„Ich war erschüttert“: Ein Notfallseelsorger über den Einsatz im Hochwassergebiet

Von Friedrich Gluth · 16. Juni 2024 um 05:00

Dekan und Pfarrer Michael Hirmer aus Burglengenfeld (Landkreis Schwandorf) war bei der Hochwasser-Katastrophe in Süddeutschland als Notfallseelsorger im Einsatz. Was er erlebt hat.

Die massiven Regenfälle der vergangenen Wochen haben in vielen Bereichen Bayerns und Baden-Württembergs eine Hochwasser-Katastrophe verursacht. Flüsse traten über die Ufer, ganze Stadt- und Ortsteile standen unter Wasser. Dekan und Pfarrer Michael Hirmer aus Burglengenfeld war als Notfallseelsorger im schwer getroffenen Reichertshofen im Einsatz. Im Interview spricht er über seine Tätigkeit und das Leid aber auch die Dankbarkeit, die er dort erfahren habe.

Zahlreiche Einsatzkräfte halfen Hochwasser-Betroffenen

Um den Betroffenen so gut als möglich zu helfen und die Schäden an Hab und Gut möglichst gering zu halten, waren Feuerwehren, Sanitäter und die Polizei in die Hilfsaktionen eingebunden. Auch die Johanniter-Unfall-Hilfe der Ortsverbände Schwarzenfeld und Schwandorf war bei der Bewältigung der Hochwasser-Katastrophe aktiv. Wie Matthias Walk von der Sachgebietsleitung und Kommunikation der Johanniter mitteilte, haben die Johanniter mit 43 Einsatzkräften, elf Fahrzeugen und vier Geräteanhängern mehr als 500 Einsatzstunden in den Hochwassergebieten Katastrophenhilfe geleistet.

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Im Anschluss an die technischen Hilfeleistungen kamen am letzten Wochenende Einsatzkräfte der Psychosozialen Notfall-Versorgung (PSNV) zum Einsatz. Die unter der Leitung von Torsten Färber stehende sechsköpfige Gruppe sollte die Bewohner der teilweise massiv geschädigten Häuser bei ihrer Rückkehr in die Wohnungen begleiten. Aufgabe der Gruppenleitung war es auch, mit den übergeordneten Einsatzleitungen Kontakt zu halten. Zu dieser Gruppe gehörte auch Dekan Michael Hirmer, der Pfarrer der Katholischen Stadtkirche Burglengenfeld.

Herr Pfarrer Hirmer, kürzlich waren Sie als Mitglied eines Teams der Johanniter Schwarzenfeld im Einsatz. Wo genau waren Sie tätig?

Michael Hirmer: Wir waren in dem im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm liegenden Markt Reichertshofen tätig. Dort war der eigentlich kleine Fluss Paar über die Ufer getreten und hatte Straßenzüge und Ortsteile überschwemmt. Im Erdgeschoss von einigen Häusern stand das Wasser bis zu einem Meter hoch.

Das Wichtigste bei der Katastrophenhilfe

Wie ist die PSNV im Rahmen des Katastrophenschutzes zu sehen?

Hirmer: Der wichtigste Punkt bei der Katastrophenhilfe ist die technische Hilfeleistung, die durch verschiedene Organisationen, wie etwa das THW oder Feuerwehren, geleistet wird. Erst wenn diese Hilfsmaßnahmen abgeschlossen sind, wird Betroffenen bewusst, welcher Schaden durch die Katastrophe verursacht wurde. Die schweren seelischen Belastungen sollen, als erster Schritt, an dieser Stelle durch die PSNV aufgefangen und abgefedert werden. In einem zweiten Schritt versucht dann die PSNV die kurzfristige Hilfeleistung in eine langfristige Unterstützung überzuleiten.

Worin bestand Ihre Aufgabe in Reichertshofen?

Hirmer: Der Aufgabenbereich war zweistufig. In der ersten Stufe bin ich gemeinsam mit Ute Voigt, einem Mitglied unserer Gruppe, von Haus zu Haus gegangen. Die durch das Hochwasser geschädigten Bewohner konnten sich aussprechen, uns ihre Ängste, Sorgen und ihren Frust mitteilen oder auch ganz ungeniert weinen. Der zweite Punkt war die Schaffung einer Regelversorgung. Dabei habe ich mit den örtlichen Geistlichen gesprochen und ihnen Tipps gegeben, wie sie für die Betroffenen da sein können, zum Beispiel durch die Organisation von Hochwasser-Cafes oder Hilfestellung bei bürokratischen Angelegenheiten.

Welches Gefühl hatten Sie, als Sie die Schäden sahen?

Hirmer: Ich war durch das, was ich dort gesehen habe, zutiefst erschüttert. Da waren die materiellen Schäden, da Häuser, oftmals solche, die erst frisch gebaut oder saniert waren, praktisch entkernt werden müssen. Erschüttert war ich aber auch, weil das Hochwasser den Menschen so vieles, woran das Herz und die Erinnerungen hängen, weggenommen hat.

„Sie sollten spüren, dass jemand da ist“

Konnten Sie den Betroffenen auch direkt mit Maßnahmen helfen?

Hirmer: Wir haben uns Zeit genommen für die Gespräche mit den Geschädigten. Sie sollten spüren, dass jemand da ist, der sich für sie als Mensch Zeit nimmt, der mit ihnen fühlt. Wir haben versucht, eine Entschleunigung zu erreichen, damit keine Hektik, keine unnötige Unruhe entsteht. Und wir haben auch Hoffnung in der Form geschenkt, dass wir für Fragen, die den Betroffenen auf den Nägeln brannten, durch unsere Beziehungen zu den Helfern im Hintergrund Lösungen anbieten konnten. Für die Kinder hatten wir zum Beispiel Kuscheltiere mitgebracht, die ihnen über den erlittenen Verlust hinweghelfen sollten.

Welche Erkenntnisse konnten Sie aus Ihrem Einsatz mitnehmen?

Hirmer: Es gibt eine Reihe von Punkten, die hier anzuführen sind. Wichtig ist die Erkenntnis, dass Krisenintervention Teamarbeit ist. In diesem Zusammenhang möchte ich Janine Jobst erwähnen, die durch praktische Tipps so manches Alltagsproblem löste. Ein Ergebnis des Einsatzes in Reichertshofen war bei uns ein Gefühl der Dankbarkeit und der inneren Zufriedenheit, weil wir Menschen Hilfe bringen konnten. Und besonders gefreut haben mich die Worte eines Hochwassergeschädigten, der nach unserem Gespräch sagte: „Hätte nicht gedacht, dass man mit einem katholischen Pfarrer so gerade heraus reden kann.“

Kam mit vielen Betroffenen ins Gespräch: Dekan und Pfarrer Michael Hirmer. Foto: Hirmer