Schärferes Tierschutzgesetz: Verschwinden beliebte Rassen wie Bulldogge und Dackel bald?

Einstein ist eine französische Bulldogge. Er trifft mit seinem stumpfnasigen Gesicht, seinem kleinen, muskulösen Körper, und seinen Fledermaus-Öhrchen genau den Geschmack vieler Hundehalter – auch in Neumarkt. Doch zu welchem Preis? Einstein hat kaum noch Luft bekommen. Eine geplante Änderung des Tierschutzgesetzes soll Tieren aus Qualzuchten helfen.
Vor zwei Jahren kam Einstein mit seinem damaligen Herrchen in die Tierarztpraxis von Karen von Trauwitz in Neumarkt. Er war krank, die nötigen Operationen teuer. Sein Besitzer wollte ihn einschläfern lassen. Also nahmen ihn von Trauwitz und ihr Lebensgefährte und Praxismanager Jochen Lochmann auf. „Das dicke Ding und ich haben uns gesehen und fanden uns ganz toll“, sagt der 52-Jährige.
Seitdem gehört die Bulldogge zur Familie – und die ist groß: Das Paar hat noch vier weitere Hunde, darunter die drei Chihuahuas Chica, Pablo und Bärbel. Auch diese Rasse zählt zu Qualzüchtungen, denn sie haben durch ihre kleine Größe unter anderem häufig Probleme mit der Kniescheibe oder der Hüfte.
Qualzucht ist schon lange verboten
Seit 1986 ist es bereits verboten, Tieren Merkmale anzuzüchten, die zu Schmerzen und Schäden führen. Doch es scheitert an der Kontrolle. Deshalb plant das Bundeslandwirtschaftsministerium nun, mit einem Merkmalkatalog zu konkretisieren, welche erblichen Symptome Tieren schaden – zum Beispiel Blindheit, Taubheit oder Atemnot. Ist solch ein Kriterium erfüllt, darf mit diesem Tier eigentlich nicht gezüchtet werden. Ein generelles Verbot von Rassen ist nicht vorgesehen.
„Früher hat man darauf geachtet, was dem Hund gut tut. Jetzt darauf, was sich gut verkauft“, sagt eine Labrador-Halterin aus dem Landkreis, die anonym bleiben möchte. Ein anderer Hundehalter aus Neumarkt sagt: „Ich finde das ganz schlimm – bloß, weil es Menschen gefällt.“
Atemprobleme durch OP überwunden
Einstein hatte Glück im Unglück. Seine Atemprobleme hätten langfristig zu Herzproblemen führen können, sagt Lochmann. Durch Operationen hat das Paar dafür gesorgt, dass seine Atemwege freier sind. Nun sei er nach fünf Minuten Spielen nicht mehr platt. Auch wenn Lochmann selbst Qualzüchtungen Zuhause hat: Der 52-Jährige findet es super, dass nun stärker dagegen vorgegangen werden soll. Die betroffenen Rassen sollten seiner Meinung nach langsam zu ihrer ursprünglichen Optik zurückgezüchtet werden. Denn für ihn und von Trauwitz sei nie die Optik entscheidend gewesen, sondern das Wesen der Hunde.
Doch welche Rassen betrifft die geplante Verschärfung? Den Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) hat der Entwurf geschockt. Er enthalte zwar sinnvolle Änderungen, aber auch viel Interpretationsspielraum, heißt es in einer Pressemitteilung. Denn: Im Merkmalkatalog seien auch Anomalien des Skelettsystems genannt. Was genau das ist, bleibe laut VDH offen, betreffe aber so gut wie jeden Hund, der vom Urtyp Wolf abweicht – somit seien auch kurzbeinige Hunde wie der Dackel bedroht. Wegen dieser Unklarheit hat der VDH eine Petition gestartet.
Dackel zähle nicht zu Qualzuchten, sagt ein Züchter
Wird also die Dackelzucht bald verboten? Das glaubt der stellvertretende Vorsitzende des Dachshundclubs Oberpfalz, Reinhold Galli, nicht. Der Dackel werde oft fälschlicherweise zu Qualzuchten gezählt. „Der Dackel ist keine Qualzucht, wenn er seriös gezüchtet wurde. Er ist robust, gesund und langlebig.“ In der Kritik stehen die kurzen, krummen Beine mit langem Rücken. Das kann für den Hund zu Problemen führen. Doch bei der Zucht gebe es klare Unterschiede. Züchter, die beim VDH gelistet sind, unterlägen strengen Auflagen, so Galli. Dabei werde sehr genau auf die Gesundheit des Hundes geachtet. Die Wahrscheinlichkeit, einen Hund mit Mängeln zu bekommen, sei gering.
Aufklärung ist notwendig
Er selbst züchte seit 1987 Dackel für den Jagdgebrauch. Darin stecke „viel Arbeit und Herzblut“. Ein Zuchtverbot hätte letztlich zur Folge, „dass die qualitative Zucht hierzulande endet, aber dafür die illegale, unkontrollierte Beschaffung zunimmt“. Eine andere Hundezüchterin, die ebenfalls ungenannt bleiben will, aus dem Landkreis Neumarkt findet bei der Debatte vor allem eines wichtig: Aufklärung. Halter müssten wissen, was eine Qualzucht für Hunde bedeutet. Ebenso sollte man wissen, wo man einen gesunden Hund kauft – Angebote auf Ebay seien Tabu. Man sollte sich immer vor Ort einen Eindruck von der Zuchtstätte, dem Züchter und dem Tier machen.
Einstein hat eine OP geholfen. Von Trauwitz würde sich wünschen, dass Besitzer und Züchter mehr auf Bedenken und Ratschläge von Tierärzten hören. Ein Rassenerhalt mit gesunden Tieren funktioniere nur durch Zusammenarbeit. „Die Idee muss sein, gesunde Tiere zu züchten“, sagt Lochmann.
Weitere Infos zum Thema
VDH: Der Verband für das Deutsche Hundewesen ist der Dachverband von 183 Hundezucht- und Hundesportvereinen in Deutschland. Er repräsentiert etwa 600.000 Hundehalter. In den Rassehunde-Zuchtvereinen des VDH sind rund 10.000 Züchter organisiert und mehr als 250 Hunderassen werden betreut.
Gesetz: Geplant ist auch ein Ausstellungsverbot für Wirbeltiere mit Qualzuchtmerkmalen. Tierbörsen sollen kontrolliert werden. Auf Online-Plattformen dürfen Tiere aus einer Qualzucht nicht mehr verkauft werden. Anbieter von lebenden Tieren müssen ihre Daten hinterlegen. Ziel ist, dass das Gesetz frühestens Mitte 2025 in Kraft tritt.
