Herrschaftliches Anwesen im Landkreis Cham wird verkauft: Gut Hötzing sucht neuen Besitzer

Sieben Jahre nach dem Tod von Hans Stangl verkauft die Familie die Immobilie, die eine der letzten großen Visionen des Stadtrats und Unternehmers inspirierte – das Gut Hötzing im Landkreis Cham. Allein der Kaufpreis dürfte das Feld möglicher Käufer limitieren.
Scheune, Stallung, Wagenremise, Schloss, Verwaltergebäude, Brennerei, Weinkeller, Trausaal, eine Hochzeitssuite, ein Schützenheim, eine alte Schmiede, und ein prächtiger Schlossgarten samt Biergarten – über zweieinhalb Fußballfelder verteilen sich die verschiedenen Gebäude auf Gut Hötzing.
Mit 1162 Quadratmetern gibt die Regensburger Immobilienfirma Re/Max allein die Wohnfläche des Ensembles an. Seit letztem Wochenende hat das etablierte Unternehmen das denkmalgeschützte Objekt der Gemeinde Schorndorf und weit darüber hinaus auf ihrer Webseite eingestellt. Gutsherrin Theresa Stangl, die das Anwesen 2019 übernommen hat, sagt: „Wir haben uns den Verkauf lange überlegt.“
Und sie betont: Ein Besitzerwechsel soll keinesfalls unter Zeitdruck passieren. „Wir haben uns ein Jahr Zeit gelassen für unsere Entscheidung, und wir stehen unter keinem Druck. Wir können in aller Ruhe einen Nachfolger suchen.“ Denn das ist es auch, wonach Theresa Stangl und ihr Mann Jens Ausschau halten: einem Nachfolger und jemandem, der das in zwei Jahren erarbeitete wohl durchdachte Nutzungskonzept liebevoll und mit Weitblick umsetzt.
Tinyhäuser am Wasser
Mit dem „sehr modernen“ Konzept, so Stangl, soll dem ganzen Potenzial des Ensembles Rechnung getragen werden. Es sieht beispielsweise eine ökologisch gebaute Tinyhaus-Siedlung am Wasser vor, ein Cafe und Restaurant, Tagungs- und Seminarräume, Räumlichkeiten für kulturelle Veranstaltungen und vieles mehr. „Wir haben uns die letzten Jahre viel Vergleichbares angeschaut, um uns Ideen zu holen, was auch umsetzbar ist“, sagt Stang. Nebenher hat die Familie tatkräftig die Sanierung des Guts weitergeführt, die ihr Vater 2009 begonnen hatte.
Hans Stangl bewahrt Gut Hötzing vor Abriss
Damals drohte der Abriss der Anlage – das Ehepaar Monika und Hans Stangl zögerte nicht und übernahm das komplette Anwesen, das nicht nur Schorndorfs Bürgermeister Max Schmaderer als Dornröschenschloss bezeichnete. „Während der Arbeiten haben mein Mann und ich Minibaggerfahren und verputzen gelernt“, gibt Theresa Stangl Einblicke in die Renovierungsarbeiten. Vieles ist schon geschafft worden in den letzten Jahren, überschattet vom Tod des Unternehmers Hans Stangl.
Millionen für das Denkmalschutz-Ensemble
Dennoch: „Wir sprechen hier vermutlich schon von sieben bis zehn Millionen Euro Investitionssumme bei den heutigen Baupreisen, die der künftige Besitzer noch einmal für die Renovierung aufbringen müsste“, sagt Schmaderer. Zusätzlich zu den aufgerufenen 2,15 Millionen Euro Kaufpreis, wohlgemerkt.
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Dennoch ist Theresa Stangl zuversichtlich: „Das Konzept liegt fertig am Tisch, komplett mit allen Berechnungen – das Ganze muss sich natürlich für den Käufer auch lohnen. Aber allein die traumhafte Lage spricht schon für sich, so etwas haben wir in ganz Deutschland bei keinem vergleichbaren Objekt gefunden.“ Nicht umsonst überlaufen Brautpaare aus der ganzen Region schon jetzt das Gut – bis Oktober ist Gut Hötzing mit Hochzeiten ausgebucht, bereits heute liegen Anfragen für kommendes Jahr vor. „Die Brautpaare wissen über den Verkauf Bescheid, aber bis ein Käufer gefunden ist und alles umgesetzt wurde, das dauert zwei bis drei Jahre mindestens“, rechnet Stangl vor.
Zeitaufwand enorm für junge Familie
Sie selbst sieht als Mutter von zwei kleinen Kindern für ihre junge Familie keine Möglichkeit, den zeitlichen Aufwand für eine weitere Umsetzung der Sanierung aufzubringen. „Aber es gibt bestimmt jemanden mit genügend Investitionskraft und vor allem auch Zeit, der etwas Tolles aus dem Ganzen macht.“ Zumal die Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt über die Jahre außergewöhnlich gut gewesen sei, betont Stangl.
Am Ende werde man das Gut wohl mit einem lachenden und einem weinenden Auge übergeben, sagt Stangl. „Wir freuen uns, wenn für die Region und die Menschen hier etwas Neues entsteht“, sagt sie, aber natürlich gebe man das idyllische Zuhause nicht gerne auf. „Gestern früh haben wir von der Terrasse aus eine Ringelnatter beobachtet, ein Wanderfalke brütet unter dem Dachgiebel, und Rehe schleichen vorbei. Aber ich freue mich, wenn diese Idylle und Schönheit am ende viele Menschen genießen können.“
Daran ist auch Bürgermeister Schmaderer gelegen, der sich einen Käufer erhofft, der mit Herzblut die begonnene Sanierung beendet, damit das ganze Ensemble erhalten wird. „Was die Stangls bisher auf die Beine gestellt haben, ist bewundernswert“, lobt der Rathauschef, der überzeugt ist, dass das richtige Konzept und eine Ganzjahresgastronomie für die ganz Region ein Gewinn werden könnte. „Wenn sich jemand mit dem richtigen Gespür und Geschick und Hingabe finden würde, wäre das hier ein tolles Ausflugsziel und ein besonderer Veranstaltungsort.“
Früherer Kauf hat sich zerschlagen
Schon vor einer Weile habe sich ein junges Paar aus Regensburg für Gut Hötzing interessiert, verrät Schmaderer. Das Paar habe eine Gourmetgastronomie etablieren wollen, die Verträge seien bereits von den Behörden abgesegnet gewesen. Kurz vor Vertragsunterzeichnung habe sich das Paar getrennt, die Pläne hätten sich zerschlagen. „Das Objekt eignet sich ja gerade für Großverdiener, die ein solches Projekt stemmen könnten, auch gut als Abschreibungsobjekt“, preist Schmaderer Gut Hötzing an. „Es wäre wirklich im Sinne der Gemeinde und des Landkreises, wenn sich ein Käufer findet, der das Schmuckstück zu neuem Leben erweckt.“
Gut hat wechselvolle Geschichte
Geschichte: Im Jahr 1003 wird Gut Hötzing das erste Mal urkundlich erwähnt: Kaiser Heinrich II. schenkt den Ort zusammen mit Pösing, Scharlau und Frieding dem Hochstift Freising. Im 14. Jahrhundert wird Hötzing Sitz der Hetzinger, einer niederadeligen Familie. In den weiteren Jahrhunderten kommen und gehen immer wieder neue Besitzer. Im 20. Jahrhundert ist das Gut Hötzing weitestgehend unbewohnt. 2009 übernimmt die Familie Stangl das Ensemble, um es vor dem Abriss zu bewahren.

