arabien haben beide besonders geprägt.

Vor Jahren, als Reiner Janka auf Google Earth die Baustelle von damals suchte, entdeckte er, dass vom Camp Khuff immerhin noch die Bodenplatten zu sehen waren. So entstand die Idee, die alte Wirkungsstätte wieder zu besuchen. Möglich wurde das allerdings erst, als die Wüstenmonarchie Touristen-Visa einführte. Dann ging eigentlich alles ganz schnell: „Wir haben unsere Visa online in fünf Minuten gehabt“, sagt der 71-Jährige. Der Rest war Fernreise-Routine. Anders als früher, als die Jankas schon einmal mehr als 6500Kilometer mit dem Camping-Bus nach Saudi-Arabien gefahren waren, erfolgte die Anreise diesmal ganz bequem auf dem Luftweg.

Die letzten Meter ging es zu Fuß

Abenteuerlich war nur der letzte Abschnitt ihrer Reise. Denn zum Schluss mussten die Jankas querfeldein zu Fuß gehen. Dann fanden sie die Bodenplatten wieder und auch einige Mauerreste. Es war wie ein Wiedersehen. „Du bist im warmen Wüstenwind gestanden, hast die Augen zugemacht und gedacht, jetzt bist du wieder daheim“, erzählt Reiner Janka.

Aber die beiden wollten ja auch noch jemanden von früher treffen bei ihrer Spurensuche – den Beduinen Abu Sultan zum Beispiel, der ihnen damals immer das Wasser mit dem Tankwagen gebracht hatte. Doch in den Lehmhütten, in denen ihre Nachbarn von damals gelebt hatten, wohnte niemand mehr.

Ingenieur Zufall half bei der Suche mit

Am Ende half Ingenieur Zufall den beiden Reisenden. Ein Mann, der sich in der Gegend aufhielt, lud sie ins Haus seines Chefs ein, der sich schließlich als einer der drei Neffen ihres ehemaligen Wasser-Lieferanten entpuppte. Dieser war in der Zwischenzeit aber bereits verstorben.

Was folgte, glich einem Märchen aus 1001 Nacht. Die Jankas durften Abu Sultans Ehefrau begrüßen, die sich auf einem der inzwischen per E-Mail verbreiteten Fotos wiedererkannt hatte. Sie erhielten eine Einladung des zweiten Neffen in sein Hotel in Riad und mussten auch noch unbedingt seine Kamelherde besichtigen. Und sie nahmen per E-Mail Kontakt mit dem dritten Neffen auf, der zurzeit in London studiert. „Sie haben uns herzlich aufgenommen. Die Freude über den Besuch war wirklich groß“, sagt der Vermessungsingenieur.

Aus den Beduinen von früher sind wohlhabende Leute geworden, erzählen die Jankas. Aber sonst hat sich in der saudischen Provinz trotz dem Ende der Schleierpflicht und anderen Reformen ein Punkt nicht geändert: Die Gastfreundschaft ist hier so überaus ausgeprägt wie das Interesse an persönlichen Beziehungen. „Ganz anders als bei uns“, meint Janka. Nun überlegen die Schwandorfer, ob sie nicht noch einmal in den Wüstenstaat fliegen, mit ihren beiden Söhnen. „Die müsst ihr unbedingt mitbringen“ – da waren sich ihre neuen saudischen Freunde alle einig.

So fing alles an: Die Bauarbeiten in den 70er Jahren Foto: Reiner Janka
Schnurgerade zog sich die erneuerte Straße durch die Wüste.
Heute ist vom Camp fast nur noch die Bodenplatte zu sehen.
Zu Besuch bei Abu Sultans Witwe Fotos: Reiner Janka (4)